„Krebszellen mögen keine Himbeeren“ und andere Ernährungslegenden bei Tumoren

Heike Dierbach | 23. Juni 2014

Autoren und Interessenkonflikte

Berlin – „Krebszellen mögen keine Himbeeren“, „Krebszellen lieben Zucker, Patienten brauchen Fett“ – mit diesen und diversen anderen Ernährungsratschlägen werden viele Krebspatienten nach einer Diagnose konfrontiert. Die Evidenz spielt dabei oft keine Rolle. Doch manche Diäten können problematisch werden.

Dr. Diana Rubin, Oberärztin im Evangelischen Geriatriezentrum Berlin, nutzte den 10. Berliner Krebskongress, um Patienten aufzuklären [1]: Im Workshop „Ernährung – die 10 häufigsten Legenden“ verglich sie die versprochene Wirkung der verschiedenen Diäten mit den wissenschaftlichen Nachweisen zur ihrer Wirksamkeit.

Rigorose Empfehlungen ohne Evidenz

„Am häufigsten fragen Betroffene derzeit nach der sogenannten ketogenen Ernährung“, berichtet Rubin. Diese Diät wird eigentlich bei zerebralen Anfallsleiden wie Epilepsie eingesetzt. Die Patienten essen sehr wenig Kohlenhydrate und dafür mehr Fett und Eiweiß. Die Befürworter einer ketogenen Krebsdiät gehen davon aus, dass sich Tumorzellen bevorzugt von Zucker ernähren.

„Bei Krebspatienten muss man immer daran denken, dass
sie nicht an Gewicht verlieren sollen.“
Prof. Dr. Ute Kämmerer

„Einzelbeobachtungen an Tumorpatienten, die bereits eine ketogene Diät durchführen, geben Anlass zu der Hoffnung, dass diese Form der Ernährung das Fortschreiten einer Tumorerkrankung aufhalten oder zumindest verlangsamen könnte“, meint etwa Prof. Dr. Ute Kämmerer, Biologin an der Frauenklinik des Universitätsklinikum Würzburg [2]. „Wissenschaftliche Beweise dafür gibt es aber nicht“, stellt Rubin klar: „Die vorliegenden Studien beziehen sich vor allem auf Tiere.“ An Menschen wurden bislang nur sehr kleine Untersuchungen mit weniger als 20 Patienten durchgeführt.

„Das liegt auch daran, dass die Diät sehr schwer durchzuhalten ist.“ Tumorzellen könnten sich prinzipiell von allen Substraten ernähren, auch von Eiweiß und Fett. Zwar schade eine zuckerarme Ernährung auch nicht automatisch, so Rubin. „Es besteht aber die Gefahr, dass sich der Patient unausgewogen ernährt oder nicht mehr genügend Kalorien zu sich nimmt.“ Zudem könne eine strenge Diät zur Belastung werden und Lebensfreude nehmen, „vor allem bei schwer kranken Patienten“.

Auf eine drastische Reduktion von Kohlenhydraten setzt auch die Diät des Biologen Dr. Johannes Coy. Ergänzend soll der Patient bestimmte Stoffe wie Laktat, Omega-3-Fettsäuren und sekundäre Pflanzenstoffe einnehmen, die Coy auch selbst verkauft [3]. Die Diät soll die Tumorzellen dazu bringen, ihren Stoffwechsel zu normalisieren. „Auch dafür gibt es keine überzeugenden Nachweise“, sagt Rubin, „allerdings ist die erlaubte Menge an Kohlenhydraten bedenklich gering.“ Coy empfiehlt 1 g pro Kilogramm Körpergewicht, normal ist das 3-Fache. „Bei Krebspatienten muss man immer daran denken, dass sie nicht an Gewicht verlieren sollen“, betont Rubin.

„Belege, dass Vitamine oder andere Produkte gegen Krebs helfen, fehlen.“
Prof. Dr. Ute Kämmerer

Eine weitere Diät ohne jede wissenschaftliche Grundlage ist das so genannte Basenfasten, das eine angebliche „Übersäuerung“ des Körpers beseitigen soll. Dies ist allerding über die Ernährung gar nicht möglich. „Man kann den Säure-Basen-Haushalt nicht über das Essen beeinflussen“, stellt Rubin klar (außer bei bestimmten Nierenstörungen). Eine Folge des Basenfastens sei aber oft ein Nährstoffdefizit.

Ärzte sollten fragen, ob der Patient Nahrungsergänzungsmittel nimmt

Rubin ging auch auf das Thema Nahrungsergänzungsmittel ein. Viele Patienten nehmen diese, weil sie damit den Krebs bekämpfen oder zumindest ihrem Körper während der Krankheit helfen möchten. „Notwendig ist dies aber nicht“, so die Expertin. Die Versorgung mit Vitaminen sei durch eine normale Ernährung zu 100% erfüllt (mit Ausnahme von Folsäure).

„Die Diät gibt ihm das Gefühl, selbst etwas gegen den Krebs tun zu können, und das ist ja durchaus positiv.“
Prof. Dr. Ute Kämmerer

„Belege, dass Vitamine oder andere Produkte gegen Krebs helfen, fehlen.“ Mehr noch: Es gibt Hinweise, dass diese Mittel eine Krebstherapie behindern können, weil sie sich nicht mit wichtigen Medikamenten vertragen. „Theoretisch ist auch nicht auszuschließen, dass Antioxidantien den Effekt einer Bestrahlung beeinflussen.“ Ärzte sollten daher Patienten befragen, ob sie Nahrungsergänzungsmittel einnehmen.

Rubin räumt ein, dass für den Patienten die wissenschaftliche Evidenz oft zweitrangig ist: „Die Diät gibt ihm das Gefühl, selbst etwas gegen den Krebs tun zu können, und das ist ja durchaus positiv.“ Wenn jemand dies als Anker brauche, würde sie daher auch nicht generell von einer speziellen Ernährung abraten: „So lange es nicht zu einer Mangelernährung kommt, kann man das dem Patienten auch lassen.“

Ein paar fundierte Diät-Tipps konnte Rubin aber am Ende doch geben, nicht nur für Krebspatienten, sondern für alle: Rotes Fleisch und Alkohol sollten nur in Maßen konsumiert werden. Wer dazu viel Obst und Gemüse esse, sich bewege und schlank bleibet, senke sein Risiko für viele Krebsarten deutlich. „Die richtige Ernährung ist also so einfach“, sagt Rubin, „und doch zugleich so schwer.“

Referenzen

Referenzen

  1. 10. Berliner Krebskongress, 13. bis 14. Juni 2014, Berlin
    Workshop für Patienten „Ernährung – die 10 häufigsten Legenden“ (4.6.2014)
    Rubin D: Ernährung – die 10 häufigsten Legenden
    http://www.dkk2014.de
  2. Kämmerer U: Informationen für Patienten „Die Ketogene Ernährung bei Krebserkrankungen“
    http://krebszellen-lieben-zucker-patienten-brauchen-fett.de/wp-content/uploads/2012/09/InfoBroschuereKetogen1011.pdf
  3. Coy J: Bestandteile der Therapie nach Dr. Coy
    http://www.johannescoy.de/therapie.php?site=therapie&case=bestand

Autoren und Interessenkonflikte

Heike Dierbach
Es liegen keine Interessenkonflikte vor.

Rubin D, Kämmerer U, Coy J: Es liegen keine Erklärungen über Interessenkonflikte vor.

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