Chronisch krank auf Reisen: „Die Risiken verschieben sich“

Sonja Böhm | 20. Juni 2014

Autoren und Interessenkonflikte


Prof. Dr. Tomas Jelinek

Immer mehr ältere Menschen reisen. Mit der Reiselust der Senioren steigt die Zahl der Reisenden mit Vorerkrankungen, die besonderen Beratungsbedarf haben. „Wir merken, dass dies bei Beratungen zunehmend eine Rolle spielt“, sagt Prof. Dr. Tomas Jelinek, Medizinischer Direktor am Berliner Centrum für Reise- und Tropenmedizin (CRM). Im Interview erläutert er, warum gerade für chronisch Kranke die sehr frühzeitige Beratung wichtig ist, was es in punkto Dauermedikation zu beachten gilt, und warum er für diese Patienten unter anderem Zoster-, Cholera- oder Pneumokokken-Impfungen empfiehlt.

Medscape Deutschland: Sie bieten ein Buch beim CRM an mit dem Titel „Reisen mit Risiko“, in dem Empfehlungen für die spezielle Gruppe der chronisch Kranken zusammen gefasst sind. Ist das Reisen für diese Patienten manchmal mit einem – vielleicht zu hohen – Risiko verbunden?

Prof. Dr. Jelinek: Zunächst ist mir wichtig zu betonen: Ich unterstütze es, wenn chronisch Kranke reisen – es tut ihnen gut. Auch wenn es überraschen mag – viele Erkrankungen bessern sich im Urlaub, das Wohlbefinden steigt und auch das Selbstwertgefühl.

Medscape Deutschland: Was ist denn der wichtigste Aspekt bei der reisemedizinischen Beratung dieser Patienten?

Prof. Dr. Jelinek: Wichtig ist zunächst, die normale Dauermedikation „abzuklopfen“. Denn meist nehmen die Patienten ihre Medikamente auf der Reise einfach wie gewohnt weiter – aber der Bedarf kann verändert sein. Das gilt z.B. für Diabetiker, die durch mehr Bewegung, einen höheren Kohlenhydratverbrauch oder infolge des wärmeren Klimas oft einen geringeren Insulinbedarf haben.

„Auch wenn es überraschen mag – viele Erkrankungen bessern sich im Urlaub.“

Oder für Hypertoniker, wenn sich in der Wärme die peripheren Gefäße erweitern und der Blutdruck sinkt. Nehmen diese Patienten ihr Insulin bzw. ihre Antihypertensiva wie gewohnt weiter, drohen Hypoglykämien oder eine Hypotonie. Die Medikation muss also entsprechend angepasst werden – und die Patienten müssen darüber Bescheid wissen.

Außerdem sind Interaktionen, etwa mit Malariamitteln, zu berücksichtigen. Und es können Ereignisse auftreten, die die Dauermedikation „torpedieren“ – z.B. Durchfallerkrankungen.

Dieser Komplex – wie verhalte ich mich vorort mit meiner chronischen Erkrankung – das ist eigentlich der Hauptaspekt der Beratung.

Medscape Deutschland: Und was sprechen Sie dabei konkret an?

Prof. Dr. Jelinek: Der chronisch Kranke muss für bestimmte Notfälle die entsprechenden Maßnahmen und Mittel an der Hand haben und die notwendigen Verhaltensregeln kennen. Er sollte z.B. zusätzlich zu seiner Dauermedikation ein Mittel gegen Durchfall dabei haben, damit er im Bedarfsfall schnell reagieren kann.

Er muss informiert sein, ob und unter welchen Bedingungen er seine Medikamente mit an Bord des Flugzeugs nehmen kann. Für Opiate oder auch Insulin kann es da in einzelnen Ländern Probleme geben. In unserem Buch „Reisen mit Risiko“ haben wir dazu z.B. Tabellen, welche Einschränkungen es gibt, und welche Formulare nötig sind.

Medscape Deutschland: Kann schon das Fliegen per se ein Problem darstellen, etwa für Patienten mit COPD oder Herzinsuffizienz?

Prof. Dr. Jelinek: Das sind eher Extremfälle, wenn Patienten mit COPD z.B. sehr schlecht eingestellt und deswegen nicht flugtauglich sind. Im Flugzeug herrscht, je nach Fluglinie, ein Luftdruck wie in 2.000 bis 2.400 Metern Höhe, das ist normalerweise unproblematisch, zumal man im Flieger ja nicht körperlich aktiv ist und eigentlich nur sitzt.

Eher problematisch ist da schon, wenn man am Urlaubsort auf große Höhen will. Ein Beispiel aus unserem Klientel war ein älterer Mann mit COPD. Er wollte eine Zugfahrt von China nach Lhasa in Tibet machen – eine Strecke, die bei Eisenbahnfans berühmt und beliebt ist. Sie gilt als die höchstgelegene Bahnstrecke der Erde. Er dachte, das wäre kein Problem, weil er ja nur im Zug sitzt. Aber der Zug fährt auf über 5.000 Höhenmeter – und dann wird es zu gefährlich.

„Dieser Komplex – wie verhalte ich mich vorort mit meiner chronischen Erkrankung – das
ist eigentlich der Hauptaspekt der Beratung.“

Das Fliegen selbst ist bei den meisten chronischen Erkrankungen kein Problem. Man sollte sich aber Gedanken machen, was man an Bord vielleicht benötigt – und z.B. Notfallmedikamente, etwa für einen epileptischen Anfall, im Handgepäck haben. Und man sollte darauf achten, dass man die Medikamente nicht zu knapp abgemessen mitnimmt – wenn diese im Koffer sind, dieser schon aufgegeben wurde und man nicht mehr rankommt, dann aber das Flugzeug stark verspätet ist, kann es Probleme geben, ebenso wenn der Koffer nicht ankommt. Es kann auch sinnvoll sein, mit der Fluggesellschaft zu reden, wenn diese z.B. einen medizinischen Dienst hat.

Medscape Deutschland: Impfungen sind natürlich für Menschen mit chronischen Erkrankungen auch immer ein wichtiges Thema. Da ist aber andererseits die Verunsicherung der Ärzte oft groß, etwa wenn es um Impfungen für chronisch Kranke unter einer Immunsuppression geht. 

Prof. Dr. Jelinek: Die Verunsicherung geht natürlich darauf zurück, dass es hier auf viele Fragen gar keine Antworten gibt. Es gibt nun mal nicht für jedes Immunsuppressivum in jeder Dosis und für jeden Impfstoff die entsprechenden Studien bzw. Erfahrungen. Wir haben oft nur sehr allgemein gehaltene – und zum Teil auch veraltete – Richtlinien; dies gilt speziell für Deutschland. Das schafft nicht unbedingt Sicherheit. Daher ist dies bei Fortbildungen immer ein wichtiges Thema. In den USA ist man da sehr viel weiter. Dort hat man sehr umfassende Richtlinien und Fallsammlungen.

Medscape Deutschland: Gibt es ein paar allgemeingültige Regeln für solche Patienten, wenn sie z.B. wegen einer rheumatoiden Arthritis eine immunsuppressive Behandlung erhalten?

„Wir haben oft
nur sehr allgemein gehaltene – und zum Teil auch veraltete – Richtlinien; dies gilt speziell für Deutschland.“

Prof. Dr. Jelinek: Pauschal lässt sich sagen, dass Lebendimpfungen bei Immunsuppression ein Risiko darstellen können, weil sich der Impfstoff verselbständigen und die Krankheit auslösen kann. Doch gibt es heutzutage nicht mehr so viele Lebendimpfungen. Es betrifft vor allem Masern, Röteln und Gelbfieber – da ist man eher vorsichtig. Doch Einiges deutet darauf hin, dass so viel Vorsicht gar nicht nötig ist. Erstaunlicherweise scheint das Risiko sehr gering zu sein, selbst bei medikamentöser Immunsuppression. Daher sind in den USA, aber z.B. auch den Benelux-Staaten die Empfehlungen geändert worden. Bei uns aber nicht.

Medscape Deutschland: Das bedeutet, wenn jemand immunsuppressiv behandelt wird, etwa mit Methotrexat wegen einer rheumatoiden Arthritis, kann er eventuell doch eine Gelfieberimpfung erhalten?

Prof. Dr. Jelinek: Nach unseren – wie gesagt veralteten – Empfehlungen in Deutschland wäre dies eine Kontraindikation. Aber nach den neuen Empfehlungen in den USA kann man dies im Einzelfall diskutieren. Solche Einzelfälle wären dann gegeben, wenn das Risiko der Erkrankung, etwa von Gelbfieber, wirklich relevant ist.

Für Methotrexat, Azathioprin und Mercaptopurin haben wir Daten, dass z.B. beim Gelbfieber das Risiko gegen null geht: Es sind keine Fälle beschrieben, in denen Patienten unter dieser Therapie durch die Impfung Gelbfieber bekommen hätten. Die Daten stammen aus Brasilien, weil es dort Gelbfieber gibt, und damit die ethische Rechtfertigung für die Impfung bestand, weil diese Patienten durch die Krankheit gefährdet waren. Die US-Empfehlungen haben diese Daten bereits berücksichtigt, die deutschen nicht.

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Sonja Böhm
Es liegen keine Interessenkonflikte vor.

Jelinek T: Es liegt keine Erklärung zu Interessenkonflikten vor.

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