LADY- und Double-Diabetes – kniffelige Diabetes-Diagnostik bei Kindern und Jugendlichen

Simone Reisdorf | 12. Juni 2014

Autoren und Interessenkonflikte

Berlin – Ausnahmsweise einmal gute Nachrichten zur Häufigkeit von Übergewicht und Adipositas bei Kindern und Jugendlichen in den Industrieländern: „Seit zehn Jahren haben wir keinen Anstieg mehr zu verzeichnen“, berichtete Dr. Dr. Joachim Rosenbauer vom Institut für Biometrie und Epidemiologie des Deutschen Diabetes-Zentrums in Düsseldorf auf dem Diabeteskongress [1]. Laut der Studie zur Gesundheit von Kindern und Jugendlichen in Deutschland (KiGGS) des Robert Koch-Instituts sind 14,8% der Kinder im Alter zwischen 2 und 17 Jahren in Deutschland übergewichtig und 6,1% adipös: Sie liegen mit ihrem Body Mass Index (BMI) über der 90. bzw. 97. Perzentile ihres Jahrgangs und Geschlechts.

Typ-2-Diabetes bleibt bei jungen Menschen in Deutschland die Ausnahme

Die deutsche Adipositaspatienten-Verlaufsbeobachtung (APV) bei 11.156 übergewichtigen und adipösen Teenagern zeigt, dass Prädiabetes bei ihnen eine häufige Komplikation ist: Eine erhöhte Nüchternglukose (IFG) hatten 6% dieser Population, eine gestörte Glukosetoleranz (IGT) oder beides hatten 5,5%. Manifester Typ-2-Diabetes kam dagegen nur bei 1,1% vor [2].


Prof. Dr. Matthias Blüher

Auch Registerdaten aus Nordrhein-Westfalen zeigen sehr niedrige Raten an Typ-2-Diabetes: Bei 5- bis 19-Jährigen beträgt die Inzidenz gerade einmal 1,04 pro 100.000 Personenjahre, die Prävalenz 6,2 (Jungen) bzw. 6,6 (Mädchen) pro 100.000.

„Tatsächlich ist Typ-2-Diabetes im Jugendalter nach wie vor eine extrem seltene Erkrankung“, bestätigt Prof. Dr. Matthias Blüher, Oberarzt an der Klinik und Poliklinik für Endokrinologie und Nephrologie am Universitätsklinikum Leipzig, im Gespräch mit Medscape Deutschland. „Adipöse Kinder und Jugendliche verfügen noch über Reservemechanismen, um Stoffwechselstörungen zu kompensieren und die Abwärtsspirale zum manifesten Typ-2-Diabetes zu unterbrechen.“

Typ-1-Diabetes ohne Autoantikörper

Insgesamt vermutet man in ganz Deutschland nur etwa 300 Jungen und 500 Mädchen im Alter von 5 bis 19 Jahren, die an Typ-2-Diabetes leiden. Dagegen gibt es knapp 60.000 Kinder und Jugendliche mit Typ-1-Diabetes und mehr als 1.700 mit anderen, seltenen Diabetesformen. Trotzdem werden adipöse Kinder und Jugendliche mit Glukosestoffwechselstörungen manchmal allzu rasch als Typ-2-Diabetiker eingestuft.

„Tatsächlich ist
Typ-2-Diabetes im Jugendalter nach
wie vor eine extrem seltene Erkrankung.“
Prof. Dr. Matthias Blüher

Die Zuordnung ist nicht immer einfach: „Neben erwartungsgemäß Antikörper-positivem Typ-1- und Antikörper-negativem Typ-2-Diabetes sehen wir durchaus auch andere Formen“, berichtet PD Dr. Thomas Michael Kapellen, Oberarzt an der Klinik und Poliklinik für Kinder und Jugendliche des Universitätsklinikums Leipzig. „So sind vier bis fünf Prozent unserer Typ-1-Diabetiker negativ für alle bekannten Autoantikörper.“

Typ-2-Diabetes mit Autoantikörpern – „LADY-Diabetes“

Umgekehrt wiesen in einer deutsch-österreichischen Studie 46 von 128 Typ-2-Diabetikern (36%) von 1 bis 19 Jahren mindestens einen Betazell-Antikörper auf. Sie waren jedoch phänotypisch nicht von den Typ-2-Diabetikern ohne Antikörper zu unterscheiden. Die Autoren vergleichen diesen nicht insulinabhängigen, aber von Autoimmunantikörpern begleiteten Typ-2-Diabetes bei Jugendlichen mit dem „latent autoimmune diabetes of the adults“ (LADA-Diabetes, Diabetes mellitus Typ 3) bei Erwachsenen. Sie schlagen deshalb die Bezeichnung „latent autoimmune diabetes in youth“ oder kurz „LADY“ vor [3].

Double Diabetes oder „Diabetes Typ 1,5“

„Adipöse Kinder
und Jugendliche verfügen noch über Reservemechanismen, um Stoffwechsel-
störungen zu kompensieren und
die Abwärtsspirale zum manifesten
Typ-2-Diabetes
zu unterbrechen.“
Prof. Dr. Matthias Blüher

Davon zu unterscheiden sind junge Menschen, die an Typ-1- und Typ-2-Diabetes zugleich erkrankt sind, eine extrem seltene, aber mögliche Kombination. „Ein Typ-1-Diabetes schützt nicht davor, bei Übergewicht und metabolischem Syndrom zusätzlich einen Typ-2-Diabetes zu entwickeln“, stellt Kapellen klar. Die Patienten leiden dann an „Double Diabetes“, auch als „Diabetes Typ 1,5“ bezeichnet. Mädchen sind für Typ-2- und für Double Diabetes etwas „anfälliger“ als Jungen, wie mehrere Studien zeigen.

Diagnostisches Vorgehen

„Jedes Kind und jeder Jugendliche mit Verdacht auf Diabetes sollte zur Abklärung und Einstellung zunächst zum Kinderdiabetologen überwiesen werden“, rät Blüher. „Dieser führt dann auch die aufwändigen Tests zur Erstdiagnose durch. Neben dem oralen Glukosetoleranztest mit Glukose- und Insulinverlauf sind dies die Messung von C-Peptid sowie die Fahndung nach Inselzellantikörpern und Ketonurie.“

Welche Therapie für junge Typ-2-Diabetiker?

Für die Therapie jugendlicher Typ-2-Diabetiker gebe es in Deutschland keine hochrangigen Leitlinien, so Blüher gegenüber Medscape Deutschland: „Die Erkrankung ist einfach zu selten.“ In Anlehnung an die internationalen ISPAD-Guidelines empfiehlt PD Dr. Klemens Raile, Pädiatrische Diabetologie, Charité Berlin:

  • Lebensstiländerung,
  • bei milder Diabetessymptomatik zusätzlich Metformin,
  • bei ausgeprägter Symptomatik und/oder Ketose dazu noch Insulin.

Die Stoffwechseleinstellung müsse regelmäßig kontrolliert werden: Nüchtern- und postprandialer Blutzucker mindestens einmal monatlich, HbA1c dreimonatlich. Bei Erreichen des Ziels von nüchtern 5,0–7,2 mmol/l (90–130 mg/dl) und postprandial < 10,0 mmol/l ( < 180 mg/dl) könne das Insulin allmählich abgesetzt werden.

„Ein Typ-1-Diabetes schützt nicht davor, bei Übergewicht
und metabolischem Syndrom zusätzlich einen Typ-2-Diabetes zu entwickeln.“
PD Dr. Thomas Michael Kapellen

Die gleichen Grenzwerte sollten laut ISPAD für die Therapie nur mit Lebensstiländerungen mit oder ohne Metformin zugrunde gelegt werden. Dieses Therapieregime ist im Jugendalter sehr aussichtsreich, betonen Blüher und Raile unisono. So normalisierte sich der Stoffwechsel von 60 bis 70% der Jugendlichen in der APV-Kohorte, wenn sie langfristig in spezialisierten Zentren behandelt wurden, allein durch Diät und Sport – trotz nur geringer Gewichtsabnahme.

Ist dennoch eine Therapieintensivierung nötig, nennt die ISPAD-Guideline die Zugabe eines Sulfonylharnstoffs zum Metformin oder aber den Wechsel zu Insulin glargin plus einem Glinid. Genügt auch das noch nicht, werden Mehrfachkombinationen empfohlen, bei denen auch Sulfonylharnstoffe und Glitazone ins Spiel kommen [4]. „Zugelassen sind die oralen Antidiabetika – außer Metformin – für Kinder in Deutschland nicht“, so Blüher, „man kann aber zumindest auf langjährige Erfahrungen zurückgreifen.“

Referenzen

Referenzen

  1. 49. Kongress der Deutschen Diabetes Gesellschaft (DDG 2014), 28. bis 31. Mai 2014, Berlin
    Symposium „Typ 2 Diabetes bei Jugendlichen“
    (31.5.2014)
    http://www.diabeteskongress.de/ programm/wissenschaftliches-programm.html
  2. Korner A, et al: Int J Obes (Lond). 2013;37(7):931-936
    http://dx.doi.org/10.1038/ijo.2012.163
  3. Reinehr T, et al: Arch Dis Child. 2006; 91(6):473-477
    http://dx.doi.org/10.1136/adc.2005.088229
  4. International Society for Pediatric and Adolescent Diabetes
    https://www.ispad.org/resource-type/idfispad-2011-global-guideline-diabetes-childhood-and-adolescence

Autoren und Interessenkonflikte

Simone Reisdorf
Es liegen keine Interessenkonflikte vor.

Rosenbauer J, Kapellen TM, Raile K: Es liegen keine Erklärungen zu Interessenkonflikten vor.

Blüher M: Es liegen keine Interessenkonflikte vor.

Wir bitten darum, Diskussionen höflich und sachlich zu halten. Beiträge werden vor der Veröffentlichung nicht überprüft, jedoch werden Kommentare, die unsere Community-Regeln verletzen, gelöscht.