Unkalkulierbar wie der Ausgang der WM: Schlaganfall- und Infarktgefährdung der Fußballfans

Gerda Kneifel | 11. Juni 2014

Autoren und Interessenkonflikte


Prof. Dr. Dr. Winfried Banzer

Spannende Fußballspiele lassen die Adrenalinspiegel steigen. Steht deshalb zu befürchten, dass aufregende Spiele bei der Fußballweltmeisterschaft in Brasilien für manche Zuschauer auch ein kardiovaskuläres Risiko bedeuten? Zumindest nicht regelhaft. Nach einer vor kurzem im Journal of Stroke and Cerebrovascular Diseases erschienenen Studie war bei Fans im französischen Dijon, die dort internationale Fußballbegegnungen verfolgt hatten, die Schlaganfallrate rund um die Spiele um 40% erniedrigt [1].

„Andere Studien kommen zu ganz anderen Ergebnissen. Deshalb sollte man äußerst vorsichtig sein, aus dieser oder vergleichbaren Studien eine Regel abzuleiten“, kommentiert Prof. Dr. Dr. Winfried Banzer, Institut für Sportwissenschaften der Universität Frankfurt/Main und Mitglied des Beirates Sportentwicklung des Deutschen Olympischen Sportbundes (DOSB), dieses Ergebnis. Banzer selbst hat schon Menschen untersucht, die ein Fußballspiel am Bildschirm verfolgten und Veränderungen des Herzkreislauf-Verhaltens beobachtet. Er warnt: „Menschen mit Vorerkrankungen sollten vorsichtig sein.“


Prof. Dr. Christoph Herrmann-Lingen

Prof. Dr. Christoph Herrmann-Lingen, Direktor der Klinik für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie, Universitätsmedizin Göttingen, sieht dies ähnlich: „Spannende Spiele können heftige Emotionen, wie Ärger, Angst, aber auch Euphorie auslösen, die wiederum Herzinfarkte, Stress-Kardiomyophathien und andere kardiale Notfälle auslösen können.“

Hier sei die Datenlage auch recht eindeutig [2]: „Akuter emotionaler Stress erhöht kurzfristig das kardiale Risiko, was maßgeblich mit der begleitenden vegetativen Übererregung zusammenhängt. Zum anderen aber geht Fußballgucken oft mit ungesunden Verhaltensweisen wie Rauchen, Alkoholgenuss und ungesunder Ernährung einher. Alkoholgenuss und schwere Mahlzeiten können ebenfalls Infarkte und so weiter auslösen“ – zumal potentielle Auslöser von Koronarsyndromen womöglich kumulativ wirken. 

„Menschen mit Vorerkrankungen sollten vorsichtig sein.“
Prof. Dr. Dr. Winfried Banzer

Lässt Zuschauen beim Fußball die Risiken sinken?

Anders jedoch das Ergebnis der französischen Studie: Wissenschaftler um Dr. Corine Aboa-Eboulé, Universitätshospital und Fakultät für Medizin in Dijon, unternahmen die erste langfristige populationsbasierte Studie zum Thema kardiovaskuläre Risiken bei Zuschauern von Fußballspielen. Sie ermittelten aus dem Dijon Schlaganfall-Register die Zahl der Schlaganfälle bei Zuschauern von insgesamt 8 Welt- und Europameisterschaften zwischen 1986 und 2006 und verglichen sie mit der „nicht exponierten Zeit“ (also ohne Fußball) im Folgejahr. Die Beobachtung schloss jeweils 14 Tage vor und nach den Fußballereignissen ein.

„Spannende Spiele können heftige Emotionen, wie
Ärger, Angst, aber auch Euphorie auslösen.“
Prof. Dr. Christoph Herrmann-Lingen

Insgesamt erlitten während der Meisterschaften 175 Menschen einen Schlaganfall. Im Vergleich dazu waren es während 2 fußballfreien Referenzperioden 192 bzw. 217 Schlaganfälle. Im Schnitt waren die Schlaganfall-Patienten 75 Jahre alt, 52 % waren Männer. Die Gesundheitsmerkmale der Patienten in den 3 Untersuchungsperioden waren im Wesentlichen ähnlich, mit Ausnahme einer etwas niedrigeren Körpertemperatur und einer höheren Anzahl an Diabetikern während der Fußballmeisterschaften.

Eine österreichische Studie, veröffentlicht im International Journal of Cardiology, bestätigt die französischen Daten [3]. An der Salzburger Universität hat man die bayrischen Daten zu Hospitalisierungen aufgrund von akuten Koronarsyndromen (ACS) während der WM in Deutschland im Jahr 2006 ausgewertet. Das Ergebnis: In der fußballfreien Referenzzeit erlitten täglich im Schnitt 176 Bayern ein akutes kardiales Ereignis. An den insgesamt 7 Spieltagen der Deutschen waren es im Schnitt nur 161; an anderen Tagen der WM kam man im Schnitt auf 170 ACS. Auch hiernach kann also von einem gesteigerten Risiko bei deutschen Fans keine Rede sein. 

Cave Endrundenspiele: Mehr kardiale Notfälle bei den Zuschauern

Doch sind diese relativ aktuellen Studien eher Ausnahmen. Zahlreiche Untersuchungen sind zu anderen Ergebnissen gekommen. PD Dr. Ute Elisabeth Wilbert-Lampen und ihre Kollegen vom Universitätsklinikum München Campus Großhadern etwa fanden heraus, dass die Zahl kardialer Notfälle an Tagen, an denen die deutsche Mannschaft um den Pokal kämpfte, im Vergleich zur Kontrollperiode doppelt so hoch war. Menschen mit bekannter Koronarerkrankung sind besonders gefährdet, bei ihnen stieg die Zahl sogar auf das Vierfache [4].

Am häufigsten traten Herznotfälle bei den Endrundenspielen auf. Gegen Argentinien gab es ein Elfmeterschießen und das Spiel gegen Italien ging in die Verlängerung. Die kardiovaskuläre Ereignisrate stieg jeweils bereits in den Stunden vor dem Spiel an, erreichte 2 Stunden vor Anpfiff einen Höhepunkt und blieb bis einige Stunden nach Spielende noch auf hohem Niveau.

Wie lassen sich die divergierenden Ergebnisse der Studien erklären? „Womöglich zeigen unsere Ergebnisse eine Abnahme der Schlaganfälle, weil wir unsere Untersuchungszeiträume auf 14 Tage vor und nach dem Spiel ausgeweitet haben“, vermuten die Autoren aus Dijon. Denn positive Wirkungen, wie die Euphorie nach einem gewonnenen Spiel, könnten nachhaltiger gewirkt und das erhöhte Risiko während des Spiels überkompensiert haben. 

„Zum anderen aber geht Fußballgucken oft mit ungesunden Verhaltensweisen
wie Rauchen, Alkoholgenuss
und ungesunder Ernährung einher.“
Prof. Dr. Christoph Herrmann-Lingen

Auch sei die Aussagekraft limitiert, weil z.B. keine Daten zu Schlaf, Alkoholkonsum oder Essensgewohnheiten vorlagen. Zudem wurde aus verschiedenen Meisterschaften ein Datenpool gebildet, der Ausgang des Spiels blieb unberücksichtigt.

Vorsicht bei Vorerkrankungen

Grundsätzlich ist nach Ansicht Herrmann-Lingens davon auszugehen, dass die Aufregung beim Fußballgucken nur dann zu einem kardiovaskulären Ereignis führt, „wenn bereits eine instabile, oder auch bislang unerkannte kardiale Grunderkrankung vorliegt“. Personen mit Vorerkrankungen sollten tatsächlich eher vorsichtig sein, „das ist die Generalaussage, auf die immer wieder aufmerksam gemacht werden sollte“, betont auch Banzer.

Wie jemand auf ein Spiel reagiert, hängt von vielen sehr unterschiedlichen Faktoren ab. „Es ist sicher auch mit entscheidend, ob das bevorzugte Team gewinnt oder verliert“, gibt Banzer zu bedenken. Auch die Wetterlage oder eben der Lebensstil der Zuschauer haben Einfluss. „Es ist insgesamt eine absolut individuelle Risikolage, ein Fußballspiel zu verfolgen – wie eigentlich alles im Leben. Es sind auch schon Menschen bei ihrer eigenen Hochzeit gestorben.“

„Es ist sicher auch
mit entscheidend, ob das bevorzugte Team gewinnt oder verliert.“
Prof. Dr. Dr. Winfried Banzer

Dennoch sollten Ärzte bei ihren Patienten mit koronarer Herzerkrankung vor einem Stressereignis, wie es etwa ein WM-Spiel sein kann, Art und Dosierung der verabreichten Medikamente überprüfen, rät Wilbert-Lampen. ACE-Hemmer bei hohem Blutdruck sollten im Zweifelsfall durch ein zusätzliches Blutdruck senkendes Mittel ergänzt werden.

Herrmann-Lingen hat ein weiteres Rezept: „Grundsätzlich ist es am gesündesten, den Fußball als das zu sehen, was er ja eigentlich sein soll: Ein Spiel, das Freude machen soll – nicht weniger, aber auch nicht mehr.“

Referenzen

Referenzen

  1. Aboa-Eboulé C, et al: Journal of Stroke and Cerebrovascular Dis. 2014; 23(3): e229-235
    http://dx.doi.org/10.1016/j.jstrokecerebrovasdis.2013.10.004
  2. Tasch C, et al: Wiener Medizinische Wochenschrift 2012; 162: 337
    http://dx.doi.org/10.1007/s10354-012-0137-5  
  3. Niederseer D, et al: Internat Journ of Cardiology. 2013; 170(2): 189-194
    http://dx.doi.org/10.1016/j.ijcard.2013.10.066 
  4. Wilbert-Lampen U, et al: NEJM. 2008; 358: 475-483
    http://dx.doi.org/10.1056/NEJMoa0707427  

Autoren und Interessenkonflikte

Gerda Kneifel
Es liegen keine Interessenkonflikte vor.

Aboa-Eboulé C, Banzer W, Herrmann-Lingen C: Es liegen keine Erklärungen zu Interessenkonflikten vor.

Wir bitten darum, Diskussionen höflich und sachlich zu halten. Beiträge werden vor der Veröffentlichung nicht überprüft, jedoch werden Kommentare, die unsere Community-Regeln verletzen, gelöscht.