Typischerweise untypisch: Frühe Zeichen für ein Parkinsonsyndrom

Shari Langemak | 4. Juni 2014

Autoren und Interessenkonflikte

Istanbul – Ein Patient kommt mit Obstipation, Riech- und Schlafstörungen in Ihre Praxis – unter welcher Krankheit könnte er leiden? Möglicherweise bald an einem Parkinsonsyndrom. Zwar ist die degenerative Erkrankung hauptsächlich für ihre Bewegungsstörungen bekannt. Doch heißt dies noch lange nicht, dass die Patienten nicht ebenso unter nicht-motorischen Störungen leiden. Ganz im Gegenteil: Oft gehen diese den klassischen Symptomen sogar voraus.


Prof. Dr. Heinz Reichmann

Auf dem Joint-Kongress der European Neurological Society (ENS) und der European Federation of Neurological Societies (EFNS) waren nicht-motorische Störungen bei Parkinson deshalb auch ein großes Thema [1]. Im Interview mit Medscape Deutschland spricht der weltweit renommierte Parkinson-Experte Prof. Dr. Heinz Reichmann, Direktor der Neurologie am Universitätsklinikum Dresden, über die neuesten Forschungsergebnisse und deren Konsequenzen für die Praxis.

Medscape Deutschland: Herr Professor Reichmann, wer an Parkinson denkt, erinnert sich zunächst an die Trias Rigor, Tremor, Akinese. In Ihrem Vortrag mahnen Sie aber dazu, auch weitere Symptome nicht außer Acht zu lassen, die den Patienten mindestens ebenso belasten. Von was für Symptomen reden wir hier?

Prof. Reichmann: Nach klassischer Definition ist Parkinson eine Bewegungsstörung. Doch von dieser Einschränkung sind wir mittlerweile weit entfernt. Längst wissen wir, dass bis zu vier nicht-motorische Symptome der Parkinsonerkrankung vorausgehen können. Etwa 90 Prozent der Parkinson-Patienten leiden unter einer Riechstörung, bei mindestens der Hälfte tritt sie noch vor Tremor und Rigor auf.

„Bis zu vier
nicht-motorische Symptome können der Parkinson-
erkrankung vorausgehen.“

Ähnlich verhält es sich mit der sogenannten REM-Schlaf-Verhaltensstörung. Dabei leben die Patienten ihre Träume motorisch aus, schlagen um sich und schreien. 50 Prozent aller Patienten, die unter einer solchen REM-Schlaf-Verhaltensstörung leiden, entwickeln nachher ein idiopathisches Parkinsonsyndrom oder eine Demenz. Etwa 30 Prozent aller Parkinsonpatienten haben vor den motorischen Symptomen eine Depression. Obstipation ist außerdem sehr häufig, genaue Zahlen hierzu kennen wir aber leider nicht.

Medscape Deutschland: Sind diese Beschwerden aber im Vergleich zu der schweren motorischen Störung nicht eher zu vernachlässigen?

Prof. Reichmann: Ganz im Gegenteil! Eine Erhebung zeigt, dass sieben von den zehn als am schlimmsten empfundenen Beschwerden nicht-motorischer Natur sind. Natürlich klagen die Patienten über das Zittern und die Steifigkeit und die Bewegungshemmung. Aber dann kommen noch immer sieben nicht-motorische Beschwerden dazu, die ebenso belasten. Am häufigsten werden Fatigue, Schlafstörungen, Anhedonie und kognitive Leistungsschwäche beklagt.

Medscape Deutschland: Sind diese Symptome denn bereits im Bewusstsein der Ärzte verankert – oder besteht hier weiterer Informationsbedarf?

Prof. Reichmann: Ich glaube zwar, dass insbesondere in den letzten Jahren ein großes Bewusstsein für all diese Beschwerden geweckt werden konnte, aber dass trotzdem noch weiterer Informationsbedarf besteht. So veranstalten Prof. Korczyn von der Universität in Tel Aviv und ich alle zwei Jahre einen Kongress, der sich ausschließlich nicht-motorischen Störungen bei Parkinson widmet.


„Am häufigsten werden Fatigue, Schlafstörungen, Anhedonie und kognitive Leistungs-
schwäche beklagt.“

Relativ unbekannt ist zum Beispiel noch, dass Parkinson sehr früh zu einer Obstipation führt – danach wird häufig nicht bei der Anamnese gefragt. Dabei kann die Darmträgheit zur Folge haben, dass Parkinsonmedikamente nicht mehr richtig wirken, weil ihre Resorption eingeschränkt ist. Kein Wunder also, dass während einer Obstipationsphase auch die Beweglichkeit der Patienten nachlassen kann. Wenn wir mit Hilfe von Quellmitteln also die Darmtätigkeit wieder steigern, verbessert sich häufig auch die Motorik – ohne dass wir etwas an der Parkinsonmedikation haben ändern müssen.

Medscape Deutschland: Parkinson beginnt also im Darm? Gibt es denn bereits pathophysiologische Erklärungsansätze dafür?

Prof. Reichmann: Sehr gute sogar. Ebenso wie in den Basalganglien lagern sich auch im enterischen Nervensystem von Parkinsonpatienten Lewy-Körperchen ab, in die a-Synuklein eingeschlossen ist. Diese Ablagerungen behindern lokal das Transmittersystem. In Dresden haben wir am Mausmodell zeigen können dass diese Ablagerungen vom Darm über den Vagus ins Gehirn wandern.

„Relativ unbekannt
ist noch, dass Parkinson sehr früh zu einer Obstipation führt – danach wird häufig nicht bei der Anamnese gefragt.“

Je nachdem, wo sie sich niederlassen, kommt es so zu entsprechenden Funktionseinschränkungen. Lagert sich a-Synuklein in den Basalganglien ab, sinkt der Dopaminspiegel, der eine Bewegungsarmut zur Folge hat. Ablagerungen im Nucleus basalis Meynert hingegen senken den Acetylcholinspiegel – mit der Folge einer kognitiven Beeinträchtigung bis hin zur Demenz. Und Ablagerungen im Nukleus Raphe oder im Nukleus Coerulus lassen die Serotonin- beziehungsweise Adrenalinspiegel sinken und führen darüber zu einer depressiven Verstimmung.

Medscape Deutschland: Wenn die Ablagerungen erst nach und nach ins Gehirn wandern, dann müsste die Parkinson-Krankheit doch mittlerweile auch früher zu diagnostizieren sein – noch bevor Rigor, Tremor und Akinese auftreten.

Prof. Reichmann: Tatsächlich kann ein Parkinson-Syndrom anhand nicht-motorischer Störungen früher diagnostiziert werden. Wir selbst haben dazu in Dresden eine Studie gemacht. Die HNO-Ärzte unserer Universitätsklinik haben uns 30 Patienten mit einer idiopathischen Hyposmie überwiesen, die wir daraufhin auf Parkinson hin untersucht haben. Tatsächlich fanden wir dabei einen Patienten, der bereits unter Rigor und einem leichten Ruhetremor litt.

„Wir haben bislang keine Möglichkeit,
das Fortschreiten
der Erkrankung
zu verhindern.“

Noch interessanter war jedoch, dass wir sechs Patienten ausfindig gemacht haben, die noch keine klassischen Parkinsonsymptome, aber eine Hyperechogenität in der Parenchymsonographie und einen abnormen Dopamintransporter-Scan – ein typisches Zeichen bei Parkinsonpatienten. Alle sechs Patienten haben in den darauf folgenden vier Jahren eine typische Parkinsonsymptomatik entwickelt.

Medscape Deutschland: Inwieweit hilft die frühere Diagnose den Parkinsonpatienten?

Prof. Reichmann: Genau hier liegt das Problem: Wir haben bislang keine Möglichkeit, das Fortschreiten der Erkrankung zu verhindern. Und auch können wir trotz Riechstörung und Hyperechogenität nicht sicher sagen, dass der Patient tatsächlich in den nächsten vier bis sechs Jahren an Parkinson erkranken wird. Dazu fehlen uns einfach mehr Studiendaten.

Medscape Deutschland: Der Progress der Erkrankung kann vielleicht noch nicht verhindert werden – aber was hat sich auf Seiten der therapeutischen Optionen bereits verbessert? Was halten Sie beispielsweise von der Tiefenhirnstimulation?

„Unter Parkinson leidet die ganze Familie – nicht nur der Patient selbst.“

Prof. Reichmann: Die Langzeitbeobachtungen hierzu sind sehr ermutigend. Etwa die Hälfte der Patienten kann durch diese Maßnahme die Medikation deutlich reduzieren. Diese Reduktion ist aber leider nicht von Dauer – das muss man den Patienten vorher deutlich sagen. Nach und nach muss die Dosis der Medikamente wieder erhöht werden. Die Tiefenhirnstimulation verbessert die Erkrankung, heilt sie aber nicht. Auch nicht vergessen werden darf, dass diese Behandlungsmethode psychische Veränderungen zur Folge haben kann. Viele meiner Patienten entscheiden sich gegen die Behandlung, weil sie psychische Probleme fürchten. Die sind zwar vergleichsweise selten, sollten aber bei der umfassenden Aufklärung keinesfalls außer Acht gelassen werden.

Medscape Deutschland: Es gibt also auch hier noch viel Raum für Verbesserung. Wenn Sie sich etwas für die Entwicklung der Parkinson-Behandlung wünschen könnten – was wäre es?

Prof. Reichmann: Am allermeisten würde ich mir wünschen, dass wir bald die Demenz verhindern könnten. Dass wir – sofern unsere Theorie stimmt – die Wanderung der Ablagerungen mit einer Art a-Synuklein-Akkumulationshemmer bremsen oder bestenfalls stoppen können, bevor sie sich im Kortex ausbreiten. Denn in den letzten Jahren ihrer Erkrankung leiden Patienten vor allem unter der Demenz und den Psychosen. Zusätzlich verlieren sie ihre Empathie, was die Familie und den Freundeskreis oft zerstört. Unter Parkinson leidet die ganze Familie – nicht nur der Patient selbst.

Medscape Deutschland: Herr Professor Reichmann, herzlichen Dank für das Gespräch.

Referenzen

Referenzen

  1. Joint Congress of European Neurology, 31. Mai bis 3. Juni 2014, Istanbul (Türkei)
    http://www.jointcongressofeuropeanneurology.org

Autoren und Interessenkonflikte

Shari Langemak
Es liegen keine Interessenkonflikte vor.

Reichmann H: Es liegen keine Angaben zu Interessenkonflikten vor.

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