Von Adipositas bis Quecksilber – die WHO hat sich auf ihre Ziele für die nächsten Jahre verständigt

Gerda Kneifel | 3. Juni 2014

Autoren und Interessenkonflikte

Genf Das höchste Entscheidungsorgan der Weltgesundheitsorganisation WHO, die Weltgesundheitsversammlung (World Health Assembly, WHA) hat in ihrer 67. Sitzung in mehr als 20 Resolutionen festgelegt, welche gesundheitspolitischen Maßnahmen sie in den kommenden Jahren verfolgen wird [1].

Die Weltkarte der Armut verschiebt sich, warnte die WHO-Generaldirektorin Dr. Margaret Chan: Schon heute leben 70% der Armen in Ländern mit mittleren Einkommen und aufstrebender Wirtschaft. Das könne gravierende Folgen für die Gesundheit der Weltbevölkerung haben. Es müssten daher dringend Maßnahmen ergriffen werden, um diesen Trend zu stoppen. „Wenn nicht, wird es in dieser Welt immer mehr reiche Länder voll armer Menschen geben“ [2].

Von Adipositas bis Quecksilber

In den aufstrebenden Ländern ist Armut zwar meist nicht mit Hunger und Unterernährung verbunden, dafür aber mit ungesunden Nahrungsmitteln, so dass Adipositas und Übergewicht bereits endemische Ausmaße angenommen haben. Ein Teil der Welt esse sich regelrecht zu Tode, so Chan. Die Generaldirektorin beauftragte denn auch eine Sonderkommission zur Bekämpfung von Fettsucht. Diese soll bis zur nächsten Versammlung regulatorische und andere Maßnahmen erarbeiten, die etwa der Verbreitung von ungesunden Fertigprodukten und Getränken mit zu hohem Zuckergehalt entgegenwirken können.

Ein ebenfalls zentrales Thema waren zunehmende Antibiotikaresistenzen. Die Abgeordneten beschlossen, bis zur nächsten Versammlung im Jahr 2015 einen Entwurf für einen globalen Aktionsplan zu entwickeln, der das Bewusstsein bei Vertretern der Gesundheitsberufe genauso wie bei der Bevölkerung sowie den Regierungen schärft und alternative sowie die Erforschung neuer Behandlungsmethoden stärken soll.

Eine Neuerung in den Internationalen Gesundheitsvorschriften (2005) der WHO zur Kontrolle von Infektionskrankheiten gab es bezüglich des Gelbfiebers. Bislang können Staaten die Einreise von Personen ohne Gelbfieberimpfung verweigern. Die WHA-Delegierten änderten die WHO-Vorschriften nun insofern, als die Gültigkeit der Impfung von 10 Jahren über die gesamte Lebensdauer der geimpften Person erweitert wird. Der Beschluss basiert auf Empfehlungen der Strategic Advisory Group of Experts (SAGE) on Immunization der WHO.

Auch der Tuberkulose widmeten sich die mehr als 3.000 Delegierten aus 194 Ländern. Die Mitgliedsstaaten votierten für die Finanzierung von Programmen mit dem ehrgeizigen Ziel, bis zum Jahr 2035 die Todesrate um 95% und die Zahl der Neuerkrankungen um 90% zu reduzieren.

Quecksilber und Quecksilber-Komponenten stellen eine weitere Bedrohung der öffentlichen Gesundheit dar. Die WHO wird daher künftig Gesundheitsministerien unterstützen, die die Minamata-Übereinkommen genannte Quecksilber-Konvention aus dem Jahr 2013 umsetzen wollen. Das gesetzlich bindende Übereinkommen haben bislang 50 Staaten ratifiziert.

„Wenn nicht dringend Maßnahmen ergriffen werden, wird es in dieser Welt immer mehr reiche Länder voll armer Menschen geben.“
Dr. Margaret Chan

Frauen und Kinder im Fokus

Die Gesundheit von Frauen und Kindern war in mehrfacher Hinsicht Thema in Genf. Zum einen machten die Delegierten darauf aufmerksam, dass jede 3. Frau auf dieser Welt mindestens einmal in ihrem Leben sexueller oder physischer Gewalt ausgesetzt ist. Die Gewalt an Frauen und Kindern findet dabei oft im Verborgenen statt. Die Mitgliedsstaaten verpflichten sich daher, ihre Gesundheitssysteme multisektoriell im Sinne der Verhinderung von Gewalt und der Behandlung der Gewaltopfer auszurichten.

Die Säuglingssterblichkeit stand auch in diesem Jahr auf der Agenda der WHA. Das Millenniumsziel Nr. 4, die Sterberate von Kindern unter 5 Jahren zwischen 1990 und 2015 um 2 Drittel zu senken, wird verfehlt. Daher wollen die Delegierten nun mithilfe eines erstmals global angelegten Aktionsplans bis zum Jahr 2035 die Sterblichkeit von Säuglingen sowie die Rate an Totgeburten auf jeweils 10 pro 1.000 Lebendgeburten in sämtlichen Ländern dieser Erde senken.

Zugang zu Medikamenten verbessern

Bereits bestehende Strategien zur Versorgung der Bevölkerung mit den notwendigsten Medikamenten, wurden als wirksam erachtet, darunter die WHO Essential Medicines List, die Staaten eine Auswahl der wichtigsten Arzneimittel nennt, die sie stets zur Verfügung stellen müssen. Darüber hinaus bleibt jedoch viel zu tun.

Das ebenfalls als effektiv befundene Special Programme for Research and Training in Tropical Diseases (TDR) zum Beispiel soll verstärkt dafür eingesetzt werden, Therapien gegen vernachlässigte Krankheiten zu entwickeln – Krankheiten, die überwiegend in Entwicklungsländern auftreten und an denen daher geringes Forschungsinteresse in den Industrieländern besteht.  

Um nicht nur den Zugang zu Medikamenten, sondern auch den Zugang zu qualitativ einwandfreien Medikamenten zu garantieren, sollen nationale Regulierungssysteme, aber auch die internationale regulatorische Zusammenarbeit gestärkt werden. Notwendige Normen und Standards sowie Monitoring-Systeme sollen etabliert beziehungsweise ausgebaut werden.

Um die Effektivität moderner Medizintechnologien real einschätzen zu können, wird die WHO Staaten bei der Medizintechnik-Folgenabschätzung (Health Technology Assessment, HTA) unterstützen, um auf diese Weise die Verbreitung wirksamer, sicherer und kosteneffektiver Techniken voranzutreiben. 

Nicht übertragbare Krankheiten

Ein Schwerpunkt der Versammlung lag auch in diesem Jahr auf den zunehmenden nicht übertragbaren Krankheiten, wie Herzerkrankungen, Diabetes, Krebs, oder auch chronische Lungenerkrankungen. Unter anderem forderten die Delegierten die Mitgliedsländer auf, auch die Bedürfnisse von Menschen mit Autismus in ihre Programme bezüglich der Gesundheit von Kindern und Jugendlichen sowie psychischer Gesundheit aufzunehmen. Auch sollen die Staaten der Psoriasis, ihrer Therapie und dem Abbau des mit der Erkrankung oft einhergehenden Stigmas mehr Aufmerksamkeit schenken.

Die Herausforderungen, denen sich die WHO stellen muss, werden nicht weniger. Die Millenniumsentwicklungsziele, die um die Jahrtausendwende von den Vereinten Nationen formuliert worden waren – darunter die Gesundheit von Müttern und Kleinkindern – wurden nicht erreicht beziehungsweise haben nicht an Aktualität verloren. Die Delegierten betonten daher in Genf, dass die Gesundheit der Bevölkerung auch ein zentrales Anliegen der Nachfolgeagenda, der Post-2015-Entwicklungsagenda sein muss. Einmal mehr.

Referenzen

Referenzen

  1. 67th World Health Assembly, 19. bis 24. Mai 2014, Genf
    http://www.who.int/mediacentre/events/2014/wha67/en
  2. Pressemitteilung der WHA, 24. Mai 2014
    http://www.who.int/mediacentre/news/releases/2014/WHA-20140524/en

Autoren und Interessenkonflikte

Gerda Kneifel
Es liegen keine Interessenkonflikte vor.

Chan M: Es liegen keine Erklärungen zu Interessenkonflikten vor.

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