Einigung über neue Weiterbildung: Vom Bürger finanziert und an Kompetenzen orientiert

Christian Beneker | 2. Juni 2014

Autoren und Interessenkonflikte

Düsseldorf – In Zukunft sollen die Versicherten die Weiterbildung der Ärzte bezahlen. Dafür hat sich der 117. Deutsche Ärztetag in Düsseldorf ausgesprochen. Die Weiterbildung sei eine gesellschaftliche Aufgabe, deshalb sollten nicht Ärzte oder ärztliche Organisationen die Ärzte in Weiterbildung finanzieren, sondern die Bürger. Die Weiterbildung solle in Zukunft „durch einen Systemzuschlag auf die im ambulanten wie stationären Bereich abgerechneten Fälle investiv“ gesichert und unterstützt werden, heißt es in dem Beschluss des Ärztetages [1].

Damit ist die Forderung der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV) nach einer Stiftung vom Tisch [2]. Sie sollte mit Geld der privaten und gesetzlichen Krankenkassen gegründet werden. KBV-Vorstand Regina Feldmann: „Die Sicherstellung der ärztlichen Versorgung liegt im gesamtgesellschaftlichen Interesse. Deshalb muss ihre Finanzierung auf eine entsprechend breite Basis gestellt werden. Sie darf nicht weiter zulasten der heute tätigen Ärztegeneration gehen.“ Aber die Delegierten des Ärztetages mochten sich nicht anfreunden mit der Möglichkeit, die Kassen könnten über die Stiftung mehr Einfluss auf die Weiterbildung nehmen wollen.

Außerdem unterstützten sie die ambulante Weiterbildung: Der einst heikle Punkt, der vor einem Jahr in Hannover noch zu heftigen Auseinandersetzungen geführt hatte, ging ohne größeren Streit über die Bühne der Düsseldorfer Stadthalle. Auch die Medizin-Studierenden, die in Hannover noch gegen die zusätzliche ambulante Weiterbildung als „Flaschenhals“ in ihrer Karriere protestiert hatten, schwiegen zu dem Punkt in Düsseldorf.

„Früher wurden
die Inhalte der Weiterbildung nur hinter Spiegelstrichen aufgelistet, die Novellierung dagegen bringt die Inhalte jetzt in eine gewichtete Reihenfolge.“
Dr. Franz-Joseph Bartmann

„Zukünftig soll der Assi schon im Krankenhaus erfahren, was er hier lernen kann und was nicht“, sagte Dr. Franz-Joseph Bartmann von der Arbeitsgruppe Novellierung der Weiterbildungsordnung (WBO) bei der Bundesärztekammer (BÄK) im Gespräch mit Medscape Deutschland. „Und der Assi soll erfahren, wo er den Rest lernt. Da sind Verbünde aus Kliniken und Praxen denkbar, durch die er sozusagen rotiert.“ Voraussetzung allerdings sei, dass die Weiterbildungsassistenten in Klinik und Praxis das gleiche Geld verdienten.

Zuvor hatte Bartmann seinen Sachstandsbericht zur Muster-Weiterbildungsordnung vorgelegt und referiert [3]. Danach soll sich die Weiterbildung zukünftig an Kompetenzen und nicht mehr an Zeiten orientieren.

Die Eckdaten einer neuen Musterweiterbildungsordnung

Der Kern der Novellierung: „Früher wurden die Inhalte der Weiterbildung nur hinter Spiegelstrichen aufgelistet“, sagte Bartmann gegenüber Medscape Deutschland, „die Novellierung dagegen bringt die Inhalte jetzt in eine gewichtete Reihenfolge.“ So sollen die Inhalte eine Facharztweiterbildung in Blöcke unterteilt werden, zum Beispiel in „Allgemeine Inhalte“, „Notfälle“, Prävention“, diagnostische Verfahren“, „therapeutische Verfahren“ und so weiter. „Diese Blöcke kann man schematisch durch praktisch alle Disziplinen variieren“, erklärte Bartmann.

Dann soll festgelegt werden, was der Weiterbildungsassistent zum Zeitpunkt der Prüfung nur „kennen“ muss und was er „beherrschen“ muss. So muss ein Urologe vor seiner Facharztprüfung unter den urologischen Notfällen Priapismus, die Hodentorsion oder den Harnvorhalt kennen. Beherrschen aber muss er zum Beispiel das Anlegen eines suprapubischen Blasenkatheters.

Hintergrund der Unterscheidung ist auch der Umstand, dass manche Untersuchungen oder Eingriffe grundsätzlich nur sehr selten gemacht werden. „Deshalb können die Assis hier nicht zum Beherrschen geführt werden“, so Bartmann. Die Beherrschung muss also der langjährigen Praxis von Experten überlassen werden. Eine dritte Kategorie, das „Können“ zwischen „kennen“ und „beherrschen“ hat sich in den Diskussionen bisher nicht durchgesetzt.

„Ein computer-
gestütztes Curriculum soll als elektronisches Logbuch bei der Bundesärztekammer geführt werden.“
Dr. Franz-Joseph Bartmann

Die einzelnen Status sollen mit Richtzahlen unterlegt werden, damit etwa klar ist, wieviel Therapien nach dokumentierten Schmerzplänen ein angehender Orthopäde gemacht haben muss, um diese Therapie zu beherrschen.

Neuer Abstimmungsmodus

Hinter den Entscheidungen über die Inhalte von insgesamt 108 Weiterbildungen und Zusatzbezeichnungen, ihrer Klassifikation in „kennen“ und „beherrschen“ sowie ihrer Gewichtung anhand von Richtzahlen steht ein mächtiger Apparat aus rund 250 Berufsverbänden, Fachgesellschaften und weiteren Organisationen sowie der Bundesärztekammer und den 17 Landesärztekammern. „Wir haben die Fachgesellschaften aufgefordert, die alten Inhalte in das neue Schema einzufügen, obwohl es dafür noch keine Vorbilder gibt“, so Bartmann. „Aber wir brauchen ein Schema, das für alle Landesärztekammern administrierbar wird.“

Dann sind die Kammern am Zug. Bartmann und seine Arbeitsgruppe haben ausgerechnet, dass sie für die Abstimmung einer neuen WBO 160 Jahre brauchen würden, wenn sie es so machen würden wie immer – Kammer für Kammer zu befragen. „Früher haben wir erarbeitet und dann mit den einzelnen Kammern abgestimmt – das war endlos“, so Bartmann, „um Chaos zu vermeiden, haben wir darum von Anfang an AGs gegründet, in der je eine Kammer die Federführung hat.“ 8 Arbeitsgruppen existieren bereits. Allerdings würden manchen Entscheidungen auch in Berlin getroffen. 

Um den Wildwuchs an den Kliniken zu beschneiden, einzelne Inhalte den Assistenten einfach zu testieren, ohne dass sie je oder in ausreichender Zahl erbracht wurden, setzt Bartmann auf ein computergestütztes Curriculum. „Es soll als elektronisches Logbuch bei der Bundesärztekammer geführt werden“, so Bartmann. Heute sehe man, dass die Logbücher zum Teil an einem Tag ausgefüllt wurden. „Wir wollen, dass dies nun online gemacht wird und zwar direkt nach der Prozedur und mit elektronischer Signatur“, so Bartmann. „dann würden wir schnell erkennen, wo Defizite sind.“

Referenzen

Referenzen

  1. Beschlussprotokoll des 117. Deutschen Ärztetages, 27. bis 30. Mai 2014, Düsseldorf
    http://www.bundesaerztekammer.de/downloads/117DAETBeschluss20140530.pdf
  2. KBV-Pressemitteilung: Weiterbildung im ambulanten Bereich fördern. 26. Mai 2014
    http://www.kbv.de/html/presse_9508.php
  3. Sachstandsbericht der Musterweiterbildungsordnung der Bundesärztekammer von Dr. Franz-Joseph Bartmann
    http://www.bundesaerztekammer.de/downloads/117DAETTop05Bartmann.pdf

Autoren und Interessenkonflikte

Christian Beneker
Es liegen keine Interessenkonflikte vor.

Bartmann FJ, Feldmann R: Es liegen keine Erklärungen zu Interessenkonflikten vor.

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