Ärztetag fordert Ausbau von Schmerzmedizin und Versorgungsforschung

Julia Rommelfanger | 2. Juni 2014

Autoren und Interessenkonflikte

Düsseldorf – Etwa 7% der Erwachsenen und 5% aller Schulkinder geben im Alltag beeinträchtigende chronische Schmerzen an. So steht es im Entschließungsantrag „Schmerzmedizinische Versorgung stärken", den der Vorstand der Bundesärztekammer (BÄK) zur Abstimmung auf dem Ärztetag vorgelegt hat. Doch immer noch werden viele dieser Patienten von schmerztherapeutischen Angeboten nicht erreicht. Daher beschlossen die Delegierten des 117. Deutschen Ärztetags in Düsseldorf den Ausbau der schmerzmedizinischen Versorgung. Sie forderten mehr Anreize für Fachärzte, die sich in dieser Richtung fortbilden möchten [1].

„In Deutschland vergehen durchschnittlich zwei Jahre vom Beginn einer chronischen Schmerzkrankheit bis zur richtigen Diagnose und weitere zwei Jahre bis zu einem adäquaten Behandlungsansatz“, kritisierte Dr. Martina Wenker, Vizepräsidentin der Bundesärztekammer (BÄK) und Fachärztin für Innere Medizin an der Lungenklinik Diekholzen in Niedersachsen, beim Ärztetag.

Die Delegierten beschlossen eine Stärkung der schmerzmedizinischen Versorgung auf 5 Ebenen:

  • Die Erleichterung des Zugangs zu schmerzmedizinischer Versorgung für Betroffene.
  • Die Berücksichtigung schmerztherapeutischer Einrichtungen in den Bedarfsplänen der vertragsärztlichen Versorgung.
  • Intensivierung der Versorgungsforschung.
  • Die Verbesserung der Akutschmerztherapie in den Kliniken und
  • die weitere Stärkung schmerzmedizinischer Kompetenz in der Weiterbildung.
„In Deutschland vergehen durch-
schnittlich zwei Jahre vom Beginn einer chronischen Schmerzkrankheit bis zur richtigen Diagnose und weitere zwei Jahre bis zu einem adäquaten Behandlungsansatz.“
Dr. Martina Wenker

Ärztetag spricht sich gegen Facharzt für Schmerzmedizin aus

Seit 2003 bereits können sich Ärzte bestimmter Fachrichtungen in spezieller Schmerztherapie weiterbilden. Immerhin haben bisher rund 4.700 Fachärzte, meist aus Kliniken, diese einjährige Zusatzweiterbildung im Anschluss an eine fünf- bis sechsjährige fachärztliche Weiterbildung absolviert.

Die Deutsche Gesellschaft für Schmerzmedizin (DGS) fordert die Einführung einer Facharztqualifikation für Schmerzmedizin. Doch viele Experten sprechen sich dagegen aus. „Wir sind der Meinung, dass wir keinen zusätzlichen Facharzt benötigen. Besser ist es, wenn sich viele Fachärzte unterschiedlicher Fachrichtungen speziell im Bereich Schmerztherapie qualifizieren“, erklärte Wenker im Gespräch mit Medscape Deutschland.

Ihre Argumentation: Durch die Einrichtung einer separaten Fachrichtung Schmerzmedizin könnten in 10 bis 15 Jahren nur schätzungsweise 2.000 bis 3.000 Spezialisten weitergebildet werden. Die Forderung der DGS nach 5.000 bis 6.000 Fachärzten für Schmerzmedizin könnte damit erst nach etlichen Jahren erreicht werden, gibt Wenker zu bedenken. „Die Zusatzweiterbildung ist zielführender in der Absicht, Patienten den Zugang zur Schmerzmedizin flächendeckend zu erleichtern.“

Aber die Weiterbildungsordnung beinhaltet Hürden für interessierte Fachärzte, die sich in der schmerzmedizinischen Versorgung weiterbilden wollen, kritisierte Dr. Julian Veelken, Neurochirurg am Vivantes Klinikum Neukölln in Berlin in der Debatte. So soll etwa der Arzt ein Jahr lang in einer speziellen schmerztherapeutischen Einrichtung arbeiten, die meist nur in großen Krankenhäusern in der Anästhesie oder Intensivmedizin zu finden sind. „In Berlin wurden zwei schmerztherapeutische Einrichtungen geschlossen; glücklicherweise existieren weitere zwei in der Charité“, bemerkte er.

Wohnortnahe Versorgung für Kranke mit chronischen Schmerzen

„Die Zusatz-
weiterbildung
ist zielführender in der Absicht, Patienten den Zugang zur Schmerzmedizin flächendeckend zu erleichtern.“
Dr. Martina Wenker

Gerade Patienten mit chronischen Schmerzen können nicht allerorts versorgt werden. Doch ist insbesondere für multimorbide und pflegebedürftige Schmerzpatienten eine wohnortnahe Versorgung wichtig. „Bei Schmerzen, die länger andauern, müssen viele Patienten meist multimodal behandelt werden und sollten schnell in schmerztherapeutische Programme aufgenommen werden, um der Schmerzchronifizierung erfolgreich vorzubeugen“, fordert Wenker.

Daher müssten schmerztherapeutische Einrichtungen auch in den Bedarfsplänen der Kassenärztlichen Vereinigungen und der Länder Berücksichtigung finden. „Ohne Bedarfsplanung gibt es keine Struktur und ohne Struktur keine adäquate Behandlung“, argumentierte auch Prof. Dr. Wolfgang Koppert von der Medizinischen Hochschule Hannover.

Bei der flächendeckenden und schnellen Betreuung von Schmerzpatienten sei der Hausarzt die wichtigste Schaltstelle, betonte Dr. Martin Scherer, Direktor des Instituts für Allgemeinmedizin am Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf vor dem Plenum des Deutschen Ärztetags. Er forderte als ersten Ansatz, die Schmerzversorgung in ländlichen Gebieten zu verbessern.

Dafür müssten sich Haus- und Kinderärzte eng mit Spezialisten abstimmen. „Diese Abstimmung darf keine Freizeitveranstaltung nach Feierabend werden, sondern muss auf der Makro-Ebene und von der Selbstverwaltung gewollt sein und unterstützt werden“, forderte er. Ebenso dürfe die Abstimmung von Hausärzten mit Physiotherapeuten nicht zu Lasten der Versorgung fallen. Er betonte die Bedeutung der langfristigen Begleitung und multimodalen Behandlung von Schmerzpatienten.

Der Ärztetag forderte den Gemeinsamen Bundesausschuss (G-BA) auf, die Versorgungslücken in der sektorenübergreifenden schmerztherapeutischen Versorgung zu schließen und Einzelmaßnahmen in multimodale Therapiekonzepte einzubinden.

Ab 2016 wird die Schmerzmedizin Prüfungsfach im Studium

Die Zahl der Schmerzpatienten zu beziffern sei schwierig, räumte Wenker ein. Denn zum einen sei man dabei auf subjektive Empfindungen angewiesen; zum anderen würden aber auch derzeit evidenzbasierte Erkenntnisse in der Schmerzmedizin noch nicht ausreichend umgesetzt. Geschätzt 10 Millionen Menschen in Deutschland leiden unter chronischen Schmerzen. „Wir fischen im Trüben, was die genaue Zahl angeht“, erklärte Wenker gegenüber Medscape Deutschland. „Deshalb fordern wir eine wissenschaftlich fundierte und vom Staat finanzierte Versorgungsforschung, um die Versorgungsdefizite exakter beziffern zu können.“

„Patienten
erwarten, dass sie
im Krankenhaus Schmerzen erleiden – wir Ärzte sorgen dafür, dass diese Erwartung nicht enttäuscht wird.“
Prof. Dr. Wolfgang Koppert

Ein wichtiger Schritt zur flächendeckenden schmerzmedizinischen Versorgung sei die Verankerung der Schmerzmedizin als Querschnittsfach in der Approbationsordnung im Jahr 2012 gewesen. Ab 2016 wird Schmerzmedizin Pflicht- und Prüfungsfach an den medizinischen Hochschulen. Dies soll auch die Akutschmerztherapie in den Krankenhäusern verbessern.

„Patienten erwarten, dass sie im Krankenhaus Schmerzen erleiden – wir Ärzte sorgen dafür, dass diese Erwartung nicht enttäuscht wird“, bemerkte Koppert süffisant zu Beginn seines Plädoyers für eine qualifizierte Schmerztherapie in deutschen Kliniken als „zentrales Bedürfnis eines jeden Patienten, der im Krankenhaus behandelt wird“. Erfolgreiche Schmerztherapie, sagte er, zöge nicht nur zufriedenere Patienten, sondern auch zufriedenes Personal nach sich, abgesehen von einer verkürzten Verweildauer der Patienten.

Nach großen Eingriffen seien die Strukturen für ein rasches und erfolgreiches Schmerzmanagement bereits gut etabliert, anders jedoch bei kleineren Operationen. Auch nach konservativer Behandlung bestehe noch Verbesserungsbedarf, denn fast 50% der Behandelten litten an Schmerzen, sagte Koppert, der auch Präsident der Deutschen Schmerzgesellschaft DGSS ist, die eine Facharztqualifikation für Schmerzmedizin ebenfalls ablehnt.

„Ohne Bedarfs-
planung gibt es
keine Struktur
und ohne Struktur keine adäquate Behandlung.“
Prof. Dr. Wolfgang Koppert

Aktuell würde Schmerztherapie „wie ein sehr buntes Bild“ betrieben: „Die Methoden sind vorhanden, aber momentan fehlt die Umsetzung des existierenden Wissens“, dies auch aufgrund der bisher fehlenden Abbildung von Schmerztherapie im DRG-System.

„Es besteht momentan noch wenig finanzieller Anreiz. Die Krankenhausträger sollten mehr Verantwortung übernehmen für Akutschmerztherapie und Strukturen schaffen analog zum Hygienemanagement“, forderte Koppert. Möglichkeiten sieht er z.B. durch einen Schmerzbeauftragten und die Aufnahme eines strukturierten Akutschmerzmanagements in die QM-Systeme der Krankenhäuser mit einem Qualitätsindikator „Schmerz“.  

Referenzen

Referenzen

  1. 117. Deutscher Ärztetag, 27. bis 30. Mai 2014, Düsseldorf
    http://www.bundesaerztekammer.de/page.asp?his=0.2.10741

Autoren und Interessenkonflikte

Julia Rommelfanger
Es liegen keine Interessenkonflikte vor.

Wenker M, Veelken J, Koppert W, Scherer M: Es liegen keine Erklärungen zu Interessenkonflikten vor.

Wir bitten darum, Diskussionen höflich und sachlich zu halten. Beiträge werden vor der Veröffentlichung nicht überprüft, jedoch werden Kommentare, die unsere Community-Regeln verletzen, gelöscht.