Global, ungebremst und vor allem bei Kindern: Adipositas-Inzidenz steigt seit 30 Jahren

Ute Eppinger | 30. Mai 2014

Autoren und Interessenkonflikte

Weltweit hat es in den letzten 3 Jahrzehnten einen alarmierender Anstieg der Raten von Adipositas und Übergewicht sowohl bei Erwachsenen (+28%) als auch bei Kindern (+47%) gegeben. Die Zahl der Übergewichtigen und Adipösen ist dabei global von 857 Millionen (1980) auf 2,1 Milliarden (2013) gestiegen. Das ergab eine große neue Analyse der Global Burden of Disease Studie 2013, die jetzt in der Zeitschrift Lancet publiziert worden ist [1]. Die Untersuchung erfasst die Prävalenz von Übergewicht und Adipositas bei Erwachsenen (20 Jahre oder älter) und bei Kindern und Adoleszenten (2 bis 19 Jahre).

Allerdings variieren die Adipositas-Raten über die Welt verteilt, wobei mehr als der Hälfte der adipösen Menschen in gerade mal 10 Ländern leben – mehr als 13% der weltweit Adipösen leben in den USA, 15% zusammen genommen in China und Indien, die anderen in Russland, Brasilien, Mexiko, Ägypten, Deutschland, Pakistan und Indonesien (aufgelistet in der Reihenfolge der Anzahl der dort lebenden übergewichtigen Menschen).

In den vergangenen 3 Dekaden zeigte sich der höchste Anstieg der Adipositas bei Frauen in Ägypten, Saudi-Arabien, Oman, Honduras und Bahrain, bei den Männern hatten Neuseeland, Bahrain, Kuwait, Saudi-Arabien und die USA die höchsten Zuwachsraten.

„Im Gegensatz zu anderen wichtigen globalen Gesundheits-
risiken, wie Tabak und Ernährungs-
mangel in der Kindheit, nimmt Adipositas weltweit nicht ab.“
Prof. Dr. Emmanuela Gakidou

In den Ländern mit hohem Einkommen sind einige der höchsten Anstiege bei stark übergewichtigen Erwachsenen zu verzeichnen: In den USA ist ungefähr ein Drittel der erwachsenen Bevölkerung adipös, in Australien sind 28% der Männer und 30% der Frauen adipös, und in Großbritannien ist ein Viertel der erwachsenen Bevölkerung fettsüchtig.

Unter der Federführung von Prof. Dr. Emmanuela Gakidou vom Institut für Health Metrics and Evaluation an der University of Washington, USA, sichtete ein Team internationaler Wissenschaftler alle verfügbaren Daten aus Studien, Berichten und wissenschaftlicher Literatur, um so Trends in der Prävalenz von Übergewicht (Body-Mass-Index/BMI 25 kg/m² oder höher) und Adipositas (BMI 30 kg/m² oder höher) in 188 Ländern weltweit von 1980 bis 2013 nachzuspüren.

Die Schlüsselergebnisse sehen so aus:

  • In der entwickelten Welt weisen Männer höhere Adipositas-Raten als Frauen auf, in den Entwicklungsländern ist das genau andersrum. Gegenwärtig leben 62% der Adipösen in Entwicklungsländern.
  • Die größte Zunahme bei Übergewicht und Adipositas trat global zwischen 1992 und 2002 auf, hauptsächlich bei Menschen im Alter zwischen 20 und 40 Jahren.
  • Besonders hohe Raten von Übergewicht und Adipositas gibt es in Tonga, einem Inselstaat im Südpazifik, der zu Polynesien gehört. Dort übertraf der Anteil adipöser Männer und Frauen 50%. In Kuwait, Libyen, Katar, der Kiribati-Inselgruppe im Pazifik, den Föderierten Staaten von Mikronesien im Westpazifik und Samoa war die Mehrzahl der Frauen (mehr als 50%) adipös.
  • Die Prävalenz von Übergewicht und Adipositas in der Kindheit ist in den entwickelten Ländern auffällig gestiegen, von 17% (1980) auf 24% (2013) bei Jungen und von 16% auf 23% bei den Mädchen. Ähnlich sieht es in den Entwicklungsländern aus: Die Raten haben sich von geschätzt 8% auf 13% bei beiden Geschlechtern über die 3 Dekaden erhöht.
  • 2013 waren 23% der Mädchen in Kuwait adipös und 30% oder mehr in Samoa, Mikronesien und Kiribati, die die höchsten errechneten Raten aufwiesen. Ähnliche Trends bei Adipositas fanden sich bei Jungen: Auf den pazifischen Inseln von Samoa und Kiribati zeigte sich bei ihnen die größte Prävalenz für Adipositas.
  • Innerhalb Westeuropas gibt es die höchsten Adipositas-Raten bei Jungen in Israel (14%) und auf Malta (13%), in Holland und Schweden ist die Rate am geringsten (4%). Die Adipositas-Raten bei Mädchen sind am höchsten in Luxemburg (13%) und Israel (11%) und am niedrigsten in den Niederlanden, in Norwegen und Schweden (4%).
  • In den entwickelten Ländern hat sich die Rate des Anstiegs bei erwachsenen Adipösen in den vergangenen 8 Jahren verlangsamt. Es gibt einige Evidenz, dass vor Kurzem Geborene langsamer an Gewicht zulegen, als das früher der Fall war.
„Allerdings gibt es einige Evidenz, dass ein Plateau bei der Erwachsenen-Adipositas erreicht ist.“
Prof. Dr. Emmanuela Gakidou

Hat die Epidemie in einigen Ländern ihre Spitze erreicht?

Die Autoren mahnen, dass der substanzielle Anstieg der Adipositas-Raten quer über die Welt besorgniserregend sei. Sie betonen, dass eine konzertierte Aktion dringend erforderlich ist, um diesen Trend umzukehren.

Gakidou bilanziert: „Im Gegensatz zu anderen wichtigen globalen Gesundheitsrisiken, wie Tabak und Ernährungsmangel in der Kindheit, nimmt Adipositas weltweit nicht ab. Unsere Ergebnisse zeigen, dass die Anstiege in der Prävalenz der Adipositas substanziell sind, dass sie verbreitet und über einen kurzen Zeitraum aufgetreten sind. Allerdings gibt es einige Evidenz, dass ein Plateau bei der Erwachsenen-Adipositas erreicht ist. Das weckt Hoffnung, dass die Epidemie ihre Spitze in einigen der entwickelten Länder erreicht hat, und dass die Populationen in anderen Ländern nicht die sehr hohen Raten von mehr als 40% in manchen Entwicklungsländern erreichen werden.“

Die Ergebnisse der Analyse, so Gakidou, legten nahe, dass das UN-Ziel, den Anstieg der Adipositas bis 2025 zu stoppen, sehr ambitioniert sei. „Es ist unwahrscheinlich, dass dieses Ziel ohne eine konzertierte Aktion und weitere Forschung erreicht werden kann, die notwendig ist, um den Effekt von populationsweiten Interventionen zu bewerten und dieses Wissen effektiv in nationale Kontrollprogramme für Übergewicht und Adipositas übersetzen zu können“, so Gakidou weiter.

„Um unhaltbaren gesundheitlichen Konsequenzen vorzubeugen, muss der BMI wieder
dahin zurückgeführt werden, wo er vor
30 Jahren lag.“
Prof. Dr. Klim McPherson

Insbesondere sei dringend eine globale Führung notwendig, um Ländern mit niedrigem und mittlerem Einkommen dabei zu helfen, gegen exzessive Kalorienaufnahme, physische Inaktivität und die Werbung der Lebensmittelindustrie für eine zu hohe Nahrungsaufnahme vorzugehen, betont Gakidou.

„Das Wiederlangen des Gleichgewichts zwischen primären menschlichen Bedürfnissen mit der Verfügbarkeit von Nahrungsmitteln ist essenziell, und es würde zu einer Einschränkung vieler Aspekte der Produktion und des Marketings der Lebensmittelindustrie führen“, stellt Prof. Dr. Klim McPherson vom New College der Oxford University in Großbritannien in seinem ebenfalls im Lancet dazu erschienenen Kommentar fest [2].

Und deutliche finanzielle Konsequenzen für die Lebensmittelindustrie haben, so McPherson weiter: „Um unhaltbaren gesundheitlichen Konsequenzen vorzubeugen, muss der BMI wieder dahin zurückgeführt werden, wo er vor 30 Jahren lag. Lobstein hat ausgerechnet, dass die Reduktion des BMI auf Werte von 1980 eine 8%ige Reduktion des Konsums erfordern würde [3]. Das würde die Lebensmittelindustrie ungefähr 8,7 Milliarden Pfund (etwa 10,7 Milliarden Euro) pro Jahr kosten.“

Referenzen

Referenzen

  1. Gakidou E, et al: The Lancet (online) 29. Mai 2014
    http://dx.doi.org//10.1016/S0140-6736(14)60460-8
  2. McPherson K: The Lancet (online) 29. Mai 2014
    http://dx.doi.org/10.1016/S0140-6736(14)60767-4
  3. Lobstein T: Proc Nutr Soc. 2011; 70(4):506-513
    http://dx.doi.org/10.1017/S0029665111003156

Autoren und Interessenkonflikte

Ute Eppinger
Es liegen keine Interessenkonflikte vor.

Gakidou E, McPherson K: Es liegen keine Interessenkonflikte vor.

Die Studie wurde von der Bill & Melinda Gates Foundation finanziert.

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