Vorsicht mit Schlaftabletten bei Herzinsuffizienz: Kardiale Komplikationen steigen drastisch

Inge Brinkmann | 30. Mai 2014

Autoren und Interessenkonflikte

Athen – Eine japanische Studie, die gerade auf dem Heart Failure Kongress 2014 der European Society of Cardiology (ESC) in Athen vorgestellt worden ist, lässt aufhorchen: Demnach ist die Einnahme von Schlafmitteln bei Patienten mit Herzinsuffizienz mit einem 8-fach erhöhten Risiko für kardiovaskuläre Komplikationen verbunden [1].

Besondere Tragweite erhält das Ergebnis durch den Umstand, dass gerade Patienten mit der chronischen Herzschwäche oft auf Schlafmittel zurückgreifen. „Schlafprobleme sind eine häufige Nebenwirkung bei Herzinsuffizienz“, sagt Erstautor Dr. Masahiko Setoguchi vom Social Insurance Central General Hospital in Tokio.

„Schlafprobleme
sind eine häufige Nebenwirkung bei Herzinsuffizienz.“
Dr. Masahiko Setoguchi

Keine Schlafmittel ohne genaue Abklärung der Ursache

Tatsächlich leiden viele Patienten mit Herzinsuffizienz an einer zentralen Atemapnoe, bestätigt auch Prof. Dr. Christian Grohé im Gespräch mit Medscape Deutschland. Der Chefarzt der Klinik für Pneumologie der Evangelischen Lungenklinik Berlin weist darauf hin, dass die Benzodiazepine, die die japanischen Patienten in der Studie erhalten hatten, den Muskeltonus schwächen und auf diese Weise die Schlafapnoe noch verstärken könnten.

Ob dies jedoch tatsächlich zu der höheren Komplikationsrate führte, bleibt offen. Die Studie der japanischen Forschergruppe hält Grohé allerdings für wichtig. Denn sie habe erstmals den – bislang nur vermuteten – Zusammenhang zwischen der Einnahme von Schlafmitteln und einer höheren Komplikationsrate bei Patienten mit Herzinsuffizienz belegen können.

„Die Studie kann dazu beitragen, Ärzte für das Problem zu sensibilisieren“, meint der Facharzt für Pulmonologie und Kardiologie. Sein Appell: „Ohne eine genaue Abklärung der Ursachen von Schlafstörungen sollten Schlafmittel nicht verschrieben werden.“

Achtfach höhere Komplikationen unter Schlafmitteln

Setoguchi und Kollegen beobachteten für ihre retrospektive Untersuchung insgesamt 110 Herzinsuffizienz-Patienten, die zwischen 2011 und 2013 ins Tokyo Yamate Medical Center eingeliefert wurden. Die Autoren trennten die Studienteilnehmer zudem in 2 Gruppen. Zur ersten Gruppe gehörten Patienten mit erhaltener Auswurffraktion (heart failure with preserved ejection fraction, HFpEF), zur zweiten Patienten mit einer reduzierten Auswurffraktion (heart failure with reduced ejection fraction, HFrEF).

„Die Studie kann
dazu beitragen, Ärzte für das Problem zu sensibilisieren.“
Prof. Dr. Christian Grohé

Als Grund für die Aufteilung gab Setoguchi unterschiedliche Prognosen und Behandlungsstrategien bei den diastolischen oder systolischen Funktionsstörungen an. Studienendpunkt war entweder ein Follow-up nach 180 Tagen oder die Wiederaufnahme ins Krankenhaus wegen der Herzschwäche bzw. schwerwiegender kardiovaskulärer Komplikationen sowie Tod.

Von den 47 HFpEF-Patienten erreichten letztlich 15 den 180-Tage-Studienendpunkt ohne schwerwiegende Zwischenfälle, von den 64 HFrEF-Patienten waren es 24. Setoguchi und Kollegen suchten daraufhin nach Unterschieden zwischen den Patienten mit und ohne kardiovaskuläre Komplikationen vor dem Follow-up.

Ihr wichtigstes Ergebnis: Die HFpEF-Patienten, denen im Krankenhaus Schlafmittel (in dieser Untersuchung waren es Benzodiazepine) verschrieben worden waren, hatten ein um den Faktor 8 höheres Rehospitalisierungs- und kardiovaskuläres Sterberisiko. Setoguchi: „Die Studie zeigt eindeutig, dass Schlaftabletten das Risiko von kardiovaskulären Komplikationen bei HFpEF-Patienten dramatisch erhöhen.“

Eine Erklärung fehlt noch, aber Überwachung der Patienten ist geboten

„Die Studie zeigt eindeutig, dass Schlaftabletten
das Risiko von kardiovaskulären Komplikationen bei HFpEF-Patienten dramatisch erhöhen.“
Dr. Masahiko Setoguchi

Dieser Befund lässt sich offenbar auf verschiedene Arten erklären: Möglich sei ein kardiodepressiver Effekt der Schlafmittel, meint Setoguchi. Als Erklärung kommt ebenfalls in Frage, dass die Schlafmittel die schlafbezogenen Atmungsstörungen verschlimmern und damit zu einer schlechteren Prognose führen.

Warum sich dieser Effekt nicht auch bei HFrEF-Patienten zeigte, können Setoguchi und Kollegen nicht erklären. Auch Grohé findet darauf noch keine Antwort. Eine prospektiv angelegte Studie würde möglicherweise mehr Antworten liefern, meint er.

Eine solche Studie, so Setoguchi, könnte auch klären, ob ein Verbot von Schlafmitteln bei Herzinsuffizienz-Patienten sinnvoll sein könnte. Bis dahin – da sind sich Grohé und Setoguchi einig – sollten die Anwender zumindest sorgfältig überwacht werden.

Referenzen

Referenzen

  1. Heart Failure 2014 – Congress of the European Society of Cardiology (ESC). 17. bis 20. Mai 2014, Athen, Griechenland.
    Setoguchi M, et al: Abstract: P450
    http://www.escardio.org/congresses/heart-failure-2014/Pages/welcome.aspx

Autoren und Interessenkonflikte

Inge Brinkmann
Es liegen keine Interessenkonflikte vor.

Setoguchi M: Es liegen keine Erklärungen zu Interessenkonflikten vor.

Grohe C: Es liegen keine Interessenkonflikte vor.

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