Mund auf zur richtigen Diagnose: 11 Befunde, die jeder Arzt kennen sollte

Willard J. Peng, DDS, MS | 26. Mai 2014

Autoren und Interessenkonflikte

Eine systematische Untersuchung der festen und Weichteilgewebe der Mundhöhle kann zahlreiche Informationen liefern. Obwohl die primäre Intention einer Untersuchung des Mundraumes ist, krankhafte Veränderungen zu entdecken, kann eine umfassende Untersuchung der Mundhöhle  - in Verbindung mit einer ausführlichen Anamnese bezüglich einer Eigenmedikation und Zahnvorerkrankungen – auch wertvolle Einblicke in den allgemeinen Gesundheitszustand des Patienten erlauben (1). Können Sie die Ursachen für die Veränderungen in der Mundhöhle bei den folgenden Fallbeispielen identifizieren?

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Eine 30-jährige Frau klagt über seltsam aussehende Zähne (siehe Abbildung), die sie bereits habe, solange sie sich erinnern kann. Sie habe aber keine Schmerzen oder sonstige Beschwerden. In der klinischen Untersuchung zeigt sich ein gesundes Zahnfleisch mit lediglich geringen Entzündungszeichen. Die Überprüfung von Zähnen und Zahnmark zeigen vitale Zahnverhältnisse.

Was liegt diesen Zähnen ursächlich zugrunde?

A. Abnutzung
B. Multiple Kariesläsionen
C. Kongenitale Syphilis
D. Trauma

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Antwort: C. Kongenitale Syphilis.

Bei einer kongenitalen Syphilis weisen die Schneidezähne eine einem geradkantigen Schraubenzieher ähnliche Form mit einer Kerbe in der Mitte der Schneideoberfläche auf (hier Darstellung bei einem anderen Patienten). Die Backenzähne zeigen zahlreiche kugelförmige Auflagerungen, die einen fehlerhaften Zahnschluss und damit eine Reduktion der Gesamtkaufläche bedingen. Zu weiteren Zahnveränderungen zählen sogenannte Hutchinson-Schneidezähne, die dreieckförmige Deformitäten darstellen (Kreise). Zusätzlich zur veränderten Zahnanatomie weisen Patienten mit kongenitaler Syphilis eine Zahnschmelzhypoplasie auf, was zu einem Lochfrass an den Zahnoberflächen führt.

Bilder mit freundlicher Genehmigung von den „Centers of Disease Control and Prevention (CDC)“.

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Ein 12-jähriger Patient stellt sich mit erythematös verändertem Zahnfleisch (siehe Bild) bei insgesamt schlechter Mundhygiene vor. Multiple Ulzerationen zeigen sich auf Zunge und Lippen. Der Patient hat eine Körpertemperatur von 39,5 Grad Celsius und geschwollene zervikale Lymphknoten.

Bilder mit freundlicher Genehmigung von Wikipedia Commons. 

Um welche Diagnose handelt es sich bei diesem Patient?

A. Mund-Hand-Fuß-Krankheit
B. Herpangina
C. Stomatitis mit Aphthenbildung
D. Herpes-bedingte Gingivostomatitis

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Antwort: D. Herpes-bedingte Gingivostomatitis.

Zu den typischen Zeichen einer herpesbedingten Entzündung von Mundschleimhaut und Zahnfleisch gehören kleine, flache, punktförmige Ulzera (siehe Bild), die rasch zu zahlreichen rötlichen Läsionen konfluieren können. Während der Ausbildung dieser Läsionen formen sie ein zentrales Areal mit gelbem Fibrinbelag. Im Gegensatz zu Patienten mit Herpangina oder Mund-Hand-Fuß-Syndrom haben Patienten, die von einer Gingivostomatitis betroffen sind, Läsionen auf den Lippen, der Wangenschleimhaut, der Zunge und am harten Gaumen. Bei rezidivierenden Herpes simplex-Infektionen sind das angrenzende Zahnfleisch und der Gaumen in der Regel mitbetroffen. Multiple Ulzerationen entstehen und konfluieren zu erythematösen Makulae. Das Epithel kann sich ablösen und gelbliche ulzerierte Areale ausbilden. Diese Läsionen verschwinden in der Regel innerhalb einer Woche.

Bilder mit freundlicher Genehmigung von Sheldon Mintz.

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Ein 14 Jahre alter Patient stellt sich mit starken Halsschmerzen, Fieber und Abgeschlagenheit vor. Die körperliche Untersuchung ergibt eine Tonsillitis mit oberflächlichen Exsudaten sowie zahlreiche Petechien am weichen Gaumen (siehe Abbildung).

Bilder mit freundlicher Genehmigung von Wikipedia Commons.

Um welchen Virus handelt es sich bei der Infektion des Patienten?

A. Herpes Simplex Virus 1
B. Coxsackievirus
C. Epstein-Barr Virus
D. Varicella Zoster Virus

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Antwort: C. Epstein-Barr Virus.

Im Rahmen der körperlichen Untersuchung zeigen sich üblicherweise prominente Lymphknoten  zusammen mit einer Pharyngitis, Petechien am Gaumen (siehe Abbildung) und eine Vergrößerung von Zunge und Tonsillen. Bei der Mononukleose beinhalten die Symptome ein andauerndes Unwohlsein und Abgeschlagenheit in Verbindung mit Halsschmerzen. Manchmal kann ein oberflächliches Exsudat auf den Tonsillen nachgewiesen werden. Zu den seltenen Komplikationen zählt die Bildung von hyperplastischen Papillen am Zungenbogen, die die Atemwege kompromittieren können. Petechien am harten oder weichen Gaumen können vorhanden sein. Viele dieser Symptome sind über 4-6 Wochen nachweisbar.

Bilder mit freundlicher Genehmigung von CDC.

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Ein 5-jähriger Junge stellt sich multiplen Bläschen um seine Lippen herum (siehe Abbildung), Fieber und moderaten Halsschmerzen vor.

Bilder mit freundlicher Genehmigung von Wikipedia Commons.

Welchen Virus hat der Patient?

A. Herpes simplex Virus 1
B. Coxsackie-Virus
C. Epstein-Barr-Virus
D. Varicella zoster Virus

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Antwort: B. Coxsackie-Virus.

Coxsackie-Viren verursachen die Mund-Hand-Fuß-Krankheit. Zu den betroffenen Arealen im Mundbereich zählen die Zunge (hier am Beispiel eines älteren Patienten illustriert), die Wangenschleimhaut und die Lippenschleimhaut. Ein rauher Hals, Schluckbeschwerden und Fieber sind typischerweise assoziiert. Orale Bläschen kommen typischerweise nicht im Oropharynx-Bereich vor, sondern finden sich eher im vorderen Mundbereich. Die Erkrankung limitiert sich von selbst innerhalb von 1-2 Wochen, eine Therapie ist nicht notwendig.

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Ein 48-jähriger Mann präsentiert sich mit über dem ganzen Körper verteilten Beulen. Er berichtet auch über Schmerzen im Mund. Das Ergebnis einer kürzlich durchgeführten Untersuchung auf sexuell übertragbare Krankheitserreger stehe noch aus. In der klinischen Untersuchung zeigt sich ein dunkel violetter Fleck auf dem harten Gaumen ohne Anzeichen für eine Ulzeration.

Bilder mit freundlicher Genehmigung von CDC.

Um welche Erkrankung handelt es sich bei diesem Patienten?

A. Pyogenes Granulom
B. Hämatom
C. Kaposi-Sarkom
D. Non-Hodgkin Lymphom

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Antwort: C. Kaposi-Sarkom

Kaposi-Sarkome (siehe Abbildung) finden sich typischerweise am harten und weichen Gaumen und gelegentlich am maxillären Zahnfleisch. Die knotige oder makuläre Erscheinung eines Kaposi-Sarkoms ist rötlich bis blau-violett. Sie werden oft bilateral beobachtet. Orale Läsionen kommen ungefähr bei 10-20% aller HIV-positiven Männer vor.

Bilder mit freundlicher Genehmigung von CDC.

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Während einer Routineuntersuchung wird bei einem 53 Jahre alten Mann eine Farbveränderung seines Zahnfleischs festgestellt. Er habe dies schon seit langem und leide nicht unter Schmerzen. Bei näherer Inspektion erkennt man mehrere kutane Pigmentbildungen auf dem betroffenen Zahnfleisch, der Wangenschleimhaut und den perioralen Regionen.

Welche ist die Ursache der Pigmentbildungen?

A. Hämatom
B. Peutz-Jeghers-Syndrom
C. Amalgam-Tattoo
D. Zahnfleischpigmentierung

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Antwort: B. Peutz-Jeghers-Syndrom.

Die mit dem Peutz-Jeghers-Syndrom assoziierten Veränderungen entwickeln sich bereits in der frühen Kindheit und werden oft als Sommersprossen fehlinterpretiert. Pigmentierungen in der Mundhöhle betreffen primär die Wangenschleimhaut und die Zunge. Außerdem können sie über die Grenze zum Lippenrot reichen und sich in periorale Zonen erstrecken. Patienten mit Peutz-Jeghers-Syndrom sollten eine Vorsorge hinsichtlich intestinaler Tumoren, Polypen und Darminvaginationen betreiben.

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Ein 65-jähriger Mann klagt über Schmerzen im Mundraum sowie über einen schmerzhaften Fleck auf seiner Wange (siehe Abbildung), der langsam an Größe zugenommen habe. In der körperlichen Untersuchung findet sich der beschriebene Befund als erythematös denudierte Läsion oberflächlich an der Wangenschleimhaut.

Bilder mit freundlicher Genehmigung von CDC.

Welche Erkrankung hat der Patient?

A. Pemphigus vulgaris
B. Erosiver Lichen planus
C. Pemphigoid
D. Multiformes Erythem

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Antwort: A. Pemphigus vulgaris.

In der klinischen Untersuchung finden sich oberflächlich zerklüftete Erosionen mit Ulzerationen der Mundschleimhaut (siehe Abbildung). Die Läsionen können den weichen Gaumen, die Wangenschleimhaut, den vorderen Zungenabschnitt und das Zahnfleisch betreffen. Die Zonen, die mechanisch durch Zähneputzen und konstante Reibungsvorgänge mehr beansprucht werden, sind hinsichtlich symptomatisch erosiver Läsionen gefährdeter. Die Blasenbildung im Rahmen eines Pemphigus vulgaris entsteht durch Bindung von IgG-Antikörpern an Zelloberflächenmoleküle der Keratinozyten mit konsekutivem Verlust der Zell-Zell-Adhäsion. Manchmal kann die Schleimhautbeteiligung die einzige klinische Manifestation der Erkrankung sein.

Bilder mit freundlicher Genehmigung von CDC.

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Eine 44-jährige Frau ist wegen eines weißen Streifens auf ihrer unteren Wange besorgt (siehe Abbildung). Sie erinnert sich nicht, wann sie ihn zum ersten Mal beobachtet hat. Schmerzen oder sonstige Beschwerden seien nicht mit dem Befund assoziiert. In der klinischen Untersuchung lässt sich der weiße Streifen nicht wegwischen, bei Dehnung der Schleimhaut verschwindet er allerdings.

Welche ist die Ursache weißer Streifen auf der Mundschleimhaut?

A. Leuködem
B. Lichen planus
C. Leukoplakie
D. Candidiasis

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Antwort: B. Lichen planus.

Die netzartige Form des Lichen planus ist mit seinen gehobenen, dünnen weißen Linien einzigartig und charakteristisch (siehe Abbildung). Er kann in anderen Variationen auch als Papeln oder Plaques in Erscheinung treten. Er betrifft meistens die Wangenschleimhaut, der Mundvorhof (Vestibulum oris), die Zunge und das Zahnfleisch. Beim Lichen planus handelt es sich um eine chronisch-entzündliche Autoimmunerkrankung, bei der das Antigen ein körpereigenes Peptid darstellt.

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Ein 25 Jahre alter Mann, der vor Kurzem wegen epileptischer Anfälle in stationärer Behandlung war, berichtet, dass seine Zähne (siehe Abbildung) „schrumpfen“ würden. Er gibt zu, regelmäßige zahnärztliche Kontrollen nicht wahrgenommen zu haben, jedoch habe er eine solche Veränderung seiner Zähne vorher noch nie beobachtet. In der klinischen Untersuchung findet sich eine generalisierte Hyperplasie des Zahnfleischs mit Zahnsteinbildung.

Wie sollte das weitere Procedere für den Patienten aussehen?

A. Überweisung an einen Zahnarzt zur Weiterbehandlung
B. Überweisung an den Hausarzt für eine Umstellung seiner Eigenmedikation
C. Überweisung an einen Rheumatologen wegen einer vermutlichen Autoimmunerkrankung
D. Anforderung einer Biopsie und Überweisung an einen Onkologen.

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Antwort: B. Überweisung an den Hausarzt für eine Umstellung seiner Eigenmedikation.

Eine typische Zunahme des Zahnfleischs beginnt zwischen den Zähnen und schreitet fort, bis die Zahnkronen überdeckt sind (siehe Abbildung). Ursächlich liegt der Zahnfleischhyperplasie eine Unterbrechung des normalen Kollagenabbaus zugrunde. Die Hauptverursacher bei einer medikamenten-bedingten Gingivahyperplasie sind Antikonvulsiva (z.B. Carbamazepin, Phenobarbital, Phenytoin), Kalziumkanalblocker (z.B. Nicardipin, Nifedipin, Verapamil), Cyclosporine, orale Kontrazeptiva und Erythromycin. In der Regel kommt es zur Rekonvaleszenz des Zahnfleischs durch Änderung der Medikation. Können die Medikamente nicht umgestellt werden, sind eine chirurgische Entfernung und eine Zahnfleischplastik für die Wiederherstellung der Funktion und der Ästhetik notwendig.

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Eine 27-jährige Frau leidet unter Empfindlichkeit ihrer Zähne. In der klinischen Untersuchung fallen an mehreren ihrer Zähne schwere faziale und interproximale Zerfallserscheinungen auf (siehe Abbildung).

Bilder mit freundlicher Genehmigung von Wikipedia Commons.

Was ist die Ursache des Zahnzerfalls?

A. Bulimie
B. Gastroösophagealer Reflux
C. Zahnabnutzung
D. Einnahme von Metamphetaminen

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Antwort: D. Einnahme von Metamphetaminen.

Im Rahmen einer Einnahme von Metamphetaminen greifen Kariesläsionen (siehe Abbildung) die fazialen weichen und interproximalen Zahnregionen an und führen zu einer eventuellen Zerstörung der gesamten Zahnkrone. Die Schwere des Zahnzerfalls ist höchstwahrscheinlich die Folge sowohl psychologischer wie auch physiologischer Veränderungen. Als Folge der Stimulation des zentralen Nervensystems kann eine extreme Xerostomie (Mundtrockenheit) auftreten, die einen erhöhten Konsum an zucker- und säurehaltigen Getränken nach sich zieht. Bei Patienten mit Bulimie oder gastroösophagealem Reflux geht die Schädigung meist vom Gaumen aus, während der Missbrauch von Metamphetaminen die faziale Oberfläche zerstört.

Bilder mit freundlicher Genehmigung von Wikipedia Commons.

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Ein 47-jähriger Mann bemerkte vor einigen Wochen erstmals einen weißen Flecken (siehe Abbildung) in seinem Mund. Er kann den Fleck manuell wegwischen, er tritt danach aber wieder auf. Des Weiteren berichtet der Patient über ein brennendes Gefühl im Mund und einen unangenehmen Geschmack.

Was könnte die Ursache für diesen weißen Fleck sein?

A. HIV
B. Systemische Einnahme von Steroiden
C. Chronische Xerostomie
D. Alle genannten Antworten.

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Antwort: D. Alle genannten Antworten.

Die pseudomembranöse Candidiasis (Soor) präsentiert sich als oberflächliche weiße Schicht an verschiedenen intraoralen Lokalisationen wie hier im Bild auf einer Zunge gezeigt. Sie kann einfach mit einem Zungenspatel entfernt werden, wobei die darunterliegende Schleimhaut normal oder gerötet sein kann. Der Entstehung von Soor können verschiedene Ursachen zugrunde liegen. Breitbandantibiotika können die bakterielle Mundflora eliminieren und derart die Ansiedlung von Candida albicans begünstigen. Eine Beeinträchtigung des Immunsystems, Chemotherapie, das Sjögren-Syndrom und ein Diabetes mellitus können ebenfalls zu einer Proliferation von Candida albicans beitragen.

Bilder mit freundlicher Genehmigung von Wikipedia Commons.

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Referenzen

Autoren und Interessenkonflikte

Diese Diashow wurde ursprünglich auf Medscape.com präsentiert.

Mitarbeiterinformationen

Autor:

Willard J. Peng, DDS, MS
Zahnarzt
Scripps Poway Dental Care
San Diego, California

Interessenskonflikte: Willard J. Peng, DDS, MS: es liegen keine Angaben zu Interessenskonflikten vor.

Redakteur:

Lars Grimm, MD, MHS
Department of Diagnostic Radiology
Duke University Medical Center
Durham, North Carolina

Interessenskonflikte: Lars Grimm, MD, MHS: Es liegen keine Angaben zu Interessenskonflikten vor.

Reviewer

Harvey H. Mossak, DMD
Leitender Oberarzt
Department of Dentistry/Oral and Maxillofacial Surgery
St Joseph's Hospital Regional Medical Center of Paterson, Seton Hall University School of Graduate Medical Education
Paterson, New Jersey

Interessenskonflikte: Harvey H. Mossak, DMD: Es liegen keine Angaben zu Interessenskonflikten vor.

Übersetzung:

Dr. med. Christoph Eimer
Urologe

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