Vitamin D bei Multipler Sklerose: Fast jeder nimmt es, aber wer empfiehlt es?

Michael Simm | 15. Mai 2014

Autoren und Interessenkonflikte

Berlin – „Einen Nachweis für den Nutzen gibt es nicht – und doch nimmt heute fast jeder Patient mit Multipler Sklerose (MS) Vitamin D zu sich“, berichtete Prof. Dr. Friedemann Paul von der Berliner Charité beim 8. Weltkongress über Kontroversen in der Neurology (CONy). Klinische Studien zur Wirksamkeit seien vor diesem Hintergrund kaum mehr möglich, bedauerte der Leiter der AG Klinische Neuroimmunologie des „Excellenzcluster Neurocure“ und Chairman einer Debatte zum Thema [1].

Gemäß dem Motto des Kongresses, der mehr als 900 Besucher aus 69 Ländern anzog, sollten nach einer kurzen Einleitung zum Thema 2 Forscher gegensätzliche Standpunkte vertreten zu der Frage: „Ist Vitamin D ein relevanter Faktor bei der MS?“.

Dr. Sven Schippling, Oberarzt an der Klinik für Neurologie des Universitätsspitals Zürich, erinnerte an die seit Jahrzehnten bekannte, einzigartige geografische Verteilung der MS-Inzidenz, die einen Einfluss der Sonnenlicht- bzw. UV-Exposition nahelegt. Multiple Sklerose kommt bei Weißen auf der nördlichen Halbkugel mit dem Abstand zum Äquator immer häufiger vor, während die Menschen in Äquatornähe sehr viel seltener erkranken. Da UV-Licht für die Bildung des aktiven Vitamin D in der Haut notwendig ist, könnte hierin also der mittelbare Zusammenhang zwischen Vitamin D und Multiple Sklerose bestehen.

Die These, dass die Versorgung mit Vitamin D ein wichtiger Faktor bei der MS-Genese sein könnte, hatte bereits 1974 P. Goldberg vom Forschungslabor der Polaroid Corporation in Cambridge, USA, aufgestellt [2]. Vitamin D – genauer D3 (Cholecalciferol) – wird in der Haut unter dem Einfluss von UV-Licht aus einer Vorstufe gebildet. „Es hat vielfältige, zumeist hemmende Wirkungen auf unterschiedliche Typen von Immunzellen, und es sollte eigentlich eher als Hormon denn als Vitamin betrachtet werden“, so Schippling.

Zunahme regulatorischer T-Zellen unter UVB-Licht

In zahlreichen Studien sind diese Zusammenhänge erforscht worden. Erst vor wenigen Tagen konnte nun eine Arbeitsgruppe um Prof. Dr. Heinz Wiendl, Direktor der Klinik für Allgemeine Neurologie der Universität Münster, berichten, dass UVB-Licht die systemische Immunantwort im Tiermodell abschwächt [3].


Prof. Dr. Eva Havrdova

Gleichzeitig hatten die Forscher Menschen mit der relapsierend-remittierenden Form der MS mit UVB-Bestrahlungen behandelt und die immunmodulatorischen Effekte anhand von Biopsien und Blutproben untersucht. Dabei konnten sie bei den bestrahlten Patienten eine lokale Zunahme der regulatorischen T-Zellen und von Toleranz erzeugenden dendritischen Zellen verzeichnen, die offenbar von der Haut über das Lymphsystem zu den Entzündungsherden wanderten.

„Alle Aktivitäten des Vitamin D sind relevant für die Pathogenese der MS“, sagte in Berlin Prof. Dr. Eva Havrdova von der Neurologischen Abteilung der Charles University in Prag. Sie rekapitulierte dazu Migrationsstudien als bislang stärksten Hinweis auf den Einfluss von Umweltfaktoren auf die MS und sie verwies darauf, dass Menschen in höheren Breitengraden generell Vitamin-D-defizient wären.

„Alle Aktivitäten
des Vitamin D sind relevant für die Pathogenese der MS.“
Prof. Dr. Eva Havrdova

Sogar in utero kann ein Mangel an Vitamin D demnach die Anfälligkeit für die MS erhöhen. Und eine Fall-Kontroll-Studie mit Blutproben von mehr als 7 Millionen Angehörigen der US-Streitkräfte zeigte eine Abnahme des MS-Risikos von jeweils 41% für jeden Anstieg des Vitamin-D-Metaboliten 25(OH)D um 50 nmol/L.

Zusätzlich verwies Havrdova auf mehr als ein halbes Dutzend Studien mit MS-Patienten, bei denen man eine inverse Korrelation zwischen Vitamin-D-Spiegeln und Krankheitsparametern wie progressionsfreier Zeit oder Relaps-Risiko gefunden hatte.

„Es mangelt an hochwertigen, großen und randomisierten Studien zur Frage,
ob Menschen mit Multipler Sklerose von einer hoch-
dosierten Vitamin-D-Supplementation profitieren.“
Eleanor James

Im Gegensatz dazu waren Interventionsstudien mit Vitamin D bislang nicht erfolgreich. Dies zeigt eine Metaanalyse von Eleanor James (Blizard Institute, Queen Mary University of London) und ihren Kollegen aus dem Jahr 2013, die alle damals publizierten randomisierten und kontrollierten Studien zum Thema umfasste [4]. „Es mangelt an hochwertigen, großen und randomisierten Studien zur Frage, ob Menschen mit Multipler Sklerose von einer hochdosierten Vitamin-D-Supplementation profitieren“, lautete die Bilanz der Autoren.

Mindestens 5 Studien zum Thema sind derzeit im Gange. In einer dieser Studien erhalten die Patienten entweder 400 oder 10.000 Internationale Einheiten Vitamin D. In den anderen 4 Studien bekommen die Patienten Standardarzneien wie Rebif, Copaxone oder Interferon Beta 1b sowie zusätzlich entweder Placebo oder Vitamin D in Dosierungen, die von 6.670 IU bis zu 100.000 IU reichen. Insgesamt haben diese Studien jedoch nur 900 Teilnehmer.


Prof. Dr. Ralf Linker

Warnung vor dem Proteus-Phänomen

Die Rolle des Skeptikers übernahm in dieser Debatte Prof. Dr. Ralf Linker, Leiter der Abteilung Multiple Sklerose und Neuroimmunologie am Universitätsklinikum Erlangen. Linker mahnte zur Vorsicht bei der Interpretation der frühen Erfolgsmeldungen. Er erinnerte daran, dass in der Wissenschaft dramatische Ergebnisse in der Regel zuerst veröffentlicht werden.

Resultate, die eine spektakuläre These unterstützen, werden mit größerer Wahrscheinlichkeit publiziert als negative Ergebnisse. Ein weiteres Charakteristikum dieses in einem viel zierten Artikel von John P. A. Ioannidis beschriebenen „Proteus-Phänomen“ ist es, dass heiße Spuren aus Hypothesen-generierenden retrospektiven Untersuchungen sich bei nachfolgenden prospektiven Studien oftmals als Irrwege erweisen [5].

Auch Linker konnte auf Tierversuche zur Rolle des Vitamin D verweisen, die mit einem präventiven Studiendesign bemerkenswerte Einblicke ermöglicht haben. „Solch ein Design ist wertvoll für die Grundlagenforschung, für die Klinik aber ist es viel weniger nützlich“, sagte Linker. Von der jüngsten Jahrestagung der US-Neurologen, der American Academy of Neurology, präsentierte der Forscher aktuelle Daten zur Qualität von 623 Studien zum Zusammenhang zwischen Vitamin D und MS [6].

„Gehen Sie nach draußen, haben Sie Spaß und bewegen
Sie sich.“
Prof. Dr. Ralf Linker

Darunter waren nur 31 mit einer Kontrollgruppe, worunter wiederum 16 keinen Unterschied in den Vitaminspiegeln zwischen Patienten und Gesunden fanden. Auch saisonale Schwankungen im Vitamin-D-Haushalt waren meist nicht berücksichtigt [6].

In 5 kleinen, aber immerhin randomisierten, doppelblinden und placebokontrollierten Studien zur Behandlung der MS mit Vitamin D hatte es in den Jahren 2011 und 2012 keine signifikanten Unterschiede zur Kontrollgruppe gegeben, referierte Linker. Ein noch davor erstellter Review der Cochrane Collaboration hatte anhand der Beweislage im Jahr 2010 keine Grundlage gesehen, zum Gebrauch von Vitamin D bei der MS zu ermutigen [7]. Ein demnächst zu erwartendes Update wird dieses Urteil wohl kaum revidieren, glaubt der Neurologe, und auch in den aktuellen deutschen Leitlinien findet sich dazu keine Empfehlung.

Linker selbst vermutet, dass Vitamin D lediglich ein Korrelat für die UVB-Exposition und für die körperliche Fitness sein könnte. Er würde deshalb seinen Patienten einen einfachen Ratschlag geben, sagte Linker in Berlin: „Gehen Sie nach draußen, haben Sie Spaß und bewegen Sie sich – je nach Hauttyp und UV Index mindestens 10 bis 30 Minuten täglich.“ In der nachfolgenden Abstimmung schienen die meisten Teilnehmer davon überzeugt, dass Vitamin D die Suszeptibilität für die MS beeinflusst. Ob es als Therapie geeignet ist, wollte indes nur etwa die Hälfte der anwesenden Neurologen glauben.

Referenzen

Referenzen

  1. The 8th World Congress on Controversies in Neurology, 8. bis 11. Mai 2014, Berlin
    Debatte: „Is Vitamin D a relevant factor in MS?” (9.5.2014)
    http://www.comtecmed.com/cony
  2. Goldberg P: Int J Environ Studies 1974;6:19-27
    http://dx.doi.org/10.1080/00207237408709630
  3. Breuer J, et al: Ann Neurol. (online) 13. Mai 2014
    http://dx.doi.org/10.1002/ana.24165
  4. James E, et al: Mult Scler. 2013;19(12):1571-1579
    http://dx.doi.org/10.1177/1352458513489756
  5. Ioannidis JP: PLoS Med. 2(8):e124 (2005)
    http://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/16060722
  6. Douglas MR, et al: American Acadamy of Neurology (AAN), P6.144 (2014)
    ttps://www.aan.com
  7. Jagannath VA, et al: Cochrane Database Syst Rev. 8;(12):CD008422 (2010)
    http://dx.doi.org/10.1002/14651858.CD008422.pub2

Autoren und Interessenkonflikte

Michael Simm
Es liegen keine Interessenkonflikte vor.

Paul F, Schippling S, Havredova E: Es liegen keine Angaben zu Interessenkonflikten vor.

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