Als ubiquitäre Präventionswaffe: Sport auf Rezept

Gerda Kneifel | 12. Mai 2014

Autoren und Interessenkonflikte

Wiesbaden – Bewegung auf Rezept – so eindeutig wie provokativ lautete die Forderung auf dem Internistenkongress. Kaum eine Leitlinie komme heute noch ohne die Empfehlung von Sport aus, denn „Sport wirkt auf sämtliche Systeme des menschlichen Körper und ist damit sozusagen eine ubiquitäre Waffe“, argumentiert Dr. Peter Kurz auf einem Symposium über Präventionsmedizin in Wiesbaden [1]. Der niedergelassene Facharzt für Innere Medizin aus München lenkte damit das Thema auf die zunehmende Rolle der körperlichen Aktivität.

„Sport wirkt auf sämtliche Systeme des menschlichen Körper und ist damit sozusagen eine ubiquitäre Waffe.“
Dr. Peter Kurz

Zahlreiche große Metaanalysen belegen einen direkten Zusammenhang zwischen Sport und Mortalität, „und dieser Zusammenhang ist dosisabhängig und schon bei moderater Aktivität nachweisbar“, so Kurz.

Flankiert werden diese Forderungen von einer aktuell erschienenen Studie: Ab dem Alter von 30 Jahren ist körperliche Inaktivität ein bedeutender Risikofaktor für kardiovaskuläre Erkrankungen bei Frauen – bedeutender als Übergewicht, Rauchen oder Bluthochdruck. Das ergibt sich aus den Risikoberechnungen auf Grundlage der „Australien Logitudinal Study on Women´s health“ [2]. Das Forscherteam um Wendy J. Brown von der Universität von Queensland betont, wie wichtig und wirkungsvoll die Förderung der körperlichen Aktivität im Erwachsenenalter ist.

Moderate Bewegung genügt schon

Laut einer europäischen Empfehlung zur kardiovaskulären Prävention sollten Gesunde 2,5 bis 5 Stunden pro Woche moderat körperlich aktiv sein oder sich 1 bis 2,5 Stunden etwas intensiver bewegen [3]. Ein leistungsorientierter Sport ist also gar nicht notwendig, um kardiovaskuläre Risiken zu senken.

Liegt jedoch eine Grunderkrankung vor, gibt es bei den jeweiligen Fachgesellschaften entsprechend konkretere Empfehlungen. Bei Diabetes oder Metabolischem Syndrom etwa rät die American Diabetes Association 5-mal in der Woche zu eher moderater körperlicher Aktivität à 30 Minuten bei 50 bis 70% Herzfrequenz (Hfz).

„Sie definieren genau, wann, wie viel und
wie oft er es (ein Medikament) nehmen soll. Genau dahin müssen wir mit dem Sport auch kommen.“
Dr. Peter Kurz

Die Deutsche Diabetes Gesellschaft differenziert und empfiehlt bei Metabolischem Syndrom 150 Minuten und bei Diabetes 300 Minuten körperliche Aktivität in der Woche. Die Trainingsintensität sollte bei 60 bis 70% maximaler Sauerstoffaufnahme liegen (VO2max bezeichnet, die misst, wie viele Milliliter Sauerstoff der Körper im Zustand der Ausbelastung maximal pro Minute verwerten kann). Diese Standardmessgröße der aeroben Leistungsfähigkeit wird am besten durch eine Spiroergometrie gemessen.

Leistungsdiagnostik beim Hausarzt

Hausärzte sollten eine Leistungsdiagnostik in ihrer Praxis anbieten, um ihren Patienten ein sicheres und effektives Training empfehlen zu können – zumal „die Guidelines mittlerweile die Indikation für die Ergometrie deutlich erweitert haben“, berichtet Kurz. Nicht nur bei Menschen mit einem gewissen kardiovaskulären Risiko empfehlen sie eine Ergometrie, sondern auch für Menschen, die bislang nicht körperlich aktiv waren.  

Wer moderates Training empfiehlt, geht von einer sportlichen Aktivität bei 40 bis 59% VO2max aus. Bei intensivem Training sollte die maximale Sauerstoffaufnahme bei 60 bis 85% liegen. Da viele Hausärzte nicht über einen Spiroergometrie-Messplatz verfügen und damit die VO2max nicht direkt messen können, kann dieser Wert auch über die folgende Formel abgeschätzt werden:

VO2max [ml/min/kgKG] =
(7,8 x KG [kg] + 10,8 x Leistung [Watt]) / KG [kg]*

*Quelle: American College of Sports Medicine

Hierfür sind nur das Körpergewicht sowie ein Belastungs-EKG mit vollständiger Ausbelastung, notwendig. Der daraus errechnete VO2max -Wert lässt sich mit Normwerten Gleichaltriger, z.B. aus dem Cooper Institute in Dallas, USA, vergleichen. Liegt der Wert in der untersten Quintile, d.h. sind 80% der Gleichaltrigen besser, dann ist diese geringe Fitness ein eigenständiger Herz-Kreislauf-Risikofaktor.

„Aus meiner eigenen Beratungserfahrung heraus kann ich sagen, es ist hocheffizient, wenn jemand zeigt, wie viele Menschen in seinem Alter eine bessere Fitness haben als der Betroffene. Das ist didaktisch sehr wertvoll“, erzählt Kurz.

„Welche Trainings-Herzfrequenzen bei welchem Patienten zu empfehlen sind, ist eine individuelle Größe, für deren Ermittlung verschiedene Formeln im Umlauf sind“, ergänzt der Sportmediziner aus München. So wird der optimale Trainingspuls zum Beispiel definiert als

maximale Herzfrequenz (Hfzmax ) = 220 – Lebensalter
optimaler Trainingspuls = 50 bis 75% Hfzmax

Die Streubreite bei dieser Bestimmung ist allerdings sehr groß, da die Hfzmax großen Schwankungen unterworfen ist. Deswegen empfiehlt Kurz für die Bestimmung des optimalen Trainingspulses die Karvonenformel:

Trainingsfrequenz = ( Hfzmax – RP ) x Faktor + RP

RP =           Ruhepuls
Faktor =      0,8 für intensives Ausdauertraining
                  0,6 für extensives Ausdauertraining
                  0,5 für Untrainierte

Gespräche nicht unterschätzen

Ein sehr wichtiges therapeutisches Mittel, um die körperliche Aktivität der Patienten zu fördern, ist nach Ansicht von Kurz das Motivationsgespräch. Laut internationalen Studien können hier bereits 2 bis 3 Minuten die sportliche Motivation des Patienten signifikant steigern, „wobei es meiner Überzeugung nach hilfreicher für eine nachhaltige Einflussnahme ist, die positiven Aspekte zu betonen, als Ängste zu schüren.“

Zudem sei es wichtig, die empfohlenen sportlichen Aktivitäten so konkret wie möglich zu definieren. Und nicht zuletzt sind Ratschläge dann besonders effektiv, wenn die Hausärzte die Angebote ihrer Umgebung kennen und an ihre Patienten weitergeben, wie zum Beispiel Netzwerke von Sportvereinen, Fitnesscentern oder auch privaten Initiativen. Nicht zuletzt sollte sich der Arzt regelmäßig ein Bild davon machen, in welchem „Motivationsstatus“ sich sein Patient derzeit befindet. 

Das Motivationsgespräch baut auf den sogenannten 6 As auf:

Ask:           Fragen, ob der Patient Sport macht.
Assess:      Erkennen, auf welcher Motivationsstufe er steht, damit man ihn dort abholen kann.
Advice:       Klare individuelle Empfehlungen geben, abgestimmt auf individuelle Vorerkrankungen.
Assist:       Hilfe anbieten, um eventuelle Hindernisse zu beseitigen.
Arrange:     Verbindlichkeit herstellen, Nachfolgetermine vereinbaren.
Applaud:     Die Aktivität des Patienten positiv verstärken.

Ziel sollte sein, Sport genauso zu verschreiben wie Medikamente. Eine Initiative des Deutschen Olympischen Sportbundes (DOSB), der Deutschen Gesellschaft für Sportmedizin und Prävention (DGSP) sowie der Bundesärztekammer, die ein Rezept für Bewegung entworfen haben, hat zum Bedauern von Kurz in der Praxis noch nicht die erhoffte breite Anwendung gefunden.

Ein solches Formular, das im Internet beim DOSB und den Landessportverbänden heruntergeladen werden kann, hilft bei der Konkretisierung der ärztlichen Empfehlungen zur Bewegung: „Sie werden gezwungen, Mindestangaben zu Sportart, Frequenz, Dauer und Intensität zu machen. Sie würden Ihren Patienten ja auch nicht eine Schachtel mit Betablockern in die Hand drücken und sagen, gehen Sie mal nach Hause und nehmen Sie das. Sie definieren genau, wann, wie viel und wie oft er es nehmen soll. Genau dahin müssen wir mit dem Sport auch kommen.“ 


„Treiben Sie selbst Sport. Wer vorlebt, was er weitergibt, ist erfolgreicher.“
Dr. Peter Kurz

Gestufter Einstieg

Für Menschen, die bislang überhaupt nicht sportlich tätig waren, kann man sich auf ein Stufenschema stützen. Zunächst einmal geht es darum, überhaupt Termine für Sport im Alltag zu setzen und eine gewisse Frequenz an Bewegungseinheiten zu erhalten. In einem zweiten Schritt wird die Dauer der Einheiten stetig verlängert und zum Schluss die Intensität variiert.

Als take-home message appelliert Kurz zusätzlich zu allen hier aufgeführten Tipps für die Patienten auch an die Ärzte, sich selbst körperlich zu betätigen. „Treiben Sie selbst Sport. Wer vorlebt, was er weitergibt, ist erfolgreicher.“ Und man ist entsprechend fitter.

Referenzen

Referenzen

  1. 120. Kongress der Deutschen Gesellschaft für Innere Medizin (DGIM), 26. bis 29. April 2014, Wiesbaden
    Symposium „Präventivmedizin – geliebt in der Theorie, ignoriert in der Praxis“ (29. April 2014)
    http://www.dgim2014.de 
  2. Brown WJ, et al: Br J Sports Med (online) 8. Mai 2014
    http://dx.doi.org/10.1136/bjsports-2013-093090
  3. European Guidelines on cardiovascular disease prevention in clinical practice (Version 2012)
    http://www.escardio.org/guidelines-surveys/esc-guidelines/GuidelinesDocuments/guidelines-CVD-prevention.pdf

Autoren und Interessenkonflikte

Gerda Kneifel
Es liegen keine Interessenkonflikte vor.

Kurz P: Es liegen keine Interessenkonflikte vor.

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