Lebensstil-Änderung bei Diabetes: Das erste Jahr zählt!

Claudia Steinert | 9. Mai 2014

Autoren und Interessenkonflikte

Je eher, desto besser! Zum ersten Mal zeigt eine Studie, dass ein gesünderer Lebensstil im ersten Jahr nach der Diabetes-Diagnose das Risiko von Herz-Kreislauf-Erkrankungen in den folgenden 5 Jahren bedeutend verringert [1]. 

Der Zusammenhang war unabhängig von Alter, Geschlecht, sozialem Status, Beruf oder der Einnahme kardioprotektiver Medikamente. Das erste Jahr nach der Diagnose ist demnach eine wichtige Zeitspanne, um die Patienten „zu Veränderungen zu ermuntern und gesunde Gewohnheiten zu etablieren“, schreiben die Autoren um Gráinne H. Long von der Universität Cambridge.


Prof. Dr. Karsten Müssig

Wer weniger Alkohol trinkt und sich mehr bewegt als bisher, schütze sein Herz besonders effektiv. Eine Ernährungsumstellung hin zu weniger Fetten und mehr Ballaststoffen und Vitaminen hatte einen geringeren Effekt. „Trotzdem ist ein Trend erkennbar, dass Patienten mit gesünderer Ernährung tendenziell ein geringeres Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen zeigten“, erklärt Prof. Dr. Karsten Müssig vom Deutschen Diabetes-Zentrum (DDZ). „Bei einem größeren Kollektiv wäre dieser Unterschied vielleicht noch deutlicher geworden.“

Insgesamt, so schlussfolgern die Studienautoren, ließe sich mehr als die Hälfte aller Herz-Kreislauf-Erkrankungen verhindern, wenn die Patienten kurz nach der Diagnose drei oder vier der in der Studie untersuchten Veränderungen an ihrem Lebenswandel vornähmen. Allerdings schaffte das nur etwas mehr als ein Viertel der Probanden. „Diabetes-Patienten tun sich häufig schwer, aus ihren liebgewonnenen Gewohnheiten herauszukommen, gerade die Älteren“, kommentiert Müssig. „Das liegt auch daran, dass man den hohen Blutzucker und auch die Folgeerkrankungen anfangs gar nicht bemerkt.“

Direkt nach der Diagnose gesunde Gewohnheiten etablieren

Die Wissenschaftler der Universität Cambridge testeten insgesamt über 30.000 Personen zwischen 40 und 69 Jahren mit bisher nicht-diagnostizierten Diabetes. Bei 867 stellten sie Diabetes Typ 2 fest. „Dieser Wert von 2,6% deckt sich gut mit Daten aus Deutschland“, erklärt Müssig. „Auf jeden bekannten Diabetes kommt ein unbekannter.“

„Diabetes-Patienten tun sich häufig schwer, aus ihren liebgewonnenen Gewohnheiten herauszukommen, gerade die Älteren.“
Prof. Dr. Karsten Müssig

Direkt nach der Diagnose sowie ein Jahr später wurde der Gesundheitszustand der Patienten beurteilt. Dabei nahmen die Forscher sowohl Größe und Gewicht als auch Laborwerte zu Blutdruck, Blutzucker und Blutfetten in die Analyse auf. Außerdem wurden die Patienten gebeten, Fragebögen zu ihrem Lebenswandel auszufüllen. Sie sollten unter anderem angeben, ob und wie viel Alkohol sie trinken, ob sie rauchen, wie sie sich ernähren und wie viel sie sich bewegen.

Daraus bildeten die Wissenschaftler einen Wert, der die Veränderungen im Gesundheitsverhalten auf einer Punkteskala abbildet. Wer zum Beispiel ein Jahr nach der Diabetes-Diagnose keinen oder weniger Alkohol trank als vorher, erhielt für diese positive Veränderung einen Punkt. Wer seinem Alkoholkonsum treu blieb und vielleicht sogar tiefer ins Glas schaute, bekam keinen Punkt. Positiv bewertet wurde eine erhöhte körperliche Aktivität, geringerer Alkoholkonsum, erhöhte Ballaststoff- und Vitaminaufnahme und verringerte Gesamtkalorien- und Fettaufnahme. Insgesamt reichte die Skala somit von 0 bis 4.

Nach durchschnittlich 5 Jahren stand die Nachuntersuchung an. Insgesamt 6% der Patienten hatten in diesem Zeitraum eine Herz-Kreislauf-Erkrankung erlitten (12,2 Fälle pro 1.000 Personen, Konfidenzintervall 9,3–15,9). Das Risiko war jedoch umso geringer, je gesünder die Patienten im ersten Jahr nach der Diagnose gelebt hatten.

Die 37 Patienten, die ihrem alten Lebensstil treu blieben, zeigten im Vergleich zu den 176 Patienten, die 3 oder 4 der bewerteten Verhaltensweisen änderten, eine um das 3,71fach erhöhte Rate von Herz-Kreislauf-Erkrankungen (KI 1,02–13,56). Wenn man davon ausgeht, dass der Zusammenhang zwischen Lebenswandel und dem Auftreten von Herz-Kreislauf-Erkrankungen kausal ist, dann könnten 50,2% dieser Erkrankungen durch 3 bis 4 positive Änderungen des Lebensstils verhindert werden. Bei 2 Verhaltensänderungen wären es immerhin noch 35,4%.

„Wir als Ärzte
müssen immer wieder mit unseren Patienten sprechen und sie motivieren, ihr Verhalten zu ändern.“
Prof. Dr. Karsten Müssig

 Persönliche Beratung fördert Motivation der Patienten

Müssig zufolge hängt die Motivation zu Verhaltensänderungen auch davon ab, wie den Patienten das Wissen vermittelt wird. Durch das Internet, aber auch durch zahlreiche Zeitschriften und Infobroschüren der Pharmaindustrie seien die Menschen heutzutage theoretisch sehr gut über Diabetes informiert. „Aber trockene Informationen reichen nicht, wir müssen die Menschen auch emotional ansprechen.“

Zu diesem Ergebnis kamen indirekt auch die Forscher der Cambridge-Studie. Ursprünglich hatten sie ihre Patienten in 2 Kohorten aufgeteilt. Eine wurde normal hausärztlich betreut, die andere zusätzlich mit reichlich Informationsmaterial zu Diabetes und Verhaltensänderungen versorgt. Einen Unterschied zwischen beiden Gruppen sah man jedoch nicht. Die bunten Flyer mit Hinweisen über einen gesunden Lebenswandel hatten keinen Einfluss auf das Verhalten der Menschen. „Wir als Ärzte müssen immer wieder mit unseren Patienten sprechen und sie motivieren, ihr Verhalten zu ändern“, betont Müssig.

„Die Studie illustriert gleichzeitig das Potenzial von positiven Verhaltensänderungen, wie auch die Herausforderungen, die Patienten davon zu überzeugen, diese Veränderungen anzunehmen und beizubehalten“, schreiben die Autoren. Wie man als Arzt den Patienten am besten dabei hilft, sollte in zukünftigen Studien erforscht werden.

Referenzen

Referenzen

  1. Long GH, et al: Diabetes Care (online) 21. März 2014
    http://dx.doi.org/10.2337/dc13-1731

Autoren und Interessenkonflikte

Claudia Steinert
Es liegen keine Interessenkonflikte vor.

Long GH: Es liegen keine Erklärungen zu Interessenkonflikten vor.

Müssig K: Es liegen keine Interessenkonflikte vor.

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