Der Wechselwirkungscheck: Wie man giftige Arznei-Kombinationen bei Älteren vermeidet

Gerda Kneifel | 7. Mai 2014

Autoren und Interessenkonflikte

Wiesbaden – Der Arzneimittelgebrauch steigt mit dem Alter rapide an: Menschen ab 60 Jahre erhalten 65,3% aller in Deutschland verschriebenen Tagesdosen, im Gegensatz zu den 20- bis 59-Jährigen mit 29,3%. Bei älteren, oft multimorbiden Patienten sind Wechselwirkungen zwischen den Medikamenten keine Seltenheit, und sie sind „häufig assoziiert mit schwerwiegenden unerwünschten Ereignissen“, warnt Prof. Dr. Walter Haefeli im Rahmen des Symposiums „Arzneimitteltherapie in höherem Lebensalter“ auf dem diesjährigen Internistenkongress.

„Dabei müssen wir einen besonderen Blick haben auf Hypoglykämien, Blutungen und Digitalis-Intoxikationen“, spezifiziert der Ärztliche Direktor der Abteilung Klinische Pharmakologie und Pharmakoepidemiologie der Universität Heidelberg. Dagegen lässt sich etwas tun, denn: Die Hälfte aller lebensbedrohlichen bis relevanten unerwünschten Arzneimittelwirkungen (UAW) wären vermeidbar, vor allem durch regelmäßige Laborkontrollen und Therapeutisches Drug Monitoring (TDM).

„Bei den Verordnungen werden vor allem Dosierungsfehler begangen, aber schon an zweiter Stelle stehen die Wechselwirkungen“, betont Haefeli. Ebenso häufige wie vermeidbare Risiken bergen dabei folgende Arzneimittel-Kombinationen:

  • Hypoglykämien durch Sulfonylharnstoffe + Cotrimoxazol / Azole / Cimetidin / Clarithromycin,
  • Blutungen durch Vitamin-K-Antagonisten + Azole / Cotrimoxazol / Cimetidin / NSAR (Nichtsteroidale Antirheumatika),
  • Digitalistoxizität durch Dig(it)oxin + Betablocker,
  • Niereninsuffizienz und Elektrolytstörungen durch ACE-Hemmer + Diuretikum / NSAR.

Die Risiken steigen mit der Dauer der Therapie rapide an. Eine Studie mit 909 Patienten über 65 Jahren zeigte: „Bei einer chronischen Therapie mit ACE-Hemmern und kaliumsparenden Diuretika ist das Risiko einer Hyperkaliämie schon nach drei Wochen um das 30-Fache erhöht“, berichtet Haefeli.

„Bei einer chronischen Therapie mit ACE-Hemmern und kaliumsparenden Diuretika ist das Risiko einer Hyperkaliämie schon nach drei Wochen um das 30-Fache erhöht.“
Prof. Dr. Walter Haefeli

Würde man das Diuretikum durch Indapamid ersetzen, könnte man dieses Problem leicht umgehen. Ähnliches gilt für das stark erhöhte Risiko einer Hypoglykämie unter chronischer Therapie mit Glibenclamid und Cotrimoxazol. Letzteres ließe sich durch Amoxicillin ersetzen, wodurch die Gefahr einer Hypoglykämie drastisch sinkt.

Auch im Krankenhaus nicht sicher

Medikamenteninteraktionen sind bei betagten Menschen zwar generell die gleichen wie bei jüngeren, doch sie sind häufiger und schwerwiegender als bei diesen. Der Grund: „Im Gegensatz zu den pharmakokinetischen Wechselwirkungen, die altersunabhängig sind, hängen die pharmakodynamischen Wechselwirkungen im Alter von individuellen Kofaktoren ab, wie zum Beispiel der Gebrechlichkeit des Patienten.“

Medikamente, wie zum Beispiel psychotrope Substanzen, wirken bei Älteren stärker, doch häufig werde nicht daran gedacht, die Dosis altersentsprechend zu reduzieren.

Die gute Nachricht dabei ist: Zwar treten viele pharmakodynamische Wechselwirkungen im Alter grundsätzlich häufiger auf als bei jüngeren Patienten. „Doch nicht alle sind nachweisbar beziehungsweise in ihrer Wirkung teilweise weniger als additiv, scheinbar sogar protektiv.“

Die Häufigkeit der Wechselwirkungen hängt dabei in der Hauptsache – und das ist nicht wirklich überraschend – mit der Anzahl der verschriebenen Medikamente zusammen.

Arzneimittel-Interaktionen auch am Lebensende ein Problem

„Die pharmako-
dynamischen Wechselwirkungen
im Alter hängen
von individuellen Kofaktoren ab, wie zum Beispiel der Gebrechlichkeit
des Patienten.“
Prof. Dr. Walter Haefeli

Auch in der „end of life care“ mit intensiver medizinischer Therapie kommt es nicht selten zu erheblichen Arzneimittelinteraktionen.

Ein klassisches Beispiel ist die Kombination von Opioiden mit partiellen Opiatantagonisten wie Buprenorphin. Eine solche Komedikation sollte gestoppt werden, empfiehlt Haefeli. Komplikationen aufgrund der Kombination Levodopa mit Dopamin-Antagonisten wie Metoclopramid ließen sich umgehen, wenn als alternative Substanz Domperidon verabreicht werde.

Die Kombination von Protonenpumpenhemmern (PPI) wie etwa Omeprazol mit Clopidogrel sei ebenfalls häufig, „wobei sich die Frage stellt, ob Clopidogrel im Hospiz wirklich noch notwendig ist, oder die Gabe nicht lieber gestoppt werden sollte“, gibt Haefeli zu bedenken.

Wechselwirkungen im Falle einer kombinierten Gabe von CYP3A-Substrat (Midazolam) mit Carbamazepin lassen sich recht leicht vermeiden, wenn man letzteres bei Epilepsie-Patienten ersetzt durch Levetiracetam und bei neuropathischem Schmerz ersetzt durch Pregabalin. Nicht zuletzt ist die Komedikation von Sotalol mit H1-Antagonisten wie Diphenhydramin mit seinen Wechselwirkungen zu vermeiden.

Wer auf Nummer Sicher gehen will, der findet Hilfe beim Wechselwirkungscheck, so der Tipp des Heidelberger Mediziners.

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Referenzen

  1. 120. Kongress der Deutschen Gesellschaft für Innere Medizin (DGIM), 26. bis 29. April 2014, Wiesbaden
    Symposium: „Arzneimitteltherapie in höherem Lebensalter“ (28. April 2014)
    http://www.dgim2014.de 

Autoren und Interessenkonflikte

Gerda Kneifel
Es liegen keine Interessenkonflikte vor.

Haefeli W, Thürmann P: Es liegen keine Erklärungen zu Interessenkonflikten vor.

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