Bevacizumab: Auch geringer Zeitgewinn beim fortgeschrittenen Zervixkarzinom zählt

Ulrike Walter-Lipow | 24. April 2014

Autoren und Interessenkonflikte

Hoffmann-La Roche, der Hersteller von Bevacizumab (Avastin®), will noch in der ersten Jahreshälfte 2014 die Zulassung des Antikörpers für den Einsatz beim fortgeschrittenen Zervixkarzinom beantragen. Das ist sowohl in Europa als auch in den USA geplant. Wie das Unternehmen mitteilt, möchte man die positiven Ergebnisse einer aktuellen Studie nutzen, um dies mit den jeweiligen Zulassungsbehörden zu evaluieren [1].

Die positiven Studienergebnisse, um die es dabei geht, beziehen sich auf das unter Bevacizumab verlängerte Überleben von Patientinnen mit fortgeschrittenem Zervixkarzinom. Der Therapievergleich wurde in einem 2 mal 2 faktoriellen Design vorgenommen, in dem Bevacizumab zusätzlich zu einer platinhaltigen und einer platinfreien Chemotherapie bei  452 Patientinnen mit fortgeschrittenem Zervixkarzinom zum Einsatz kam.

Die Wissenschaftler um Dr. Krishanansu S. Tewari  von der Universität von Kalifornien in Irvine stellten fest, dass Bevacizumab mit einer Verlängerung des Gesamtüberlebens um 3,7 Monate (im Median) assoziiert war. Die Ergebnisse wurden im New England Journal of Medicine publiziert [2].

„Aber es geht hier
um eine Gruppe von Patientinnen, die eine extrem schlechte Prognose haben.“
PD Dr. Markus Fleisch

„Natürlich kann man immer hinterfragen, welche Bedeutung ein solcher Zeitgewinn hat“, sagt dazu PD Dr. Markus Fleisch, stellvertretender Direktor der Universitäts-Frauenklinik der Heinrich-Heine-Universität in Düsseldorf, gegenüber Medscape Deutschland.

„Aber es geht hier um eine Gruppe von Patientinnen, die eine extrem schlechte Prognose haben und für die selbst ein relativ kurzer gewonnener Zeitraum eine weitere Behandlung attraktiv machen kann. Dazu kommt, dass in der Studie das Bevacizumab gut vertragen wurde und gemeinsam mit der Chemotherapie verabreicht werden konnte, so dass durch die Behandlung keine zusätzlichen Termine erforderlich waren“, fügt der Frauenarzt hinzu.

„Wenn Sie in einer palliativen Situation für die Chemotherapie alle drei Wochen in die Klinik kommen müssen, ist auch so etwas wichtig. Weiterhin weist die Studie einen platinfreien Behandlungsarm auf, was von Bedeutung ist, da Patientinnen mit geschädigter Niere kein Cisplatin mehr erhalten können“, listet Fleisch weitere Vorteile auf.

Wirkprinzip Antiangionese bewährt sich

Der als Avastin® vertriebene humanisierte  monoklonale Antikörper Bevacizumab bindet an den Gefäßwachstumsfaktor VEGF, der in der Angiogenese eine wichtige Rolle spielt. Durch die Bindung an den Wachstumsfaktor verhindert Bevacizumab dessen Andocken an seine Rezeptoren auf der Oberfläche von Endothelzellen und reduziert so die Vaskularisierung von Tumoren, wodurch auch das Tumorwachstum gehemmt wird.

Bevacizumab ist in Deutschland bereits für mehrere Indikationen fortgeschrittener Krebserkrankungen zugelassen, noch nicht jedoch für die Behandlung des fortgeschrittenen Zervixkarzinoms. Fleisch geht davon aus, dass eine solche Zulassung erfolgen wird, unter anderem auf Grundlage der aktuellen Studie.

„Bevacizumab wurde gut vertragen und konnte gemeinsam mit der Chemo-
therapie verabreicht werden, so dass keine zusätzlichen Termine erforderlich waren.“
PD Dr. Markus Fleisch

In der Studie von Terwari und seinen Kollegen wurden die Patientinnen zufällig einem von 4 Behandlungsschemata zugewiesen: Cisplatin und Paclitaxel als platinhaltige Chemotherapie, Topotecan und Paclitaxel als platinfreie Chemotherapie oder beide Schemata plus Bevacizumab. Primäre Endpunkte waren das Gesamtüberleben sowie die Häufigkeit und Schwere unerwünschter Ereignisse. Sekundäre Endpunkte waren das progressionsfreie Überleben und die Ansprechrate.

Die Behandlung mit Cisplatin/Paclitaxel/Bevacizumab wies im Vergleich zur Cisplatin-Kombitherapie ohne den Antikörper eine Hazard Ratio (HR) für den Todesfall von 0,68 (95%-Konfidenzintervall: 0,48-0,97) auf. Die Ansprechrate betrug mit Bevacizumab 50%, ohne 45% (p=0,51), mit Bevacizumab wiesen 17 Patienten ein vollständiges Ansprechen auf, ohne 9.

Für die Behandlungsvariante mit Topotecan betrug die HR für den Todesfall mit Bevacizumab im Vergleich zu ohne Bevacizumab 0,74 (95%-KI: 0,53-1,05), die Ansprechrate mit dem Antikörper 47 % im Vergleich zu 27 % ohne Bevacizumab (p = 0,002) und 11 Patientinnen sprachen unter der Behandlung mit dem Antikörper vollständig an, ohne waren es nur 5.

Auch in Teilgruppenanalysen zu Alter, Leistungsstatus, ethnischer Herkunft, früherer Behandlung mit Platin, rezidivierender oder beständiger Erkrankung und der Lokalisation des Zieltumors war ein Behandlungsnutzen von Bevacizumab nachweisbar.

Die Ergebnisse der begleitenden Befragung zur Lebensqualität zeigten, dass diese durch die zusätzliche Antikörpergabe nicht weiter beeinträchtigt wurde. Unter Bevacizumab gab es sogar tendenziell weniger gemeldete Fälle von Neurotoxizität, was jedoch nicht statistisch signifikant war.

„Bei diesen Patientinnen
aber hat dieser
Ansatz das Zeug zur Standardtherapie, sofern keine Ausschlusskriterien vorliegen.“
PD Dr. Markus Fleisch

Potenzial, zur Standardtherapie zu werden

Die Autoren um Tewari sind der Ansicht, dass die statistische Verlängerung des Überlebens um im Median 3,7 Monate durchaus klinische Bedeutung hat, da dieser Zeitgewinn auch weitere Therapiechancen wie zusätzliche Zyklen der Chemotherapie bieten kann.

Sie schließen ihren Artikel jedoch mit dem Verweis darauf, dass der Schlüssel zur Verringerung der weltweiten Auswirkungen von Zervixkarzinom-Erkrankungen nicht die Therapie der fortgeschrittenen Stadien darstellt, sondern ein Ausbau der Screening- und Impfprogramme, besonders in weniger entwickelten Ländern. Auch in Deutschland sprechen sich Experten für verstärkte Bemühungen in diese Richtung aus, wie etwa die jüngste Initiative der Frauenärzte und Pädiater belegt, die die Krankenkassen für die schlechten Impfquoten bei der HPV-Impfung mit verantwortlich machen.

„Die Inzidenz des Zervixkarzinoms ist auch in Deutschland rückläufig, was wahrscheinlich auf das erfolgreiche Screening-Programm und die HPV-Impfung zurückzuführen ist“,  meint auch Fleisch. Dadurch seien in Deutschland relativ wenige Frauen überhaupt Kandidatinnen für eine solche Zusatztherapie mit Bevacizumab. „Bei diesen Patientinnen aber hat dieser Ansatz das Zeug zur Standardtherapie, sofern keine Ausschlusskriterien vorliegen.“

Offiziell ist das jedoch noch nicht, auch wenn die AMWF-Leitlinie zur Behandlung des Zervixkarzinoms gerade aktuell überabeitet wird. Auf Nachfrage von Medscape Deutschland teilte Dr. Paul Gaß vom Leitliniensekretariat der federführenden Deutschen Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe mit, dass vor einer Veröffentlichung der Neufassung keine Auskünfte zum Inhalt erteilt werden können.

Referenzen

Referenzen

  1. Mitteilung von Tobias Viering, Senior Intl. Communications Manager Avastin bei Hoffmann-La Roche gegenüber Medscape Deutschland
  2. Tewari KS et al., NEJM 2014; 370:734-743 Online
    http://dx.doi.org/10.1056/NEJMoa1309748

Autoren und Interessenkonflikte

Ulrike Walter-Lipow
Es liegen keine Interessenkonflikte vor.

Interessenskonflikte der Autoren sind unter NEJM.org auf der Seite des Artikels abrufbar.

Fleisch M: Es bestehen keine Interessenkonflikte.

Gaß P: Es liegt keine Erklärung zu Interessenkonflikten vor.

Wir bitten darum, Diskussionen höflich und sachlich zu halten. Beiträge werden vor der Veröffentlichung nicht überprüft, jedoch werden Kommentare, die unsere Community-Regeln verletzen, gelöscht.