Das biologische Alter zählt: Kein Cut-off bei 65 für Chemotherapie bei Lungenkrebs

Simone Reisdorf | 14. April 2014

Autoren und Interessenkonflikte

Bremen – Patienten mit nicht-kleinzelligem Lungenkarzinom (NSCLC) im Stadium IV profitierten in der Regel von einer Chemotherapie – auch dann, wenn sie bereits „älter“ sind. Das betonte Dr. Sabine Görlitz, Oberärztin am Klinikum Bremen-Ost, im Gespräch mit Medscape Deutschland beim DGP-Kongress in Bremen.

Was heißt überhaupt „älter“?

„Das mediane Alter bei Diagnose von Lungenkrebs in Deutschland ist für Männer 69 und für Frauen 68 Jahre“, konstatierte Dr. Antje Tessmer, Oberärztin an der Bronchialkarzinom-Ambulanz der Charité Berlin, beim Kongress. „Ihre Therapie sollte sich aber nur an der individuellen Krebserkrankung und an ihrem körperlichen Zustand ausrichten – nicht am Lebensalter per se.“

Das bestätigte auch Görlitz gegenüber Medscape Deutschland: „Es ist keine Grenze definiert, ab der ein onkologischer Patient als ‚alt‘ zu betrachten ist. Geht man vom medianen Alter bei Erstdiagnose aus und verwendet den häufig zitierten Cut-off von 65 Jahren, dann wäre die Mehrheit unserer Lungenkrebspatienten ‚alt‘ oder ‚geriatrisch‘, das trifft jedoch so nicht zu.“

„Es ist keine Grenze definiert, ab der ein onkologischer Patient als ‚alt‘ zu betrachten ist.“
Dr. Sabine Görlitz

Ob man die Linie nun bei 65 oder 70 Jahren oder noch später zieht: Die Behandlung mittels Chemotherapie bringt auch betagten Patienten einen Benefit. So zeigte eine japanische Studie bei onkologischen Patienten bis zu 79 Jahren unter Chemotherapie ein signifikant verlängertes Gesamtüberleben – und bei den 80-Jährigen und älteren immer noch einen Trend zur Lebensverlängerung. [2]

Betagte Patienten aktiv behandeln – aber womit?

Tessmer präsentierte eine Reihe von Studien, die belegen, dass Chemotherapien einen „Gewinn an aktiver Lebenszeit“ für Senioren bringen. So zeigte sie eine ältere Studie zur Monotherapie mit Vinorelbin bei Patienten ab 70 Jahren: „30 mg/m² Vinorelbin, an Tag 1 und 8 alle 3 Wochen infundiert, verlängerten das mediane Gesamtüberleben von 21 auf 28 Monate und waren mit guter Verträglichkeit, Symptomreduktion und verbesserter Lebensqualität assoziiert“, berichtete sie [3].

Keine Evidenz gibt es dagegen laut Tessmer für platinfreie Kombinationen bei älteren Lungenkrebspatienten: „Mehrere Studien mit Vinorelbin plus Gemcitabin oder Vinorelbin plus Docetaxel haben keinen Vorteil gezeigt.“ Görlitz ergänzte: „Die Studienlage zeigt, dass gerade die cisplatinhaltigen Kombinationstherapien den älteren Patienten mehr Nutzen bringen als Kombinationen nicht-platinhaltiger Therapien.“

Ähnliches lässt sich aus einer Studie von 2011 ableiten, in die 451 Patienten im medianen Alter von 77,1 Jahren (70,0–88,8 Jahre) eingeschlossen waren. Sie wurden im Verhältnis 1:1 auf eine Monotherapie mit Vinorelbin oder Gemcitabin vs eine Kombinationstherapie mit Carboplatin plus Paclitaxel randomisiert. Damit überlebten sie im Median 6,2 Monate (Monotherapie) vs 10,3 Monate (Kombination). „Nach einem Jahr waren noch 25,4% vs 44,5% der Patienten am Leben“, so Tessmer.

„Auf Grundlage
der (gängigen geriatrischen ) Assessments könnten wir eine Einteilung der älteren Lungen-
krebspatienten vornehmen.“
Dr. Antje Tessmer

Der Nutzen der platinhaltigen Kombination war in diesen und weiteren Wirksamkeitsparametern hochsignifikant (p < 0,0001). „Allerdings traten in der Kombinationsgruppe signifikant mehr hämatologische Nebenwirkungen wie Neutropenie, febrile Neutropenie und Thrombopenie auf“, schränkte Tessmer ein. Dazu kamen vermehrte Neuropathien [4].

Und die neuen Medikamente?

Neuere Therapien wurden bisher nicht prospektiv gezielt an älteren Patienten untersucht. Tessmer zitierte Subgruppenanalysen zweier Studien mit Carboplatin plus Pemetrexed: „Hier konnte für über 70-Jährige eine signifikante Lebensverlängerung gezeigt werden, aber auch die Grad 3-/4-Neutropenien waren erhöht.“

Die Zugabe von Bevacizumab zu Carboplatin/Paclitaxel bei Lungenkrebspatienten ab 70 Jahren zeigt – wiederum in retrospektiven Subgruppenanalysen – bislang nur einen Trend zu einem längeren progressionsfreien Überleben, aber kein verlängertes Gesamtüberleben. Und auch hier findet sich eine erhöhte hämatologische Toxizität.

Vor Therapieentscheidung das biologische Alter bestimmen

Wichtig ist, laut Tessmer, ein geriatrisches Assessment vor der Therapieentscheidung. Erfasst werden sollten beispielsweise der Performancestatus, die Aktivitäten des täglichen Lebens, Demenz, Depression und körperliche Begleiterkrankungen, soziale Unterstützung, Ernährung und Polypharmazie.

„Etablierte und standardisierte Vorgaben für ein solches Assessment bei Lungenkrebspatienten oder überhaupt bei Krebspatienten als Hilfe zur Therapieentscheidung gibt es bisher nicht“, bedauerte Görlitz. „Wir können aber die gängigen geriatrischen Assessments verwenden.“

„Auf Grundlage der Assessments könnten wir eine Einteilung der älteren Lungenkrebspatienten vornehmen“, so ein Ziel von Tessmer. Die „fitten“ Senioren sollten nach ihren Worten genauso wie jüngere Erwachsene behandelt werden, die „verletzlichen“ sicherheitshalber stationär und mit nur dreiviertel der üblichen Dosis unter Beachtung aller Supportivtherapien. Lediglich die „gebrechlichen“ Senioren sollten von einer hochtoxischen „Chemo“ ausgenommen werden. „So kann die Behandlung möglichst vielen älteren Patienten zugute kommen, die sie auch vertragen.“

Referenzen

Referenzen

  1. 55. Kongress der Deutschen Gesellschaft für Pneumologie und Beatmungsmedizin e.V., 26. Bis 29. März 2014, Bremen 
    http://www1.pneumologie.de
  2. Kawaguchi T, et al: Clin Lung Cancer 2012;13(6):442-447
    http://dx.doi.org/10.1016/j.cllc.2012.03.010
  3. Gridelli C: Oncologist 2001;6 Suppl 1(4-7)
    http://dx.doi.org/10.1634/theoncologist.6-suppl_1-4
  4. Quoix E, et al: Lancet 2011;378(9796):1079-1088
    http://dx.doi.org/10.1016/S0140-6736(11)60780-0

Autoren und Interessenkonflikte

Simone Reisdorf
Es liegen keine Interessenkonflikte vor.

Görlitz S, Tessmer A: Es liegen keine Angaben zu Interessenkonflikten vor.

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