Pilze – von halluzinogen bis giftig

Gerda Kneifel | 11. April 2014

Autoren und Interessenkonflikte


Dr. Thomas Baltus

Wiesbaden – Bewusstseinsverändernde Pilze erfreuen sich großer Beliebtheit – und sie sind einfach erhältlich. Welche gesundheitlichen Gefahren mit dem Verzehr dieser Pilze verbunden sind, erläuterte Dr. Thomas Baltus, Chemiker und Oberarzt in der Abteilung Anästhesie am Städtischen Krankenhaus Heinsberg, auf dem Deutschen Interdisziplinären Notfallmedizinkongress (DINK) in Wiesbaden [1]. Er warnte auch vor dem Verzehr von mit Schimmelpilzen befallenen Lebensmitteln und den Gefahren durch Speisepilze – wenn sie mit giftigen Pilzen verwechselt werden.

Psychoaktive Pilze werden schon seit Jahrtausenden genutzt, erklärt Baltus: „Bei den Azteken wurde zum Beispiel der Teonanacatl schon als Rauschdroge verwendet. Der Name bedeutet: Fleisch der Götter. Heute wissen wir, dass der psychoaktive Wirkstoff das in vielen psychoaktiven Pilzen auftretende Psilocybin ist.“

Von diesen ,Psilos’ gibt es etwa 100 Arten. „Das Schlimme dabei ist, dass man sie im Internet ganz einfach kaufen kann. Sie brauchen gar nicht lange suchen und stoßen sofort auch auf deutschsprachige Seiten.“

Die Wirkung: Nach 15 bis 30 Minuten treten Pupillenerweiterung, Schwindel, Übelkeit oder auch Parästhesien auf und erst danach die gewünschten Symptome wie Halluzinationen mit verändertem Empfinden für Raum, Zeit und Farben sowie euphorischen – oder auch dysphorischen – Zuständen.

Die gesundheitlichen Gefahren des Psilocybin liegen vor allem in psychischen Störungen, Horrortrips oder auch Flashbacks. Die Therapie beschränkt sich dann auf Talk down, eventuell ergänzt durch angstlösende Benzodiazepine. Der Rausch klingt meist nach 4 bis 6 Stunden mit Kopfschmerzen, Panikattacken oder auch depressiven Verstimmungen ab.

„Der psychoaktive Wirkstoff ist das in vielen psychoaktiven Pilzen auftretende Psilocybin.“
Dr. Thomas Baltus

Neben „Psilos“ werden auch häufig Fliegenpilze und der Gelbe oder Porphyrbraune Knollenblätterpilz eingenommen. Baltus: „Psychoaktive Pilze generell, das ist schon einmal wichtig zu wissen, führen in der Regel aber nicht zu bedrohlichen Komplikationen.“

Gifte der Schimmelpilze noch lange nicht alle bekannt

Schimmelpilze sind in unseren Nahrungsmitteln extrem weit verbreitet. Laut der Food and Agriculture Organization (FAO) der Vereinten Nationen sind bis zu 25% aller Lebensmittel weltweit kontaminiert. „Und 30 bis 40 Prozent aller Schimmelpilze können die sogenannten Mycotoxine bilden“, quantifiziert Baltus. „Allerdings wissen wir noch zu wenig über die Zusammenhänge zwischen den Arten und den Stoffen, die gebildet werden.“

Die gesundheitlichen Folgen reichen von akuten Mycotoxikosen, zu denen auch Sinusitis und Konjunktivitis zählen, bis hin zu chronischen karzinogenen, mutagenen oder den Embryo schädigenden Wirkungen. „Nachweise sind allerdings extrem schwierig, denn von den schätzungsweise rund 2.000 Mycotoxinen sind erst 400 identifiziert“, so Baltus.

Gut untersucht sind etwa die Aflatoxine, die häufig in Erdnüssen, Getreide, Sojabohnen oder auch pflanzlichem Tierfutter zu finden sind. Der häufige Befall der Lebensmittel führte zwar dazu, dass Grenzwerte im Bereich der Lebensmittelkontrollen eingeführt wurden. Der beste Schutz vor Mycotoxinen ist aber immer noch, verschimmelte Lebensmittel konsequent zu entsorgen und die entsprechenden Behältnisse sorgfältig zu reinigen.

Verwechslungen bei Speisepilzen – meist glimpflich endend

„Es gibt eine immense Zahl an Pilzen, die kaum zu überschauen ist. Die gute Nachricht dabei ist, dass nur wenige Pilze einen Großteil der Katastrophen auslösen“, betonte Baltus, der in Wiesbaden erläuterte, wie man die häufigsten Intoxikationen aufgrund von Pilzen behandelt.

„Nachweise (der schädigenden Wirkungen) sind allerdings extrem schwierig, denn von den schätzungsweise rund 2.000 Mycotoxinen sind erst 400 identifiziert.“
Dr. Thomas Baltus

Der Verzehr giftiger Hutpilze kann – je nach Pilzart – verschiedene Symptome hervorrufen. Dabei stehen 4 Syndrome im Mittelpunkt.

Das Pantherina-Syndrom betrifft primär das Nervensystem, bekanntester Auslöser ist der Fliegenpilz. Es äußert sich in Symptomen wie Pupillenerweiterung, Tachykardie, aber auch Euphorie, Halluzinationen und Rauschzuständen sowie Schwindel und Gleichgewichtsstörungen. Die ersten Symptome treten bereits binnen 15 Minuten bis 4 Stunden auf. „Die Therapie ist meist nur symptomatisch nötig“, erläutert Baltus. „Das Parasympathomimetikum Physostigmin ist ein Gegengift, das nur bei ausgeprägtem cholinergem Syndrom verabreicht wird.“

Das Gastrointestinale Syndrom ist eine Folge des Genusses zum Beispiel der Hallimasche, auch Honigpilze genannt. Diese können mit an Holz wachsenden Arten wie dem essbaren Stockschwämmchen verwechselt werden. Erbrechen und Durchfall treten ebenfalls binnen 15 Minuten bis 4 Stunden auf. Die Therapie entspricht der einer allgemeinen Gastroenteritis mit Flüssigkeitsersatz und Wiederherstellung der Verdauung. „Wir müssen allerdings den Verzehr eines Knollenblätterpilzes ausschließen können, da dürfen wir nichts verschlafen“, betont Baltus.

„Knollenblätterpilze gehören zu den ganz wenigen Pilzen, deren Genuss tödlich sein kann.“
Dr. Thomas Baltus

Die dritte häufige Erkrankung nach Pilzgenuss ist das Muskarin-Syndrom. Trotz der namentlichen Ähnlichkeit hat es nichts mit dem Fliegenpilz (Amanita muscaria) zu tun. Auch hier treten die Symptome wie Schweißausbrüche, Brechdurchfall, Miosis, Hypersekretion, Asthma-Anfälle, Bradycardie oder auch Hypotonie binnen Minuten bis zu 2 Stunden auf. „Hier müssen wir tatsächlich auch einmal eine medikamentöse symptomatischeTherapie mit Atropin in Betracht ziehen, um beispielsweise die Bradykardie und die Hypersekretion zu beheben“, meint Baltus.

Die in der Regel kurze Latenzzeit dieser Giftpilze hat zumindest ein Gutes: „Wenn ein Patient mit Bauchschmerzen berichtet, dass er vor einer Stunde Pilze gegessen hat, kann man schon fast sicher sein, dass es kein Knollenblätterpilz war.“ Der hat nämlich eine deutlich längere Latenzzeit.

Größte Gefahr durch Knollenblätterpilze

„Das größte Problem in unseren Breiten sind die Knollenblätterpilze. Sie gehören zu den ganz wenigen Pilzen, deren Genuss tödlich sein kann“, warnt Baltus. „Sie lösen ein Hepatorenales Syndrom aus, bei dem es wirklich um Zeit geht. Wenn schnell genug gehandelt wird, steigt die Überlebenschance – sonst liegt die Letalität zwischen 20 und 40 Prozent.“

„Pilzvergiftungen
mit verspätet einsetzenden Symptomen haben
oft die schlechteste Prognose.“
Dr. Thomas Baltus

In Deutschland ist von den weltweit auftretenden Amanita-Pilzen vor allem der Grüne Knollenblätterpilz (Amanita phalloides) in Wäldern zu finden. „Auch wenn uns der weiße Knollenblätterpilz oftmals Probleme macht, der mit dem Champignon verwechselt wird – der grüne Verwandte ist jedenfalls für über 90% aller tödlichen Pilzvergiftungen verantwortlich.“

Gefährlich sind Knollenblätterpilze auch, weil es passieren kann, dass „sogar über Tage keine Symptome auftreten. In dieser Zeit werden die Gifte trotzdem resorbiert. Deswegen muss man sagen: Pilzvergiftungen mit verspätet einsetzenden Symptomen haben oft die schlechteste Prognose“, so Baltus. Die anschließende gastrointestinale Phase kann zudem noch mit anderen Pilzvergiftungen verwechselt werden. Und in der dritten Phase kommt es nicht zuletzt zu scheinbaren Verbesserungen, in denen wenige Symptome auftreten. „Auf diese Phase folgen dann Leber- und Nierenversagen mit allen Konsequenzen.“

Symptome einer Vergiftung durch Amanita phalloides (Grüner Knollenblätterpilz) [2]

Phase   Zeit Symptome
I Latenzphase 5–24 (–48) Stunden keine

II Gastrointestinale Phase

nach 6–60 Stunden
(Dauer 11–24 Stunden)
Erbrechen,
Durchfall,
Exsikkose,
Bauchschmerzen,
Blutdruckabfall

III: Symptomarme Phase nach 24–72 Stunden
(Dauer 2–24 Stunden)
Anschwellen der Leber,
erste Nekrosen, Beginn
Akutes Nierenver-
Sagen (ANV)

IV Hepatorenale Phase nach 5–7 Tagen Hyperbilirubinämie
Ikterus, Druck-
Empfindlichkeit
der Leber, Coma
hepaticum, ANV,
Gerinnungsstörungen

Ein Phytopharmakon als Lichtblick

„Eine Knollenblätterpilz-Vergiftung ist eine der wenigen Situationen, in denen auch in der frühen Phase eine Magenspülung empfohlen wird – auch bei symptomfreien Teilnehmern der Pilzmahlzeit – in der Latenzphase immer, in der gastrointestinalen Phase bei Verdacht auf Pilzreste im Magen“, rät Baltus. Daneben sollten Aktivkohle und Glaubersalz gegeben werden. Zudem sollte die Asservierung von Spülflüssigkeit, Erbrochenem, Blut oder auch Urin sowie eine forcierte Diurese bis 48 Stunden nach Verzehr erfolgen.

„Es gibt aber auch einen Lichtblick: Das Antidot Silibin bildet einen Komplex mit dem Amatoxin bildet und verhindert so die Aufnahme in die Zelle.“ Das Medikament ist ein Extrakt aus der Mariendistel Silybum marianum und ist unter anderen beim DRK Kreisverband Düsseldorf, Tel. 0211/211011 erhältlich.

„Eine Knollenblätterpilz-Vergiftung ist eine der wenigen Situationen, in denen auch in der frühen Phase eine Magenspülung empfohlen wird.“
Dr. Thomas Baltus

Das Phytopharmakon sollte so schnell wie möglich verabreicht werden, auch ohne definitive Diagnose: 350 mg der Substanz werden hierfür in 35 ml aufgelöst und intravenös verabreicht. Die Tagesdosis sollte 20 mg/kg KG betragen und auf 4 Einzeldosen verteilt werden, wobei mit jeder Einzeldosis über 2 Stunden infundiert werden sollte – so lange, bis die Symptome abgeklungen sind.

„Silibin sollte allerdings in einer Phase gegeben werden, in der keine Hämodialyse erfolgt, um hohe Wirkstoffspiegel zu erreichen“, schränkt Baltus ein. Wegen seiner Natriumlast sind engmaschige Elektrolytkontrollen erforderlich. Nebenwirkungen treten praktisch keine auf. Sollte das Medikament nicht zur Verfügung stehen, ist Penicillin G (1 Mio. I.E./kg KG/d) indiziert.

Wer sich nicht sehr gut mit Pilzen auskennt, sollte in jedem Fall bei einer Giftnotrufzentrale anrufen. Dort kann man sich auch von Pilzspezialisten beraten lassen. Auf der Seite der Deutschen Gesellschaft für Mykologie  sind die entsprechenden Kontakte aufgelistet.

Referenzen

Referenzen

  1. Deutscher Interdisziplinärer Notfallmedizinkongress DINK: 20. bis 21. März 2014, Wiesbaden
    http://www.dink2014.de/index.php
  2. Scholer A, et al: Toxichem + Krimtech. 2000; 67(3):98-104
    In: Ärztliche Mitteilungen bei Vergiftungen (BfR), 2010, S. 34
    http://www.bfr.bund.de/cm/350/aerztliche-mitteilungen-bei-vergiftungen-2010.pdf

Autoren und Interessenkonflikte

Gerda Kneifel
Es liegen keine Interessenkonflikte vor.

Baltus T: Es liegen keine Interessenkonflikte vor.

Wir bitten darum, Diskussionen höflich und sachlich zu halten. Beiträge werden vor der Veröffentlichung nicht überprüft, jedoch werden Kommentare, die unsere Community-Regeln verletzen, gelöscht.