Deutsche Studien zum Prostatakarzinom: „Das Raumschiff beginnt abzuheben�?

Michael Simm | 10. April 2014

Autoren und Interessenkonflikte


Prof. Dr. Peter Albers

Berlin – Intelligent und individualisiert – so wird nach Ansicht von Prof. Dr. Peter Albers, Direktor der Urologischen Klinik der Uniklinik Düsseldorf, in Zukunft die Früherkennung des Prostatakarzinoms erfolgen. Noch in diesem Jahr werden den Prognosen zufolge in Deutschland etwa 70.000 Männer an dem langsam wachsenden Tumor erkranken, das sind rund 2.400 mehr als noch im Jahr 2013. Etwa jeder 5. Patient wird voraussichtlich daran sterben. Die Früherkennung, ein Thema, über das Medscape Deutschland bereits mehrfach berichtet hat, nahm auch auf dem 31. Deutschen Krebskongress in Berlin breiten Raum ein [1].


Prof. Dr. Michael Stöckle

Dass Tests auf das Prostata-spezifische Antigen (PSA) in der Früherkennung eine Rolle spielen, ist unumstritten. In einer Plenarsitzung vertrat Prof. Dr. Michael Stöckle, Leiter der Klinik für Urologie am Universitätsklinikum des Saarlandes, allerdings die Meinung, dass die Zeit für ein generelles PSA-Screening-Programm noch nicht reif sei. „Die Zeit ist reif, einem adäquat aufgeklärten und früherkennungswilligen Mann den PSA-Test als Früherkennungsleistung zu erstatten“, so Stöckle.

Mit Blick auf eine Vielzahl von Studien zum Nutzen des PSA-Screenings bekräftigte der Urologe, dass die Reduktion von Überdiagnostik und Übertherapie ein wichtiges Ziel bleiben müsse. Gleichzeitig kritisierte Stöckel scharf die gelegentlichen Zuspitzungen in den Medien: „Es ist Betrug, seinem Publikum einzureden, PSA-Tests schadeten erwiesenermaßen mehr als sie nutzen.“

„Die Zeit ist reif, einem adäquat aufgeklärten und früherkennungswilligen Mann den PSA-Test als Früherkennungs-
leistung zu erstatten.“
Prof. Dr. Michael Stöckle

Diese Meinung teilte offenbar auch der Großteil der Zuhörer: 67% antworteten mit „Ja“ auf die Frage, ob sie im Alter von 45 Jahren bei der ersten gesetzlichen Vorsorgeuntersuchung ihren Arzt um einen selbst bezahlten PSA-Test bitten würden. Zum Ende der Diskussion hatte dieser Anteil sich auf 79% erhöht. Liegt der Wert unter 0,5 ng/ml, würde die Mehrheit der Teilnehmer (51%) 5 Jahre warten bis zum nächsten PSA-Test, 21% würden nur 2 Jahre warten und 17% 10 Jahre.

Im zweiten Teil der Diskussion empfahl Albers seinen Zuhörern, im Alter zwischen 50 und 60 Jahren dreimal den PSA-Wert messen zu lassen. „Bleibt er im Alter von 60 Jahren unter 1,0, ist keine weitere Vorsorge nötig“, so Albers. Ebenso wie Stöckle sprach er sich gegen ein generelles Screening zum jetzigen Zeitpunkt aus.

PROBASE: Risikoadaptiertes Vorgehen abhängig von PSA-Wert?

„Es ist Betrug, seinem Publikum einzureden, PSA-Tests schadeten erwiesenermaßen mehr als sie nutzen.“
Prof. Dr. Michael Stöckle

Diese Empfehlungen sollen – wie bereits berichtet – in einer von der Deutschen Krebshilfe finanzierten Studie mit 50.000 Teilnehmern über einen Zeitraum von 15 Jahren gesichert werden. PROBASE – so der Name der Studie – steht für „Risk-adapted prostate cancer early detection study based on a baseline PSA value in young man”. „Wir untersuchen, ob in Abhängigkeit von der Höhe eines ersten Basis-PSA-Werts ein risikoadaptiertes Vorgehen bei der Prostatakrebs-Vorsorge möglich ist“, erläuterte Albers, der PROBASE leitet.

Nach einigen Startschwierigkeiten wurde im Februar der erste Patient für PROBASE rekrutiert. Insgesamt sollen es 50.000 Männer werden, die man im Alter von 45 Jahren auf 2 Gruppen randomisieren will: Die einen erhalten unmittelbar ein PSA-Screening, die anderen bekommen es mit 5 Jahren Verzögerung.


Prof. Dr. Nikolaus Becker

Je nach Ergebnis wird der nächste PSA-Test entweder nach 5 Jahren anberaumt (bei Werten unter 1,5 ng/ml) oder schon nach 2 Jahren (15 bis 2,99 ng/ml). Liegt der PSA-Wert über 3,0 ng/ml erfolgt eine multiparametrische Kernspintomographie (mpMRT) und die Entnahme einer Biopsie. Man erwartet, dass auf die erste Gruppe etwa 90% der Probanden entfallen, auf die zweite Gruppe 8% und auf die dritte 2%.

Eigentlich sei PROBASE eine „Anti-screening-Studie“, sagte Albers auf einer Pressekonferenz zum Thema. Wie Prof. Dr. Nikolaus Becker, Leiter der AG Epidemiologische Grundlagen der Krebsprävention am Deutschen Krebsforschungszentrum Heidelberg erläuterte, führten PSA-Tests derzeit zu Überdiagnosen im deutlich zweistelligen Bereich. Vor Einführung der Tests in den 1990er-Jahren lagen die Fallzahlen noch bei etwa 20.000 pro Jahr, im Jahr 2000 waren es 50.000 und für das Jahr 2014 wurden bereits 70.000 Prostatakrebs-Diagnosen erwartet.



Gerd Nettekoven

„Von diesen Zahlen wollen wir durch Forschung wieder herunterkommen“, so Becker. PROBASE sei eine äußerst relevante Studie für ein wichtiges Problem, ergänzte Gerd Nettekoven, Hauptgeschäftsführer der Deutschen Krebshilfe e.V. Dass die Krebshilfe dafür 4,7 Millionen Euro bereitstellt, mache die Studie völlig unabhängig von der Pharmaindustrie, hob Nettekoven hervor.

PREFERE: Vier Strategien werden verglichen

Wie es nach der Diagnose eines Prostatakarzinoms weiter geht, soll ein weiteres „urologisches Großprojekt“ klären, das ebenfalls von der Deutschen Krebshilfe finanziert wird. Die PREFERE-Studie soll – wie Medscape Deutschland berichtete – die Frage nach der individuell besten Vorgehensweise beantworten: die operative Entfernung der Prostata, eine Strahlenbehandlung, die Brachytherapie oder eine aktive Überwachung.


Prof. Dr. Thomas Wiegel

„Wir werden erstmals diese Therapiestrategien miteinander vergleichen und untersuchen, ob die Methoden vergleichbar gut sind oder eine Therapie der anderen überlegen ist“, sagte Stöckle, der die Studie gemeinsam mit Prof. Dr. Thomas Wiegel, Direktor der Klinik für Strahlentherapie und Radioonkologie des Universitätsklinikums Bonn leitet.

Insgesamt werden für diese Studie 7.600 Patienten gesucht, und es gab, wie Stöckle berichtete, „viele Zweifel, ob dieses Raumschiff fliegen würde“. Jetzt aber habe man begonnen abzuheben. Die ersten 87 Patienten waren zum Krebskongress bereits aufgenommen worden. Zum Ende des ersten Quartals 2014 sollten alle Studienzentren geöffnet sein, so Stöckle.

Referenzen

Referenzen

  1. 31. Deutscher Krebskongress 2014, 19. bis 22. Februar, Berlin
    Urologische Tumoren. Plenarsitzung: PSA-Test: Sinnlos oder sinnvoll?
    Hauptpressekonferenz: Der Patient im Mittelpunkt: Die neuen Studien PREFERE bei Prostatakrebs und PROBASE für ein alternatives Konzept zum generellen PSA-Screening (22.2.2014)
    http://www.dkk2014.de

Autoren und Interessenkonflikte

Michael Simm
Es liegen keine Interessenkonflikte vor.

Albers P, Stöckle M, Becker N, Nettekoven G, Wiegel T: Es liegen keine Erklärungen zu Interessenkonflikten vor.

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