Nervenkick gegen obstruktive Schlafapnoe – wie gut ist der neue Zungenschrittmacher?

Dr. Ulrike Gebhardt | 27. März 2014

Autoren und Interessenkonflikte


Dr. Barbara Hortian

Die Beatmungstherapie mit der CPAP-Maske gilt als der Goldstandard für die Behandlung der obstruktiven Schlafapnoe. Doch nicht jeder Patient zieht mit. Laut den Ergebnissen einer Studie, die kürzlich im New England Journal of Medicine publiziert worden ist, steht für diese Patienten jetzt eine wirksame alternative Therapieform zur Verfügung [1]. Mittels elektrischer Stimulierung des Hypoglossus-Nervs durch den Einbau eines „Zungenschrittmachers“ konnte bei den meisten Studienteilnehmern die Anzahl der Apnoe- und Hypopnoe-Episoden während des Schlafs deutlich gesenkt werden. „Die Methode scheint laut den Ergebnissen zumindest bei ausgewählten Patienten gut zu funktionieren. Doch sie steckt noch in den Kinderschuhen und wird die CPAP-Therapie in Zukunft sicher nicht ablösen“, sagt Dr. Barbara Hortian, Leiterin des Schlaflabors am Zentrum für Innere Medizin des Klinikum Rostock.

Ihre Skepsis gründet in den schlechten Erfahrungen, die die Schlafmedizinerin vor 10 Jahren mit einem Verfahren gemacht hat, das einen ähnlichen Weg zur Therapie der Schlafapnoe einschlug. „Die Effekte der Apnoestim-Methode wurden damals ähnlich euphorisch gefeiert. Doch in der Praxis brachte das Verfahren, bei dem zum Zwecke eines Zungentrainings eine Elektrode unter dem Kinn und die andere im Mund platziert werden, rein gar nichts“, berichtet Hortian.

Der jetzt verwendete Zungenschrittmacher unterscheidet sich jedoch deutlich vom Apnoestim-Verfahren. Bei einem operativen Eingriff, der im Mittel 140 Minuten dauert, wird den Patienten ein Neurostimulator unterhalb des Schlüsselbeins eingesetzt. Eine Fühlereinheit zwischen den Rippenmuskeln misst die Atembewegungen, eine Stimulationselektrode wird auf dem Hypoglossus-Nerv platziert. Diese sorgt dafür, dass der Zungenmuskel nicht erschlafft und die Atemwege frei bleiben. Das Gerät wird vor dem Schlafengehen angestellt und morgens wieder abgeschaltet.

Die Schläfrigkeit lässt nach, die Lebensqualität steigt

„Die Methode
steckt noch in
den Kinderschuhen und wird die CPAP-
Therapie in Zukunft sicher nicht ablösen.“
Dr. Barbara Hortian

In der aktuellen prospektiven, industriegesponserten Kohortenstudie wurde nun 126 Patienten an 22 internationalen Kliniken und Zentren ein Zungenschrittmacher eingesetzt. Die Teilnehmer waren überwiegend Männer (83%), im Durchschnitt rund 55 Jahre alt mit einem mittleren Body-Mass-Index (BMI) von 28,4 kg/m².

Ausgewählt wurden nur solche Patienten, bei denen eine Aussicht auf Erfolg bestand. Männer und Frauen mit einem BMI größer als 32 sowie solche mit neuromuskulären Erkrankungen, schweren obstruktiven Lungenerkrankungen oder besonderen anatomischen Abnormalitäten konnten nicht an der Studie teilnehmen.

Zu Studienbeginn und nach 12 Monaten wurden der Apnoe-Hypopnoe-Index (Anzahl der Apopnoen/Hypopnoen pro Stunde, AHI) und der Sauerstoffsättigungsindex (ODI) gemessen sowie als sekundäre Endpunkte Lebensqualität und Schläfrigkeit bestimmt. Im Vergleich zum Studienbeginn sank der AHI 12 Monate nach Einsetzen des Stimulators um 68%, von 29,3 auf 9 Ereignisse pro Stunde. Bei 83 der 126 Teilnehmer kam es zu einer mindestens 50%-igen Reduktion des AHI-Wertes auf weniger als 20 Ereignisse pro Stunde.

„Die Studiendaten liefern eine Grundlage, ausgewählte
Patienten mit
einer Hypoglossus-Nervenstimulation
zu behandeln.“
Dr. Atula Malhotra

Neben diesen objektiv messbaren Verbesserungen, fühlten sich die Teilnehmer tagsüber weniger schläfrig, ihre Lebensqualität stieg. Im Rahmen einer Anschlussstudie wurden nach den 12 Monaten 46 Patienten, die auf die Therapie angesprochen hatten, für eine Randomisierung ausgewählt.

23 Teilnehmer setzten für 7 Tage die Therapie fort, die anderen 23 stellten den Neurostimulator abends nicht mehr an. Der Therapiestopp bewirkte einen Anstieg des AHI auf 25,8 während unter der Hypoglossus-Stimulation die AHI-Werte weiter bei rund 9 Ereignissen pro Stunde konstant niedrig blieben.

Wie viele profitieren von der Hypoglossus-Stimulation?

Unerwünschte Nebenwirkungen in Folge des Eingriffs traten laut der Studienautoren um Dr. Patrik J. Strollo vom University of Pittsburgh Medical Center in vertretbaren Maßen auf. Bei 2 der Patienten musste der Neurostimulator noch einmal neu positioniert werden und einige Teilnehmer klagten über Wund- und Muskelschmerzen. 40% der Patienten empfanden die nächtliche Stimulation der Zunge allerdings zunächst als unangenehm.

„Die Studiendaten liefern eine Grundlage, ausgewählte Patienten mit einer Hypoglossus-Nervenstimulation zu behandeln“, schreibt Dr. Atula Malhotra von der Division of Pulmonary and Critical Care Medicine der University of California in San Diego in einem begleitenden Kommentar [2].

„Abnehmen ist die beste Methode gegen die Schlafapnoe, aber leider machen die wenigsten hier mit!“
Dr. Barbara Hortian

Allerdings gäbe es durchaus noch einige unklare Aspekte, die beachtet werden müssten, betont der Mediziner im New England Journal of Medicine. Die Studie zeige, dass nur ein gewisser Anteil der Patienten von der Therapie profitiere. Unklar sei jedoch, wie hoch dieser Anteil ist, eine Generalisierbarkeit der Ergebnisse sei also eher fraglich.

Das Studiendesign – prospektiv und ohne Kontrollgruppe – schließe nicht aus, dass sich auch andere Faktoren, wie die Ernährung oder körperliche Aktivität im Beobachtungszeitraum positiv auf den Schlaf ausgewirkt haben können. Außerdem müsse geprüft werden in welchem Verhältnis, die mit dem operativen Einsetzen des Gerätes (hohen) Kosten zum Nutzen stehen.

Auch Hortian sieht in den Kosten und der Invasivität der Methode klare Nachteile, da es nicht-invasive Behandlungsmethoden für die obstruktive Schlafapnoe gäbe. Alternativ zur CPAP-Maske würden in einigen Fällen auch Protrusionsschienen helfen oder – wenn der Patient nur in Rückenlage schnarcht – Anti-Schnarch-Westen.

Ein wichtiger Faktor, bei dem zuerst angesetzt werden müsse, sei zudem das Körpergewicht. Die Betroffenen seien zu 80% übergewichtig, so die Ärztin, die seit 20 Jahren in der Schlafmedizin arbeitet. „Abnehmen ist die beste Methode gegen die Schlafapnoe, aber leider machen die wenigsten hier mit!“

Referenzen

Referenzen

  1. Strollo PJ, et. al: NEJM 2014;370(2):139-149
    http://www.nejm.org/doi/pdf/10.1056/NEJMoa1308659
  2. Malhotra A: NEJM 2014;370(2):170-171
    http://www.nejm.org/doi/full/10.1056/NEJMe1314084

Autoren und Interessenkonflikte

Dr. Ulrike Gebhardt
Es liegen keine Interessenkonflikte vor.

Hortian B: Es liegen keine Interessenkonflikte vor.

Strollo PJ: Es liegen keine Angaben zu Interessenkonflikten vor.

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