Weniger ist besser: Nicht die Hypo- sondern die Hyperthyreose bedroht bei Älteren das Herz

Simone Reisdorf | 21. März 2014

Autoren und Interessenkonflikte

 

Prof. Dr. Helmut Schatz
 

Dresden – Der Einfluss einer subklinischen Hypothyreose auf das kardiovaskuläre Risiko älterer Patienten ist möglicherweise geringer als gedacht. „Achtgeben muss man stattdessen auf die latente Hyperthyreose, ob als Erkrankung oder als iatrogener Nebeneffekt“, betonte Prof. Dr. Helmut Schatz im Gespräch mit Medscape Deutschland beim 57. Symposium der Deutschen Gesellschaft für Endokrinologie (DGE) in Dresden, deren Mediensprecher er ist.

Latente Schilddrüsenunterfunktion im hohen Lebensalter: ein Risikofaktor …

Die Daten zum Einfluss von (latenten) Schilddrüsenhormonstörungen auf das kardiovaskuläre Risiko seien uneinheitlich, berichtete Prof. Dr. Michael Derwahl, Chefarzt des Hormon- und Diabeteszentrums am St.-Hedwigs-Klinikum Berlin.

 
„Man könnte fast sagen, die latente Hypothyreose ist für die älteren Patienten eine Art Schutzmechanismus.“
Prof. Dr. Helmut Schatz
 

Nimmt man die Daten mehrerer Studien zusammen, so zeigt sich etwa für Menschen mit Hypothyreose, also mit erniedrigten Schilddrüsenhormonen (T3/T4) und gegenregulatorisch erhöhtem Thyreoidea-stimulierendem Hormon (TSH), folgendes Bild: Bei den unter 70-Jährigen ist das Herz-Kreislauf-Risiko gegenüber Schilddrüsengesunden erhöht, bei den 70- bis 85-Jährigen dagegen ist es vergleichbar und bei den Hochbetagten über 85 Jahre sinkt das Herzrisiko sogar, wenn die Schilddrüsenhormone niedrig sind [1]. 

Eine Studie von 2006 zog die Trennlinie beim Alter von 65 Jahren: Vorhofflimmern und koronare Herzkrankheit traten bei Patienten ab diesem Alter, die eine latente Schilddrüsenunterfunktion hatten, nicht häufiger auf als bei schilddrüsengesunden Senioren [2]. Und eine andere Studie, die ausschließlich über 60-Jährige einschloss, zeigte für Patienten mit einem über den Referenzbereich erhöhten TSH-Wert (=5 mU/L) – also mit „milder“ Hypothyreose – eine vergleichbare oder sogar leicht erniedrigte Mortalität gegnüber euthyreoten Personen [3].

… oder eher ein Schutzfaktor?

„Man könnte fast sagen, die latente Hypothyreose ist für die älteren Patienten eine Art Schutzmechanismus“, so Schatz gegenüber Medscape Deutschland. „Der gesamte Stoffwechsel wird ein wenig heruntergefahren, Gewichtsabnahme und Fragilität werden verringert. In der Regel geht es den älteren Menschen damit besser“, konstatiert der Direktor a.D. der Medizinischen Universitätsklinik Bergmannsheil der Ruhr-Universität Bochum, der jetzt als niedergelassener Internist, Diabetologe und Endokrinologe praktiziert.

 
„Wenn die Patienten weniger fragil sind, sind sie insgesamt mobiler, das beugt der Demenz vor.“
Prof. Dr. Michael Derwahl
 

Das vermutet auch Derwahl und fügt noch weitere mögliche Erklärungen hinzu: „Wenn die Patienten weniger fragil sind, sind sie insgesamt mobiler, das beugt der Demenz und damit der demenzbedingt gesteigerten Mortalität vor“, erläutert er. „Dazu kommt, dass bei geringerem Spiegel an Schilddrüsenhormon der kardiale Sauerstoffbedarf und -verbrauch und damit das kardiovaskuläre Risiko im hohen Alter vermindert sind.“

So ist es nur konsequent, dass die aktuelle Leitlinie der European Thyroid Association (ETA) von 2013 ein therapeutisches Eingreifen bei subklinischer Hypothyreose über 70-jähriger Patienten erst ab TSH-Werten =10 mU/L empfiehlt.

Schilddrüsenüberfunktion: Vorsicht bei TSH <0,1 mU/L!

Umgekehrt ist eine Hyperthyreose – schon bei latenter Form mit allein erniedrigtem TSH-Wert (<0,1 mU/L) oder bei manifester Form mit dann auch erhöhten Spiegeln an T3 und T4 – mit einem erhöhten kardialen Risiko verbunden [4]. So scheinen Vorhofflimmern und Mortalität gerade bei älteren Männern mit einem hohen Spiegel an freiem T4 zu korrelieren [5,6]. Und in der genannten Studie mit Cut-off bei 65 Jahren waren bei den Älteren mit Hyperthyreose sowohl Vorhofflimmern als auch Herzinsuffizienz erhöht.

 
„Wir sollten unbedingt auf die Hyperthyreose bei Senioren achten. Bei TSH-Werten unter 0,1 mU/L müssen wir sie behandeln.“
Prof. Dr. Helmut Schatz
 

„Wir sollten unbedingt auf die Hyperthyreose bei Senioren achten. Bei TSH-Werten unter 0,1 mU/L müssen wir sie behandeln“, forderte Schatz auf Nachfrage von Medscape Deutschland. „Das gilt auch, wenn wir Patienten mit Hypothyreose in dem einen oder anderen Fall therapieren – dann müssen wir darauf achten, dass wir nicht über das Ziel hinausschießen.“

Das Monitoring der Schilddrüsenwerte unter Therapie sollte laut Schatz anfangs engmaschig (nach 6 Wochen, dann alle 3 Monate) erfolgen, später genügen halbjährliche und dann jährliche Abstände. Eine geschlechtsspezifisch angepasste Kontrolle oder Therapie würde er derzeit nicht empfehlen – trotz der offenbar etwas größeren Suszeptibilität männlicher Patienten.

Referenzen

Referenzen

  1. Biondi B, et al: Endocr Rev. 2008;29(1):76-131
    http://dx.doi.org/10.1210/er.2006-0043    
  2. Cappola AR, et al: JAMA 2006;295(9):1033-1041
    http://dx.doi.org/10.1001/jama.295.9.1033
  3. Parle JV, et al: Lancet. 2001; 358(9285):861-865
    http://dx.doi.org/10.1016/S0140-6736(01)06067-6
  4. Nanchen D, et al: J Clin Endocrinol Metab. 2012;97(3):852-861
    http://dx.doi.org/10.1210/jc.2011-1978
  5. Gammage MD, et al: Arch Intern Med. 2007;167(9):928-934
    http://dx.doi.org/10.1001/archinte.167.9.928
  6. Rozing MP, et al: J Clin Endocrinol Metab. 2010;95(11):4979-4984
    http://dx.doi.org/10.1210/jc.2010-0875
  7. 57. Symposium Deutsche Gesellschaft für Endokrinologie, 19. bis 22. März 2014, Dresden
    http://www.dge2014.de/

Autoren und Interessenkonflikte

Simone Reisdorf
Es liegen keine Interessenkonflikte vor.

Schatz H, Derwahl M: Es liegen keine Angaben zu Interessenkonflikten vor.

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