Rauchstopp wirkt wie Psychopharmaka: antidepressiv, anxiolytisch und entspannend

Dr. Ulrike Gebhardt | 18. März 2014

Autoren und Interessenkonflikte

Das Werbebild vom entspannten Raucher, der versonnen an einer Zigarette zieht und in die Ferne blickt, trügt ganz offensichtlich. Denn zu den vielen bekannten körperlichen Gesundheitsschäden des Rauchens müssen jetzt auch psychische gezählt werden. Britische Forscher haben dies mit Hilfe einer Meta-Analyse von Beobachtungsstudien quasi im Umkehrschluss festgestellt: Der Rauchstopp geht nämlich mit einer Verbesserung gleich mehrerer psychische Funktionen einher – der Zusammenhang erwies sich als signifikant [1].

Wer aufhört zu rauchen, ist danach deutlich weniger depressiv, leidet weniger unter Angst und Stress und die Lebensqualität steigt insgesamt. „Die Studie zeigt das, was ich täglich erlebe: Ein Rauchstopp wird von den Patienten, ob mit oder ohne psychische Erkrankung, letztlich durchweg positiv erlebt“, sagt Dr. Tobias Rüther, der Leiter der Spezialambulanz für Tabakabhängigkeit am Klinikum der Universität München.

 
„Ein Rauchstopp wird von den Patienten, ob mit oder ohne psychische Erkrankung, letztlich durchweg positiv erlebt.“
Dr. Tobias Rüther
 

Die Meta-Analyse von Gemma Tayler und anderen Forschern des UK Centre for Tobacco and Alcohol Studies an der University of Nottingham schloss insgesamt 26 Einzelstudien ein. Ausgewählt wurden Longitudinalstudien, die Parameter des psychischen und emotionalen Befindens von Erwachsenen vor und bis zu 12 Monate nach dem Rauchstopp erfassten. Die Teilnehmer waren entweder psychisch gesund oder psychisch krank, im Durchschnitt 44 Jahre alt und sie rauchten rund 20 Zigaretten am Tag.

Ein Rauschstopp wirkt wie ein Medikament vom Psychiater

Im Vergleich zu den Menschen, die weiter rauchten, verringerte ein Rauchstopp signifikant eine ganze Reihe von psychiatrischen Symptomen. Als quantitativer Maßstab wurde die standardisierte mittlere Differenz (SMD) gewählt. Das ist der Unterschied zwischen den Skalenwerten von vor dem Rauschstopp und danach, dividiert durch die Standardabweichung (SD). So vermeidet man in Metaanalysen die Verzerrung, die durch die Messung mit verschiedenen Scores zur Erfassung der Psychosymptomatik entsteht.

 
„Dieses Wissen kann Arzt und Patient erheblich motivieren, eine Entwöhnung zu versuchen.“
Dr. Tobias Rüther
 

Die britischen Forscher fanden auf diese Weise, dass sich die Angstgefühle (SMD: -0,37), die Depressivität (-0,25), sowie eine Mischung aus Angst und Depression (SMD: -0,31) und schließlich Stress (SMD: -0,27) deutlich verminderten, wenn die Teilnehmer mit dem Rauchen aufhörten. Andererseits stiegen Lebensqualität (SMD: +0,22) und Gemütsverfassung (SMD: +0,40) deutlich an, wenn die Rauchentwöhnung erfolgreich war. Die Größe des Effektes war bei gesunden und psychisch kranken Menschen nahezu gleich.

Das hat direkte Konsequenzen für die Beratung von psychiatrischen Patienten. Bisher gab es hier häufig Bedenken, den Patienten eine Tabakentwöhnung zuzumuten, weil sie das möglicherweise zusätzlich psychisch destabilisieren könnte, erläutert Rüther. Diese Befürchtungen müsse man nun nicht mehr haben, freut sich der Suchtexperte, „dies wird viele niedergelassene Kollegen motivieren, ihre psychiatrischen Patienten zum Rauchstopp zu ermuntern.“

Er hält außerdem fest: „Der Rauchstopp zeigt sich in der Studie ähnlich effektiv wie die Verabreichung eines Antidepressivums. Dieses Wissen kann Arzt und Patient erheblich motivieren, eine Entwöhnung zu versuchen.“ Der Wunsch eines psychisch kranken Menschen mit dem Rauchen aufzuhören, sei genau so groß wie bei jedem anderen. „Aber diese Menschen tun sich schwerer. Depressive Patienten haben beispielsweise ohnehin wenig Vertrauen in sich und ihre eigenen Fähigkeiten“, sagt Rüther.

Rauchstopp und Wohlbefinden – die Frage nach Henne oder Ei

 
„Stark Nikotinabhängige schlafen unruhig, weil sich die Entzugssymptome auch in der Nacht melden.“
Dr. Tobias Rüther
 

Wie hängen die beobachteten positiven Effekte und der Rauchstopp zusammen? Die Studienautoren führen 3 verschiedene Erklärungsmöglichkeiten an. Entweder bewirke die Entwöhnung eine Verbesserung der Gemütslage, stehe also in einem kausalen Zusammenhang mit dem seelischen Wohlbefinden. Solche ursächliche Zusammenhänge lassen sich jedoch nur vermuten, nicht beweisen, da es sich bei den analysierten Studien um reine Beobachtungsstudien handelt.

Oder man erklärt es so, dass ein verbesserter seelischer Zustand dem Entschluss, mit dem Rauchen aufzuhören, vorausging, ihn überhaupt erst ermöglichte. Und drittens könnte es schließlich einen gemeinsamen Faktor geben, der beide Ereignisse – Rauchstopp und gesteigertes Wohlbefinden – erklärt: So könnte es positive Ereignisse im Leben gegeben haben, die es den Betroffenen besser gehen lassen und sie gleichzeitig motivieren, mit dem Rauchen aufzuhören.

Die falsche Vorstellung von der Zigarette zur Entspannung wirkt nach

Viele Raucher wollen aufhören, tun dies aber nicht, weil sie meinen, die Zigarette habe positive Auswirkungen auf ihre Psyche, sie beruhige, entspanne, stabilisiere. „Die Menschen unterliegen hier aber einem Fehlglauben“, erklärt Rüther. Nikotin sei ein extrem neuroaktiver Stoff und ein sehr schnelles Suchtmittel. Bereits nach 2 Stunden ohne Zigarette können sich Entzugserscheinungen in Form von Unruhe, Angst oder Zittern einstellen.

 
„Tabakentwöhnungs- programme sollten psychisch Kranken nicht vorenthalten werden.“
Dr. Tobias Rüther
 

„Durch das Rauchen verschwinden diese unangenehmen Gefühle wieder, der Raucher meint, die Zigarette habe geholfen“, sagt Rüther. Dabei hätte der Raucher viele der unangenehmen Gefühle gar nicht erst, wenn er nicht rauchen würde. Die in der Studie beobachtete verbesserte Lebensqualität der Ex-Raucher könne auch mit einem ruhigeren Schlaf zusammenhängen. „Stark Nikotinabhängige schlafen unruhig, weil sich die Entzugssymptome auch in der Nacht melden“, sagt Rüther.

Noch offen: Wie wirkt der Rauchstopp auf Schizophrene?

Ein paar Kritikpunkte zur Meta-Analyse der britischen Kollegen hat Rüther aber auch. Der Publikation sei etwa nicht eindeutig zu entnehmen, wie die Entwöhnung bei den jeweiligen Studienteilnehmern im Einzelnen durchgeführt wurde. Die aktuellen, wissenschaftlich fundierten Strategien zur Tabakentwöhnung hätten meist eine psychologische und eine medikamentöse Komponente.

Die verwendeten Medikamente seien entweder Nikotin, Vareniclin oder das Antidepressivum Bupropion. „Womöglich geht es den Patienten in einigen Fällen besser, weil sie eines der Medikamente zu sich genommen haben“, vermutet Rüther. Außerdem bedauert er, dass sich die Analyse etwas einseitig auf Depression und Angststörungen konzentriere, die große Gruppe der Schizophrenie-Patienten oder Suchtkranken aber außen vor lasse.

Der Komplex „Sucht und psychiatrische Erkrankung“ ist gegenwärtig ein sehr wichtiges Thema. Die stark verringerte Lebenserwartung psychiatrischer Patienten – sie leben bis zu 25 Jahre kürzer – hängt vor allem mit Erkrankungen zusammen, die durch den Tabakkonsum verursacht werden. In den USA beispielsweise wird gegenwärtig etwa jede zweite Zigarette von einem psychisch kranken Menschen geraucht.

Dem Thema Rauchen und psychische Erkrankung müsse insgesamt mehr Aufmerksamkeit geschenkt werden, fordern Rüther und eine Gruppe internationaler Psychiater [2]. „Tabakentwöhnungsprogramme sollten psychisch Kranken nicht vorenthalten werden. Vielmehr sollte man gerade auf diese Menschen einen Schwerpunkt legen“, schreiben sie im Fachjournal European Psychiatry.

Referenzen

Referenzen

  1. Taylor G, et al: BMJ (online) 13. Februar 2014
    http://www.bmj.com/content/348/bmj.g1151
  2. Rüther T, et al: Eur Psychiatry 2014;29(2):65-82
    http://dx.doi.org/10.1016/j.eurpsy.2013.11.002

Autoren und Interessenkonflikte

Dr. Ulrike Gebhardt
Es liegen keine Erklärungen zu Interessenkonflikten vor.

Rüther T: Studienfinanzierung von Pfizer zur Entwöhnungstherapie, Vortragshonorare von Pfizer und Johnson & Johnson GmbH.

Taylor G: Es liegen keine Erklärungen zu Interessenkonflikten vor.

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