Die Überlebenschancen beim fortgeschrittenen Lungenkrebs haben sich verbessert – dank personalisierter Therapie

Michael Simm | 17. März 2014

Autoren und Interessenkonflikte

Berlin – Neue Daten zur Versorgungssituation beim Lungenkarzinom deuten darauf hin, dass die Überlebensraten im Stadium III und IV in den Jahren 2009 bis 2011 gestiegen sind. Das berichteten Forscher auf dem Deutschen Krebskongress in Berlin [1].

Der Zugewinn zeige sich deutlich beim Vergleich mit den Dreijahreszeiträumen 2002 bis 2005 und 2006 bis 2008, in denen die Überlebensraten stagniert hatten, so PD Dr. Johannes Merk von der Projektgruppe Bronchialkarzinom des Tumorzentrums Berlin (TZB), das eng kooperiert mit der Arbeitsgemeinschaft Deutscher Tumorzentren (ADT) und dem Kooperationsverbund Qualitätssicherung durch Klinische Krebsregister (KoQK).

 
„In der Therapie geht der Trend zur systemischen Behandlung.“
PD Dr. Johannes Merk
 

Daten von über 180.000 Patienten ausgewertet

Auf dem Symposium „Lungenkrebs: Vom Verständnis der Biologie zur rationalen Therapie“ präsentierte Merk die jüngste Auswertung von mittlerweile 181.340 Patienten. Diese wind in den Jahren 2002 bis 2011 unter Beteiligung von 33 klinischen Registern in 10 Bundesländern gewonnen worden. Die registrierten Fälle umfassen für das Jahr 2010 etwa 40% der Neuerkrankungen bei den Männern und rund 37% bei den Frauen. Männer erkranken etwa doppelt so häufig wie Frauen – und mit einem medianen Alter von 68 gegenüber 66 Jahren bei den Frauen.

Über den 10-jährigen Berichtszeitraum ist der Anteil der Frauen dabei ständig gestiegen. 2002 waren es noch 24%, 2011 schon 29% – ein Trend der ungebrochen scheint.

Histologisch fällt bei den Männern eine Zunahme der Adenokarzinome auf – von etwa 22 auf 30% von 2002 bis 2011. Dem steht eine Abnahme der Plattenepithelkarzinome von ca. 36 auf 30% gegenüber. Auch bei den Frauen hat sich der Anteil an Adenokarzinomen am meisten verändert. Er wuchs von etwa 36 auf 41%.

Bessere und vollständigere Register

Einen klaren Hinweis darauf, dass die Krebsregister vollständiger und genauer werden, findet sich in der Aufstellung der Tumorklassifikation gemäß der Union for International Cancer Control (UICC). Sie wies im Jahr 2002 noch 28% der Erkrankungen als Tumorklassifikation „unbekannt“ aus, gegenüber 15% im Jahr 2011.

 
„Die Ergebnisse insgesamt zeigen, dass Deutschland auch im internationalen Vergleich standhält.“
PD Dr. Johannes Merk
 

Betrachtet man alle Tumorstadien zusammen, so erhielten 2011 fast ein Drittel der Patienten eine Chemotherapie (2002: 25%). „In der Therapie geht der Trend zur systemischen Behandlung“, erläuterte Merk. Weitere 17% bekamen zusätzlich zur Chemo- eine Strahlentherapie, wobei sich dieser Anteil im Beobachtungszeitraum kaum veränderte. Rückläufig war dagegen der Prozentsatz der Patienten, die ausschließlich eine Strahlentherapie erhielten. Er betrug im Jahr 2002 noch annähernd 20% und halbierte sich binnen 10 Jahren auf rund 10%. Operiert werden heute etwa 4 von 10 Patienten. Hier ist seit 2005 eine leichte, aber konstante Zunahme zu beobachten, wobei etwa ein Drittel der Operierten zusätzlich mit anderen Therapien behandelt wird.

Mit zunehmender Schwere der Erkrankung gemäß UICC-Klassifikation wird – damals wie heute – seltener operiert: Ca. 83% in den Stadien I + II, 57% im Stadium IIIA und nur noch 20% in IIIB waren es im Jahr 2011. Im Stadium IIIB erhielten zuletzt 41% sowohl eine Chemo- als auch eine Strahlentherapie. Im Stadium IV erhält die Mehrzahl der Patienten eine alleinige Chemotherapie. Hier ist ein deutlicher Zuwachs zu beobachten von 40% im Jahr 2002 auf 58% in 2011.

Höhere Überlebenswahrscheinlichkeit bei Frauen

Schlüsselt man das Gesamtüberleben beim Lungenkarzinom nach Geschlechtern auf, so zeigt sich in der kumulierten Überlebenswahrscheinlichkeit von Beginn an ein Vorteil für Frauen, der bis zu einer Beobachtungszeit von 18 Monaten ständig zunimmt. Danach bleibt der Abstand zu den Männern bis zur maximalen Beobachtungszeit von 60 Monaten weitgehend konstant. Gemäß der Daten, die Merk in Berlin präsentierte, lag zu diesem Zeitpunkt die kumulierte Überlebenswahrscheinlichkeit der Frauen bei 18%, die der Männer bei 12%.

Stratifiziert nach der Histologie des Tumors zeigt sich die bekannt schlechte Prognose beim kleinzelligen Lungenkarzinom darin, dass Patienten mit dieser Tumorform ab dem 12. Beobachtungsmonat eine deutlich geringere Überlebenswahrscheinlichkeit haben als Patienten mit allen anderen Formen. Nach 60 Monaten ist diese mit etwa 5% nicht einmal halb so groß wie bei Patienten mit Nicht-Kleinzelligen Karzinomen (NSCLC).

Auf seinem Vortrag konnte Merk jedoch auch gute Nachrichten verkünden: Das Gesamtüberleben jener Patienten, die im Stadium IIIA und IIB mit NSCLC diagnostiziert wurden, hat sich für die Jahreskohorten 2009 bis 2011 gegenüber 2006 bis 2008 sowie 2002 bis 2005 eindeutig verbessert.

Überlebensraten in den späten Stadien steigen dank zielgerichtete Therapien

So nahm die kumulierte Überlebenswahrscheinlichkeit beim Stadium IIIA für die letztgenannten Kohorten über den gesamten Beobachtungszeitraum kontinuierlich ab und betrug bei 60 Monaten nur noch etwa 15%. In der Kohorte 2009 bis 2011 erreicht die Überlebenswahrscheinlichkeit noch im dritten Jahr einen Wert von 37%. Die früheren Jahreskohorten lagen dagegen nach 3 Jahren bei etwa 24%.

 
„Die Chemotherapie hat sich sicher nicht als die magische Kugel erweisen, von der Paul Ehrlich einst träumte.“
Prof. Dr. Jürgen Wolf
 

Im Stadium IIIB des NSCLC sind die kumulierten Überlebenswahrscheinlichkeiten zwar niedriger als bei IIIA. Auch hier zeigt sich jedoch ein klarer Vorteil für die Patienten, die in den Jahren 2009 bis 2011 behandelt wurden. Zum letztmöglichen Vergleichszeitpunkt nach etwa 33 Monaten liegt die kumulierte Überlebenswahrscheinlichkeit für die jüngste Kohorte bei 24% während die Kohorten davor bei 16% liegen.

„Die wichtigste Nachricht ist, dass die Überlebensraten im Stadium III und IV des Lungenkarzinoms ansteigen“, erklärte Merk im Gespräch mit Medscape Deutschland. Dies sei den neuen, zielgerichteten Therapien (Target-Therapien) zu verdanken. Sie waren in der aktuellen Auswertung erstmals als Parameter erhoben worden. Für Merk, der inzwischen als Sektionsleiter der Thoraxchirurgie am Universitätsklinikum Ulm tätig ist, ist dies nach langen Jahren der Stagnation ein beachtlicher Erfolg. „Und die Ergebnisse insgesamt zeigen, dass Deutschland auch im internationalen Vergleich standhält.“

Mehr personalisierte Therapien erwartet

Recht kontrovers wurden auf der Berliner Veranstaltung der Nutzen der neuen, auf spezifische Mutationen im Genom der Krebszellen gerichteten Therapeutika diskutiert. So vertrat Prof. Dr. Wilfried Eberhardt vom Westdeutschen Tumorzentrum Essen die These, dass die Chemotherapie sehr wohl eine Zukunft in der Behandlung des Lungenkarzinoms habe. Mehr noch: Sie bietet laut Eberhardt trotz der geringen Erfolgsrate noch immer die beste Möglichkeit, den Lungenkrebs im frühen Stadium zu heilen, während solch ein Nutzen für die neuen Arzneien noch nicht zweifelsfrei nachgewiesen sei.

Prof. Dr. Jürgen Wolf, Ärztlicher Leiter des Centrums für Integrierte Onkologie an der Uniklinik Köln und des Netzwerkes Genomische Medizin Lungenkrebs bezeichnete die Bilanz der Chemotherapie beim NSCLC dagegen als seit 50 Jahren „unverändert miserabel“. „Die Chemotherapie hat sich sicher nicht als die magische Kugel erweisen, von der Paul Ehrlich einst träumte.“ Wolf zeigte sich einerseits „total erstaunt und erfreut über die neuen Daten des Krebsregisters“, andererseits aber „traurig, dass die Umsetzung der neuen Therapien in die Praxis in Deutschland so langsam geht“.

Mit zunehmendem molekularem Verständnis wachse die Zahl der bekannten Treibermutationen und damit die Zahl der personalisierten Therapien, argumentierte Wolf. Die klinische Entscheidung werde deshalb immer öfter ohne Ergebnisse aus Phase-III-Studien und Zulassung zu fällen sein. „Eine starke biologische Rationale und ein überzeugender Proof of Principle sowie die fehlende Alternative z.B. im Rezidiv fallen stärker ins Gewicht“, gab der Onkologe zu bedenken – und plädierte für eine beschleunigte Zulassung der neuen Substanzen nach dem Vorbild des fast break approval durch die US-amerikanische Zulassungsbehörde FDA. 

Referenzen

Referenzen

  1. 31. Deutscher Krebskongress 2014, 19. bis 22. Februar 2014, Berlin
    Symposium „Lungenkrebs: Vom Verständnis der Biologie zur rationalen Therapie“ (21.02.2014)
    http://www.dkk2014.de

Autoren und Interessenkonflikte

Michael Simm
Es liegen keine Interessenkonflikte vor.

Merk J: Es bestehen keine Interessenkonflikte.

Eberhardt W: hat Zuwendungen erhalten von AstraZeneca, Roche, Eli Lilly, Novartis, Pfizer, Bayer-Schering, Sanofi-Aventis, Boehringer Ingelheim, Bristol-Myers Squibb, GlaxoSmithKline, Amgen, Novocure, Pierre Fabre, Merck Serono, OSI, und Synthon.

Wolf J: finanzielle Zuwendungen als Berater und als Sprecher oder Gremienmitglied für Amgen, Astra-Zeneca, Boehringer Ingelheim, Novartis, Pfizer, und Roche. Er erhielt Fördermittel für klinische Forschung von Boehringer Ingelheim, Novartis, Pfizer und Roche.

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