Waffen, Gift und Ehemänner: Suizidprävention beginnt bei Depression – und mit Emanzipation

Dr. Erentraud Hömberg | 13. März 2014

Autoren und Interessenkonflikte

München – In Deutschland sterben doppelt so viele Menschen durch Suizid wie durch Verkehrsunfälle. Jedes Jahr nehmen sich hierzulande etwa 10.000 Menschen das Leben. Auch in den USA haben die Selbstmorde mit jährlich ca. 38.000 die Verkehrstoten deutlich überholt. Die Prävention von suizidalem Verhalten ist ein drängendes Problem und war ein Schwerpunktthema auf dem diesjährigen Europäischen Psychiatrie-Kongress in München [1].


Prof. Dr. J. John Mann

90% der Selbstmörder in westlichen Ländern leiden unter einer psychiatrischen Krankheit, die meisten davon an Depressionen. Doch nur wenige werden adäquat behandelt. Die Prädisposition zum Suizid ist zu 50% erblich, soziale Faktoren und Alkoholmissbrauch erhöhen das Risiko. „Um Suizide zu verhindern, brauchen wir ein besseres Verständnis für deren Gründe und mehr Investitionen in evidenzbasierte Möglichkeiten zur Prävention“, forderte der Neurowissenschaftler Prof. Dr. J. John Mann, Direktor der Abteilung für Molekulare Bildgebung und Neuropathologie an der Columbia Universität in New York.

Schulung von Nicht-Psychiatern im Erkennen der Suizidgefahr

Die meisten Selbstmörder waren innerhalb der letzten 30 Tage vor der Tat zwar bei einem Arzt, doch nur die wenigsten bei einem Psychiater. Darum müssten Hausärzte und Internisten besser geschult werden, um Depressionen zu erkennen und richtig zu behandeln. Für die Messung des Suizidrisikos gibt es für die klinische Praxis einfache Instrumente wie den Columbia-Suicide-Severity-Rating-Scale (C-SSRS) [2].

In Regionen der USA, in denen solche Präventionsprogramme implementiert wurden, gehen die Selbstmordraten signifikant zurück. „Ein zehnprozentiger Anstieg bei der Gabe von Antidepressiva rettet in den USA das Leben von tausend suizidgefährdeten Menschen“, betonte Mann.

„Keine Waffen im Haus von Personen mit Suizidneigung!“
Prof. Dr. J. John Mann

Besonders wichtig sei die Kontrolle des Waffenbesitzes. In der Schweiz, wo ähnlich wie in den USA praktisch jeder wehrfähige Mann Waffen im Schrank hat, bringen sich wesentlich mehr Menschen um als in anderen europäischen Ländern. Der Psychiater forderte daher vehement: „Keine Waffen im Haus von Personen mit Suizidneigung!“

Wie sehr der Zugang zu den entsprechenden Mitteln Einfluss auf die Selbsttötungen hat, zeigt auch die Suizidrate von Ärzten: Sie ist 3,4 Mal höher, bei Ärztinnen sogar um 5,7 Mal höher als im Durchschnitt der Bevölkerung.

Epigenetik und Hirnforschung erweitern die Therapiemöglichkeiten

Für die verschiedenen Ausprägungen von Depressionen empfahl Mann verschiedene Therapien: Bei subjektiver Verzweiflung sind kognitive Therapien die Mittel der Wahl, bei instabilem Gemütszustand Antidepressiva und Gemütsstabilisatoren. Bei Depressionen, die durch Stress verursacht sind, empfiehlt er Glucocorticoid-Antagonisten, bei Neigung zu impulsiven Entscheidungen Lithium oder atypische Antipsychotika, für andere Syndrome regte er dialektische Verhaltenstherapien oder die Gabe von Clozapin und Lithium an.


Prof. Dr. Pim Cuijpers

Von der Hirnforschung und der Epigenetik verspricht sich Mann neue Therapiemöglichkeiten: „Aus Studien wissen wir, dass Veränderungen im orbitofrontalen und dorsolateralen Teil des präfortalen Kortex mit suizidalem Verhalten einhergehen. Niedrige Spiegel von Serotonin und Wachstumsfaktoren erhöhen die Neigung zum Selbstmord, Neurotransmitter beeinflussen den Gemütszustand, die Aggressionskontrolle und das Suchtverhalten“. Mann zeigte sich optimistisch: „Durch die Bestimmung des Genoms und die Bildgebung des Gehirns können wir in Zukunft Suizidneigungen früh entdecken und Selbstmorde verhindern“.

Prof. Dr. Pim Cuijpers, Leiter der Abteilung für Klinische Psychologie an der Freien Universität Amsterdam, belegte anhand einer Metanalyse, dass die Prävention von Depression und damit auch von Suiziden möglich und vor allem notwendig ist. Er prognostizierte, dass die Depression mit einer Inzidenz von 47% bis 2030 die häufigste Krankheit in den Industrieländern sein wird und betonte die hohen Kosten, die sie verursacht: Bis zu 130 Millionen Euro pro einer Million Einwohner. Die Behandlung der Erkrankung könne diese Kosten nur um maximal 35% senken – es gelte also, sie zu verhindern. Zähle man die Dysthymie, also die schwächere chronische Depression, hinzu, würde sich die finanzielle Last sogar noch verdoppeln.



Dr. Dieter Schöpf

Das Alter ist der größte Risikofaktor für einen Suizid

Doch warum müssen wir in den westlichen Ländern mit einem so starken Anstieg der Depressionen rechnen? Ein entscheidender Grund liegt in der Demographie. „Mit dem Alter steigt auch das Depressions- und Suizidrisiko“, erklärte Dr. Dieter Schöpf, Leitender Oberarzt an der Klinik und Poliklinik für Psychiatrie und Psychotherapie der Universität Bonn. Im Alter von 75 Jahren liegt die Prävalenz für Depressionen bei 8,6%, mit 85 Jahren liegt sie bereits bei 13,7%. Männer bringen sich fast viermal so häufig um wie Frauen.

Die Ursachen für Depression und Suizid im hohen Alter führte Schöpf sowohl auf hirnphysiologische als auch auf psychosoziale Faktoren zurück. Ganz abgesehen von der Alzheimer Krankheit, reduziert sich im Alter die graue Substanz und Läsionen in der weißen Substanz sind häufig.

Aber nicht nur das Nachlassen der geistigen Fähigkeiten vermindert die Lebensqualität von alten Menschen. Auch die Abnahme der physischen Gesundheit, körperliche Einschränkungen, Einsamkeit, Verlust von sozialen Bindungen, die Notwendigkeit von Pflege, Diskriminierung und Stigmatisierung  reduzieren ihre Freude am Leben und ihre Erwartungen an die Zukunft.

„Mit dem Alter steigt auch das Depressions- und Suizidrisiko.“
Dr. Dieter Schöpf

Kein Wunder, dass sie oft nur im Freitod einen Ausweg aus dieser Perspektivlosigkeit sehen. Der Bonner Psychiater appellierte an Ärzte und an die Gesellschaft, die geistig-seelische Gesundheit der alten Menschen zu verbessern: „Indem wir uns um sie kümmern, schützen wir ihr Recht auf würdevolles und aktives Altern“.


Prof. Dr. Jules Angst

Frauen unternehmen Suizidversuche, Männer sterben daran

Die häufigsten Selbstmordversuche begehen alte Männer und junge Frauen. Der Unterschied: Männer sterben daran, Frauen überleben sie meistens. „Ich hasse die Hypothese, dass ein Suizidversuch bei jungen Frauen einen Hilferuf darstellt“, bemerkte Prof. Dr. Jules Angst, Emeritus der klinischen Psychiatrie an der Universität Zürich und Doyen der Forschung über Depression und bipolare Störungen. „Dass Selbsttötungen bei Frauen so oft nicht funktionieren, liegt daran, dass sie weniger aggressive Methoden wie Gift und Überdosierung von Medikamenten wählen.“

Gift spielt eine große Rolle bei Suiziden: Weltweit gelingen damit über ein Drittel aller Selbsttötungen. Doch die länderspezifischen Unterschiede sind enorm: Während in Europa nur 4% der Selbstmörder an Gift sterben, sind es in der pazifischen Region über die Hälfte.

„Ich hasse die Hypothese, dass ein Suizidversuch bei jungen Frauen einen Hilferuf darstellt.“
Prof. Dr. Jules Angst

Angst präsentierte Beispiele aus Indien und dem ländlichen China: Hier sind die meisten Frauen, die Suizid begehen, psychisch gesund. Ihre Verzweiflung am Leben liegt an den äußeren Umständen – der massiven Unterdrückung durch den Ehemann und seine Familie. Vor Autoaggressionen am besten geschützt sind in diesen Ländern geschiedene, getrennt lebende oder verwitwete Frauen. Hier gibt es noch viel zu tun in Sachen Suizidprävention und Emanzipation.

Referenzen

Referenzen

  1. European Psychiatry Association (EPA) 2014 – 22nd European Congress of Psychiatry, 1. bis 4. März 2014, München
    http://www.epa-congress.org
  2. Center for Suicide Risk Assessment, Columbia University
    http://cssrs.columbia.edu/about_cssrs.html

Autoren und Interessenkonflikte

Dr. Erentraud Hömberg
Es liegen keine Interessenkonflikte vor.

Angst J, Schöpf D: Es liegen keine Interessenkonflikte vor.

Cuijpers P, Mann JJ: Es liegt keine Erklärung zu Interessenkonflikten vor.

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