Fair IGeLn – ein Balanceakt

Christian Beneker | 12. März 2014

Autoren und Interessenkonflikte

Beim IGeLn scheiden sich die Geister. Die einen halten die Selbstzahler-Maßnahmen für überflüssig und reine Abzocke. Die anderen sehen darin ein nützliches Zusatzangebot für Patienten und eine legitime Zusatzeinnahme für Ärzte.

So protestierten kürzlich die Gynäkologen der Genossenschaft GenoGyn gegen „IGeL-Bashing“. Statt die Individuellen Gesundheitsleistungen (IGeL) zu verteufeln, sollte man ihren Nutzen sehen, so GenoGyn. Mit einer Befragung von Ärzten in 23 Praxen wollte GenoGyn beweisen, dass IGeL durchaus kein überflüssiger Luxus sind, sondern viele Krankheiten zum Beispiel so früher erkannt werden können [1].

Befragung unter Gynäkologen belegt Nutzen von IGeL

„Auf keinen Fall
darf der Arzt mit Festpreisen werben, weil er damit gegen das Wettbewerbsrecht verstoßen würde.“
Dr. Karsten Scholz

Immerhin seien 72 pathologische Befunde im zweiten Halbjahr 2013 durch IGeL erhoben worden, haben die befragten Frauenarztpraxen angegeben – und zwar ergaben sich durch die Sonographie unter anderem Hinweise auf 8 Endometriumkarzinome und je 7 Fälle von Brustkrebs, Ovarialkarzinom sowie nicht bekannte Myome und auf 4 Harnblasenkarzinome, teilt GenoGyn mit.

„Längst nicht alles, was medizinisch sinnvoll ist, findet auch Eingang in den gesetzlichen Leistungskatalog“, resümiert die frauenärztliche Genossenschaft. Zugleich kritisiert GenoGyn den IGeL-Monitor des Medizinischen Dienstes der Krankenkassen (MDK) [2]. Der IGeL-Monitor geht von derzeit rund 360 verschiedenen Angeboten aus, 33 von ihnen hat er beleuchtet. Er habe kein einziges der Angebote als positiv bewertet, kritisiert GenoGyn.

Mit der Befragung der Frauenärzte nach ihren Praxiserfahrungen mit den IGeL fand der Streit pro oder kontra IGeLn seine jüngste Fortführung. Klar ist: Wenn die bestehenden Regeln eingehalten werden, ist gegen das IGeLn nichts einzuwenden. Bereits 2006 hat der Ärztetag 10 Regeln für faires IGeLn festgelegt [3]. An ihnen können sich Ärzte orientieren, wenn sie auf die individuellen Bedürfnisse ihrer Patienten stärker eingehen und damit mehr Geld umsetzen wollen.

Balance zwischen Evidenz und Patientenbedürfnissen

Die Regeln folgen ausgerechnet den Kriterien des IGeL-Monitors, die von GenoGyn kritisiert wurden. Dabei geben die Kriterien wichtige Hinweise. Denn sie stellen der individuellen Beratung durch den Arzt die Kraft der Evidenz an die Seite. Ein Expertenteam prüft die IGeL auf Evidenz und beurteilt sie in 5 Stufen: positiv, tendenziell positiv, unklar, tendenziell negativ und negativ. Die Aufgabe für den Arzt dürfte sein, hier eine vernünftige Balance herzustellen zwischen den Bedürfnissen des einzelnen Patienten und der Evidenz der in Frage kommenden Untersuchung.

„Der Impuls zum IGeLn sollte stets
vom Patienten kommen, damit
sich der Arzt nicht dem Verdacht der Geschäftemacherei aussetzt.“
Klaus Zok

Es geht um eine Menge Geld. Das Wissenschaftliche Institut der AOK (WiDO) schätzt, dass jährlich in deutschen Arztpraxen 1,3 Milliarden Euro mit individuellen Gesundheitsleistungen umgesetzt werden. „Viele Frauenärzte bieten Selbstzahlerleistungen zur Krebsfrüherkennung an und Augenärzte zur Glaukom-Erkennung“, erklärt Zok.

Hausarztpraxen geht es unter anderem um Atteste, Tauchuntersuchungen, bestimmte Impfungen, das Entfernen von Tätowierungen, Bachblüten- oder Lichttherapien. In der Bremer Hausarztpraxis von Dr. Günther Egidi, wird sogar ein Patientenbuch als physische Alternative zur geplanten Patientenakte über die elektronische Gesundheitskarte (eGK) als IGeL angeboten. „Allerdings wird dieses Angebot kaum nachgefragt“, sagt Egidi.

Was darf es kosten?

Den Durchschnittpreis für eine IGeL gibt Dr. Christian Weymayr vom IGeL-Monitor mit „geschätzt 70 Euro“ an. Allerdings können die Preise sehr variieren. „Der Arzt kann für seine Leistung nach „billigem Ermessen das 2,3-fache des GOÄ-Satzes verlangen“, sagt Dr. Karsten Scholz, Justiziar der Ärztekammer Niedersachsen (ÄKN). Ausnahmsweise darf auch der 3,5-fache Gebührensatz berechnet werden.

Allerdings muss der Arzt vor der Behandlung mit seinem GKV-Patienten einen Behandlungsvertrag abgeschlossen haben, so will es der Bundesmantelvertrag Ärzte. Und er muss eine dem Patienten nachvollziehbare Rechnung gestellt haben. Sonst darf er kein Honorar verlangen. „Auf keinen Fall darf der Arzt mit Festpreisen werben, weil er damit gegen das Wettbewerbsrecht verstoßen würde“, sagt Scholz. „Der Preis muss also mit dem Patienten einzeln vereinbart werden.“

„Faires IGeLn
beginnt also mit
der sorgfältigen Information über die Untersuchung und ihre möglichen Folgen.“
Dr. Christian Weymayr

„Grundsätzlich ist zu bedenken, dass die Vertrauensperson des Patienten durch die IGeL zum Geschäftspartner des Patienten wird. Damit gerät der Arzt in einen Rollenkonflikt und der Patient wird unsicher, wer ihm da eigentlich ein Geschäft anbietet“, erklärt Klaus Zok vom Wissenschaftlichen Institut der AOK (WiDO). „Deshalb sollte der Impuls zum IGeLn stets vom Patienten kommen“, meint Zok, „damit sich der Arzt nicht dem Verdacht der Geschäftemacherei aussetzt.“

Der Bremer Hausarzt Egidi, der die BÄK-Handreichung zum IGeLn mitformuliert hat, hält selbst nicht viel von den Zusatzangeboten in der Hausarztpraxis. „Wenn ein Patient aber unbedingt ein bestimmtes Selbstzahler-Attest will, dann möchte ich dafür auch Geld haben. Wir halten dem Patienten dann die Kaffee-Kasse hin.“

Fast jede Untersuchung hat auch Schadenspotential

Abgesehen von den formalen Kriterien des fairen IGeLns sollte es evidenzbasiert angeboten und dargestellt werden, betont Weymayr. „Jede IGeL hat auch ein Schadenspotential. Zum Beispiel dann, wenn wegen der Ergebnisse aus einer IGeL-Untersuchung weitere Untersuchungen nötig werden, die ihrerseits ein Risiko bergen.“ Ziel muss sein, dass der Patient für sich bewerten kann, mit welcher Wahrscheinlichkeit ihm die IGeL helfen oder schaden kann“, erklärt Weymayr. „Faires IGeLn beginnt also mit der sorgfältigen Information über die Untersuchung und ihre möglichen Folgen.“

Die 10 BÄK-Regeln zum fairen IGeLn

Wenn immer eine der folgenden Fragen mit „nein“ beantwortet wird oder der Arzt mit der Antwort unsicher ist, sollte er sich das Igeln noch einmal überlegen:

1. Habe ich der Patientin / dem Patienten erklärt, warum die IGeL notwendig oder empfehlenswert für ein spezielles gesundheitliches Problem ist?

2. Habe ich die Patientin / den Patienten informiert, ob es für den Nutzen der IGeL wissenschaftliche Belege gibt und wie verlässlich diese sind?

3. Habe ich die Patientin / den Patienten verständlich zum Nutzen und möglichen
Risiken oder Nebenwirkungen der IGeL beraten?

4. Habe ich sachlich und ohne anpreisende Werbung informiert?

5. Gibt es eine schriftliche Vereinbarung zwischen meiner Patientin / meinem Patienten und mir zur geplanten IGeL und deren voraussichtlichen Kosten?

6. Habe ich der Patientin / dem Patienten eine Entscheidungshilfe zu IGeL zur Verfügung gestellt und auf weiterführende Hinweise aufmerksam gemacht (zum Bei-spiel diese Checkliste)?

7. Habe ich meiner Patientin / meinem Patienten das Gefühl vermittelt, sich frei für oder gegen eine vorgeschlagene IGeL entscheiden zu können?

8. Hat meine Patientin / mein Patient für diese Entscheidung eine angemessene Bedenkzeit?

9. Habe ich den Patienten / die Patientin darüber informiert, dass er / sie eine Zweitmeinung einholen kann?

10. Nach der Behandlung: Habe ich eine nachvollziehbare Rechnung gestellt?

Referenzen

Referenzen

  1. GenoGyn: „Umfrage bestätigt: IGeL absolut sinnvoll“, März 2014
    http://www.genogyn.de/content_gg/cont_10381.maerz.php
  2. Medizinischer Dienst des Spitzenverbandes Bund der Krankenkassen e.V.: IGeL-Monitor
    www.igel-monitor.de
  3. Bundesärztekammer: 10-Punkte-Igel-Check
    http://www.igel-check.de

Autoren und Interessenkonflikte

Christian Beneker
Es liegen keine Interessenkonflikte vor.

Zok K, Egidi G, Weymayr C, Scholz K: Es liegen keine Erklärungen zu Interessenkonflikten vor.

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