„Viele Chancen“ für Frauen mit HER2-neu-positivem Brustkrebs durch neue zielgerichtete Therapien

Simone Reisdorf | 27. Februar 2014

Autoren und Interessenkonflikte


Prof. Dr. Volkmar Müller

Berlin – Für Patientinnen mit HER2-neu-positivem Mammakarzinom gibt es mittlerweile mehrere spezifische Therapien. Sie reichen von dem Antikörper Trastuzumab (den es auch als Konjugat gekoppelt mit dem Zytostatikum Emtansin gibt) über den neueren Antikörper Pertuzumab bis hin zu dem Tyrosinkinase-Inhibitor Lapatinib. Von einer „Qual der Wahl“ möchte Prof. Dr. Volkmar Müller, stellvertretender Klinikdirektor der Klinik für Gynäkologie am Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf, aber nicht sprechen: „Das bedeutet vielmehr, dass wir viele Chancen für unsere Patientinnen haben“, betonte er beim Deutschen Krebskongress in Berlin [1].


Prof. Dr. Tanja N. Fehm

Genauso sieht das auch Prof. Dr. Tanja N. Fehm, Direktorin der Frauenklinik am Universitätsklinikum Düsseldorf. Im Gespräch mit Medscape Deutschland stellte sie klar: „In nicht-metastasierten Situationen wird eine Behandlung mit Trastuzumab plus Chemotherapie empfohlen. Bei metastasiertem HER2-positiven Brustkrebs haben wir dann etliche weitere Optionen, die wir bei Krankheitsprogress jeweils nacheinander einsetzen können.“

Die Erstlinientherapie

Während Müller die Frage nach der optimalen Behandlungssequenz offen ließ, nannte Fehm auf Nachfrage von Medscape Deutschland eine für viele Patientinnen hilfreiche Reihenfolge der Therapien. „Primär wenden wir in der Regel eine duale Blockade mit Trastuzumab und Pertuzumab an“, erklärte sie. Die doppelte Antikörpergabe erbrachte in der CLEOPATRA-Studie eine signifikante Verlängerung des medianen progressionsfreien Überlebens (PFS) auf 18,5 Monate, mit Trastuzumab allein waren es 12,4 Monate (p<0,001). Darüber hinaus ist eine signifikante Verlängerung des Gesamtüberlebens erreicht worden. In beiden Studienarmen wurde zusätzlich zur Antikörpertherapie die Chemotherapie Docetaxel verabreicht [2,3] .

“Diese neue Erstlinientherapie ist inzwischen ein anerkannter Standard beim HER2-positiven Mammakarzinom. Dieser Einschätzung hat sich auch die Arbeitsgemeinschaft Gynäkologische Onkologie, AGO, angeschlossen“, konstatierte die AGO-Vorsitzende Fehm.

Weitere Therapie-Optionen

Bei Progress der Erkrankung bietet sich nach Worten der Expertin der Einsatz von Trastuzumab-Emtansin (T-DM1) an. Dabei wird ein hochwirksames Zytostatikum direkt in die Tumorzelle transportiert. Das Antikörper-Wirkstoff-Konjugat hat sich in der EMILIA-Studie bewährt[4]. Es verlängerte das PFS signifikant auf 9,6 Monate, verglichen mit 6,4 Monaten unter Lapatinib/Capecitabin (p<0,01). 

„Primär wenden wir in der Regel eine duale Blockade mit Trastuzumab und Pertuzumab an.“
Prof. Dr. Tanja N. Fehm

„Schreitet die Erkrankung danach weiter voran, ist die Gabe von Lapatinib/Capecitabin und danach der Einsatz von Lapatinib/Trastuzumab eine mögliche Sequenz“, zählte Fehm auf. Letztere Kombination wurde ebenfalls in einer großen Gruppe erfolgreich getestet: In der EGF104900-Studie überlebten Patientinnen unter Lapatinib/Trastuzumab signifikant länger progressionsfrei als unter Lapatinib allein (p=0,01) [5]. Allerdings ging es in dieser Studie, in die nur Patientinnen mit Krankheitsprogress unter Trastuzumab eingeschlossen waren, nur noch um moderate Zeitdifferenzen: Das mediane PFS lag im Gesamtkollektiv bei 12 vs 8,1 Wochen.

„Der Benefit dieses Therapieregimes kam besonders in der Subgruppe der zwar HER2-neu-positiven, aber Hormonrezeptor-negativen Patientinnen zum Tragen“, ergänzte Müller. „Bei ihnen betrug das Gesamtüberleben unter Lapatinib/Trastuzumab 17,2 Monate, unter Lapatinib allein dagegen nur 8,9 Monate.“

Reihenfolge der Therapieregime flexibel

Die Reihenfolge der 4 Therapieregime für das metastasierte HER2-positive Mammakarzinom lässt sich aber je nach Anamnese auch individuell anpassen. So hat die Behandlung mit T-DM1 in einer weiteren Studie, T3RESA, auch bei Patientinnen gewirkt, die zuvor bereits nacheinander Trastuzumab und Lapatinib (oder umgekehrt) erhalten hatten und die nun progredient waren. „Das mediane PFS betrug 6,2 vs 3,2 Monate für Patientinnen, die T-DM1 vs eine andere Trastuzumab-haltige Therapie nach Wahl ihres Arztes bekamen“, berichtete Müller (p<0,0001). Das Gesamtansprechen (ORR) lag bei 31,3% vs 8,6% [6]. Auch in der Drittlinie bzw. in späteren Erkrankungsphasen profitieren also etliche Patientinnen von T-DM1.

„Überhaupt ist die Behandlung des Mammakarzinoms ein Paradebeispiel für individualisierte Krebstherapien.“
Prof. Dr. Tanja N. Fehm

„Überhaupt ist die Behandlung des Mammakarzinoms ein Paradebeispiel für individualisierte Krebstherapien“, betonte Fehm gegenüber Medscape Deutschland: „Schon lange werden neben HER2-neu gleich bei Erstdiagnose der Erkrankung auch der Östrogen- und der Progesteronrezeptorstatus ermittelt. Drei wichtige individuelle Marker werden also von Anfang an erfasst.“

Trastuzumab und Herzinsuffizienz

Die meisten der genannten Therapieregime basieren auf Trastuzumab. Dieses kann bekanntlich bei einigen Patientinnen die Entstehung oder Verschlechterung einer Herzinsuffizienz fördern, insbesondere wenn es in Kombination mit Anthrazyklinen verabreicht wird.

Allein von der Furcht vor eventuellen unerwünschten Wirkungen würde Fehm die Therapieentscheidung aber trotzdem nicht abhängig machen: Alle Patientinnen mit einer HER2-zielgerichteten Therapie werden entsprechend kardiologisch kontinuierlich mitbetreut.

Referenzen

Referenzen

  1. 31. Deutscher Krebskongress, 19. bis 22. Februar 2014, Berlin
    Plenarsitzung Mammakarzinom II (20.02.2014)
    http://www.dkk2014.de
  2. Swain SM, et al., Lancet Oncol 2013, 14 (6) :461-471
    http://dx.doi.org/10.1016/S1470-2045(13)70130-X
  3. Baselga J, et al: NEJM 2012;366:109-119
    http://dx.doi.org/10.1056/NEJMoa1113216
  4. Verma S, et al: NEJM 2012;367:1783-1791
    http://dx.doi.org/10.1056/NEJMoa1209124
  5. Blackwell KL, et al: JCO 2012;30:2585-2592
    http://dx.doi.org/10.1200/JCO.2011.35.6725
  6. European Cancer Congress 2013 (ECCO-ESMO-ESTRO), 27. September bis 1. Oktober 2013, Amsterdam
    Wildiers H, et al: Abstract LBA15 (28.09.2013)
    http://eccamsterdam2013.ecco-org.eu/Scientific-Programme/Abstract-search.aspx#

Autoren und Interessenkonflikte

Simone Reisdorf
Es liegen keine Interessenkonflikte vor.

Müller V, Fehm TN: Es liegen keine Angaben zu Interessenkonflikten vor.

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