ASV: Krankenhausgesellschaft kritisiert „Blaupause“

Ute Eppinger | 26. Februar 2014

Autoren und Interessenkonflikte

Patienten, die an gastrointestinalen Tumoren und Tumoren der Bauchhöhle erkrankt sind, können künftig in Kliniken und Praxen die ambulante spezialärztliche Versorgung (ASV) nutzen. Mit seinem Beschluss vom 20. Februar 2014 hat der Gemeinsame Bundesausschuss (G-BA) einen weiteren Schritt hin zur ambulanten spezialfachärztlichen Versorgung (ASV) getan [1].


Dr. Regina Klakow-Franck

Als „Blaupause für alle weiteren Anlagen zu onkologischen Erkrankungen“, stuft Dr. Regina Klakow-Franck, unparteiisches Mitglied im G-BA und Vorsitzende des zuständigen Unterausschusses den Beschluss ein. Der G-BA hat damit die erste Regelung für eine schwere Verlaufsform einer Erkrankung mit besonderem Krankheitsverlauf konkretisiert. Zug um Zug, so Klakow-Franck, würden nun nach diesem Muster alle weiteren Anlagen abgearbeitet. Folgen werde als nächstes die Beratung der Anlage zu gynäkologischen Tumoren. Parallel dazu würden die Beratungen zu den seltenen Erkrankungen fortgesetzt.

Startschuss 1. Juli 2014

Niedergelassene Fachärzte könnten sich ab 1. Juli 2014 an der sektorenübergreifenden Versorgung von gastrointestinalen Tumoren und Tumoren der Bauchhöhle beteiligen, konkretisiert Kai Fortelka, Sprecher des G-BA, gegenüber Medscape Deutschland. „Interessierte Ärzte können sich dazu an den erweiterten Landesausschuss der für sie zuständigen Kassenärztlichen Vereinigung wenden“, erklärt Fortelka.

„Mit dem Beschluss haben wir uns auf einen sowohl für Krankenhäuser als auch für nieder-
gelassene Spezialisten akzeptablen Modus Vivendi geeinigt.“
Dr. Regina Klakow-Franck

Der Landesausschuss prüft auch, ob die Voraussetzungen für ein ambulantes Behandlungsteam erfüllt sind. Zur Gruppe der so behandelbaren Personen zählen Patienten mit schweren Verlaufsformen von bösartigen Krebserkrankungen des Magens,des Darms, der Gallenblase, der Leber oder der Bauchspeicheldrüse. Auch Tumoren der Milz oder der Nieren können künftig ambulant spezialfachärztlich behandelt werden.

Die Versorgung wird durch ein Behandlungsteam sichergestellt, das sich aus einer Teamleitung, einem Kernteam und – bei medizinischer Notwendigkeit – zeitnah hinzuzuziehenden Fachärztinnen und Fachärzten verschiedener Disziplinen zusammensetzt. Zum Kernteam gehören zum Beispiel Fachärzte für Innere Medizin, Gastroenterologie, Hämatologie, Onkologie, Strahlentherapie sowie für Allgemein- oder Viszeralchirurgie.

Krankenhausgesellschaft sieht Nachteile für Patienten

Die Neugestaltung des § 116b SGB V im Rahmen des Versorgungsstrukturgesetzes ermöglicht eine bessere Versorgung von Patienten mit komplexen oder seltenen Erkrankungen. „Die neu geschaffenen Möglichkeiten der interdisziplinären und sektorenübergreifenden Vernetzung tragen dazu bei, das bestehende Versorgungsangebot auch über die onkologischen Erkrankungen hinaus auszubauen und in die Fläche zu tragen“, so Klakow-Franck.

Mit dem neuen sektorenübergreifende Versorgungsbereich – außerhalb der Bedarfsplanung und extrabudgetär vergütet – habe der Gesetzgeber die gemeinsame Selbstverwaltung vor große Herausforderungen gestellt angesichts des Wettbewerbs zwischen Krankenhäusern und niedergelassenen Spezialisten. „Mit dem Beschluss haben wir uns auf einen sowohl für Krankenhäuser als auch für niedergelassene Spezialisten akzeptablen Modus Vivendi geeinigt“, betont Klakow-Franck.

„De facto werden künftig mehr Patienten von einer Behandlung durch hochspezialisierte Expertenteams profitieren.“
Dr. Wulf-Dietrich Leber

Einen „Modus Vivendi“ vermag die Deutsche Krankenhausgesellschaft (DKG) nicht zu erkennen, stattdessen spricht deren Hauptgeschäftsführer Georg Baum von einem Rückschlag für die Versorgung von Krebspatienten [2]. Vielen tausend Krebspatienten werde dadurch die Möglichkeit der ambulanten Behandlung durch Spezialisten an Krankenhäusern verwehrt, so Baum.

So könnten gesetzlich versicherte Patienten nur noch bei sehr fortgeschrittenen Krebserkrankungen und schlechter Prognose, beispielsweise bei Metastasen, ambulant in Kliniken behandelt werden. Für Privatversicherte gelte dies nicht. Baum kritisierte auch, dass Kliniken künftig keine ambulante Diagnostik zur Klärung eines Krebsverdachtes durchführen dürften, dass Begleiterkrankungen weitestgehend nicht mehr mitbehandelt werden könnten und dass eine ambulante Nachsorge durch die Krebsspezialisten der Kliniken künftig nicht mehr möglich sei, obwohl es sich dabei nicht selten um sehr kranke Patienten nach sehr komplexen Behandlungen handle.

Patienteninteressen nur vorgeschoben?

Patienteninteressen seien nur vorgeschoben, heißt es hingegen von Seiten des Spitzenverbandes der Gesetzlichen Krankenkassen (GKV). Eher gehe es dabei um die innerärztliche Auseinandersetzung zwischen Niedergelassenen und Krankenhausärzten. Der GKV-Verband glaubt nicht an eine Verschlechterung der Versorgung.

Dr. Wulf-Dietrich Leber, Leiter der Abteilung Krankenhäuser beim GKV sagte auf der Pressekonferenz des G-BA: „Der Beschluss ist ein wesentlicher Schritt beim Aufbau der Ambulanten Spezialfachärztlichen Versorgung. Es ist eine unverantwortliche Irreführung der Öffentlichkeit, wenn die DKG dies als Rückschlag für die onkologische Versorgung bezeichnet. De facto werden künftig mehr Patienten von einer Behandlung durch hochspezialisierte Expertenteams profitieren.“


Ann Marini

„Der Patientenkreis ist gegenüber der alten Bestimmung, in der noch nicht nach schweren Verlaufsformen bei Krebs differenziert war, leicht eingeschränkt worden. Dies war die gesetzliche Vorgabe“, bestätigt Ann Marini, Sprecherin des GKV, gegenüber Medscape Deutschland. Sie fügt hinzu, dass es nun endlich zur ASV-Zulassung in Süddeutschland kommen könne, wo Landesbehörden bislang die Öffnung von Krankenhäusern verhindert hätten. Außerdem werde es ASV-Teams im niedergelassen Bereich geben.

Offene Fragen und BMG-Votum

Der G-BA-Beschluss sei noch nicht abschließend, teilt der GKV mit, weil bei der Leistungsbeschreibung noch einige Harmonisierungen zur Onkologie-Vereinbarung notwendig seien – etwa die Frage der Mindestmengenregelung. In der Onkologie-Vereinbarung sind Mindestmengen arzt- und quartalsbezogen, nicht jedoch indikationsbezogen formuliert. In der ASV sind Mindestmengen bislang team- und jahresbezogen und mit Bezug zum Tumorbereich. Hier werden bis zum G-BA-Plenum im März Lösungen gesucht.

Dann folgt die Bewertung der Leistung im ergänzten Bewertungsausschuss. Zur grundsätzlichen Prüfung wird der G-BA Beschluss jetzt dem Bundesgesundheitsministerium (BMG) vorgelegt: „Der G-BA rechnet mit einer Rückmeldung des BMG innerhalb von acht Wochen ab Zustellung der vollständigen Beschlussunterlagen“, so Fortelka.

Referenzen

Referenzen

  1. Gemeinsamer Bundesausschuss (G-BA): „Behandlung von gastrointestinalen Tumoren und Tumoren der Bauchhöhle: erste Konkretisierung für schwere Verlaufsform einer Erkrankung mit besonderem Krankheitsverlauf“, 20. Februar 2014
    http://www.g-ba.de/institution/presse/pressemitteilungen/521
  2. Deutsche Krankenhausgesellschaft (DKG): „DKG zur ambulanten spezialfachärztlichen Versorgung (ASV)
    Rückschlag für die Versorgung von Krebspatienten in Deutschland“, 20. Februar 2014
    http://www.dkgev.de/dkg.php/cat/38/aid/11502/title/DKG_zur_ambulanten_spezialaerztlichen_Versorgung_%28ASV%29_

Autoren und Interessenkonflikte

Ute Eppinger
Es liegen keine Interessenkonflikte vor.

Klakow-Franck R, Fortelka K, Baum G, Leber WD, Marini A: Es liegen keine Erklärungen zu Interessenkonflikten vor.

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