CLL: „Manche profitieren so stark, dass dies schon einer Heilung nahekommt“

Simone Reisdorf | 24. Februar 2014

Autoren und Interessenkonflikte


Prof. Dr. Michael Hallek

Berlin – Eine Subgruppenanalyse der bereits über 10 Jahre laufenden Untersucher-initiierten Studie CLL 8 hat kürzlich einen Durchbruch gebracht: „Bestimmte Patienten mit chronisch lymphatischer Leukämie profitieren so stark von der kombinierten Behandlung mit der Chemotherapie Fludarabin/Cyclophosphamid und dem Antikörper Rituximab, dass dies schon einer Heilung nahekommt“, erklärt Prof. Dr. Michael Hallek, Direktor der Klinik I für Innere Medizin am Universitätsklinikum Köln und Tagungspräsident des Deutschen Krebskongresses (DKK) in Berlin.


PD Dr. Barbara Eichhorst

In Berlin stellte PD Dr. Barbara Eichhorst, Oberärztin an der Universitätsklinik in Köln, in einem „Best-Abstract“-Referat die Ergebnisse dieser Subgruppenanalyse vor. Es war weltweit die erste Präsentation dieser Daten, die von der Deutschen CLL-Studiengruppe (DCLLSG) erhoben worden waren.

Eichhorst erläuterte zunächst die retrospektive Einteilung in Patienten mit der prognostisch ungünstigen Genvariante der chronisch lymphatischen Leukämie (CLL) ohne Mutation des Immunglobulin-HV und Patienten mit der prognostisch günstigeren, mutierten CLL-Form.

Mutationen sind nicht immer schlecht

„Die IgHV-Hypermutation in B-Lymphozyten ist eine der wenigen physiologisch günstigen Mutationen“, erläuterte Hallek im Gespräch mit Medscape Deutschland. „Sie wird durch Antigenkontakt initiiert und dient dazu, die von der B-Zelle produzierten Antikörper noch besser an das jeweilige Antigen anzupassen. Geht die CLL-Zelllinie von einer solchen reifen, bereits mutierten Zelle aus, hat dies günstige Auswirkungen auf das Outcome.“ Warum das so ist, ist laut Hallek aber noch nicht im Detail aufgeklärt.

Patienten beider Subgruppen – mit und ohne Mutation – wurden in der Studie entweder mit Fludarabin/Cyclophosphamid (FC) oder mit Fludarabin/Cyclophosphamid plus Rituximab (FCR) behandelt. So entstanden letztlich 4 Kollektive mit teils sehr unterschiedlichem Krankheitsverlauf.

„Die IgHV-
Hypermutation
in B-Lymphozyten
ist eine der wenigen physiologisch günstigen Mutationen.“
Prof. Dr. Michael Hallek

Eine Erkenntnis der aktuellen Analyse betrifft IgHV-mutierte wie auch IgHV-unmutierte CLL-Patienten gleichermaßen: Das progressionsfreie Überleben (PFS) war länger, wenn die Behandlung mit Fludarabin/Cyclophosphamid plus Rituximab (FCR) und nicht nur mit FC allein erfolgte. Damit bestätigte sich der bereits im Jahr 2012 festgestellte Nutzen der Zugabe von Rituximab nun auch für die beiden Subgruppen.

Überraschend war jedoch, wie stark die „unmutierten“ Patienten von der Zugabe des Antikörpers profitierten, obwohl sie sich eigentlich im Hinblick auf das Outcome in einer schlechteren Ausgangsposition befanden: Sie schnitten unter FCR-Therapie genauso gut ab wie Patienten mit mutierter CLL und alleinige FC-Behandlung ohne Rituxiamab-Zusatz. Dazu Eichhorst: „In beiden Kollektiven betrug das progressionsfreie Überleben im Median 42 Monate.“ Patienten ohne Mutation und ohne Antikörpertherapie hatten dagegen im Median nur 29 krankheitsfreie Monate.

Ein weiteres überraschendes Ergebnis ist das extrem gute Outcome der Patienten mit mutierter CLL unter einer Kombinationstherapie mit FCR: Der Endpunkt des progressionsfreien Überlebens wurde vom Median dieser Subgruppe nach 8 Jahren noch nicht erreicht. Das heißt, dass mehr als die Hälfte dieser Patienten nach 8 Jahren noch am Leben ist und noch kein Rezidiv hat.

Ein Drittel bis die Hälfte aller CLL-Patienten kann profitieren

„Das ist eine hoffnungsvolle Botschaft für unsere Patienten: Man kann heute mit CLL unter günstigen Umständen sehr alt werden“, freut sich Hallek. „Und diese Mutation wird immerhin bei etwa jedem zweiten CLL-Patienten gefunden.“

„Das ist eine hoffnungsvolle Botschaft für unsere Patienten: Man kann heute mit CLL unter günstigen Umständen sehr alt werden.“
Prof. Dr. Michael Hallek

Noch besser ist das Outcome, wenn zusätzlich weitere Genmutationen vorliegen, nämlich eine Trisomie 12 sowie Deletionen auf den Chromosomen 11 und 13, erklärte Hallek im Gespräch mit Medscape Deutschland. Das ist bei etwa jedem dritten CLL-Patienten der Fall.

„Deshalb sollte jeder CLL-Patient zumindest bei der Erstdiagnose immer auf die IgHV-Mutation und weitere wichtige Mutationen getestet werden“, forderte Eichhorst in Berlin. „In unseren deutschen Krebszentren ist das schon selbstverständlicher Standard“, hielt Hallek fest. „Es wird nicht nur bei der Diagnose, sondern auch vor jedem neuen Therapiezyklus getestet.“

Die Studie ist ein hervorragendes Beispiel für die gelungene Umsetzung des Mottos des diesjährigen Krebskongresses, „iKON – intelligente Konzepte in der Onkologie“. Denn solche Konzepte umfassen Innovation, Individualisierung und Interdisziplinarität, wie Hallek auf der Eröffnungs-Pressekonferenz betonte. Zumindest die Innovation und Individualisierung sind bei der mutations-gesteuerten CLL-Therapie mit FCR nicht zu übersehen.

Referenzen

Referenzen

  1. 31. Deutscher Krebskongress 2014, 19. bis 22. Februar, Berlin
    Eröffnungs-Pressekonferenz: “iKON – intelligente Konzepte in der Onkologie” (19.02.2014)
    http://www.dkk2014.de

Autoren und Interessenkonflikte

Simone Reisdorf
Es liegen keine Interessenkonflikte vor.

Hallek M: Es liegen keine Angaben zu Interessenkonflikten vor.

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