Nierenspende: Verbleibende Niere versagt öfter, doch das absolute Risiko ist gering

Nadine Eckert | 14. Februar 2014

Autoren und Interessenkonflikte


Prof. Dr. Jan-Christoph Galle

Letztlich ist es eine gute Nachricht für Menschen, die einem Familienmitglied, Freund oder gar Fremden eine Niere spenden: Sie haben zwar ein leicht erhöhtes Risiko für eine terminale Niereninsuffizienz – wenn man sie mit einer ausgewählten Kontrollgruppe von gesunden Nicht-Spendern vergleicht. Dennoch: „Das absolute Risiko ist weiterhin sehr gering“, interpretiert Prof. Dr. Jan-Christoph Galle von der Deutschen Gesellschaft für Nephrologie in einem Kommentar gegenüber Medscape Deutschland die Ergebnisse einer aktuellen US-Studie.

Denn wenn man das Niereninsuffizienz-Risiko der Spenderkohorte mit demjenigen in der Allgemeinbevölkerung vergleicht, so liegt es sogar niedriger. Das hängt damit zusammen, dass die für diese Studie ausgewählte Kontrollgruppe – die gesunden Nicht-Spender – ein deutlich niedrigeres Niereninsuffizienzrisiko aufwies als die Durchschnittsbevölkerung. Oder anders ausgedrückt: Die Allgemeinbevölkerung stellt gegenüber der Kontrollgruppe dieser Studie eine Hochrisikogruppe dar [1].

Die Beruhigung der Lebendspender ist vor allem deshalb von Bedeutung, weil die Anzahl der Nierenlebendspenden stetig zunimmt. In Deutschland stammten 2012 fast 30% der insgesamt 2.586 transplantierten Nieren von einem lebenden Spender. 2003 waren es noch 16% gewesen [2].

„Das absolute Risiko ist weiterhin sehr gering.“
Prof. Dr. Jan-Christoph Galle

Weltweit machen die Nierenlebendspenden bereits mehr als 40% der Transplantationen aus. Wegen der zunehmenden Bedeutung haben Dr. Abimereki D. Muzaale von der Johns Hopkins University School of Medicine in Baltimore und seine Arbeitsgruppe die Auswirkungen einer Nierenspende auf das Risiko für ein Nierenversagen von 96.000 Nierenlebendspendern untersucht und mit dem Risiko innerhalb einer Gruppe von 20.000 gesunden Nicht-Spendern als Kontrollgruppe verglichen.  

Normalbevölkerung ist Vergleichsgruppe mit hohem Risiko

Das Besondere an der vorliegenden Studie ist die wohlüberlegt gewählte Kontrollgruppe. Denn: Längst nicht jeder ist so nierengesund, dass er als Nierenspender überhaupt in Frage kommt. Im Hinblick auf das Niereninsuffizienzrisiko sind infolgedessen Nierenspender quasi von vorneherein eine ausgewählte Gruppe und weniger anfällig dafür, dass ihre Nieren funktionsuntüchtig werden.

Die Normalbevölkerung stellt demgegenüber eine Gruppe mit höherem Ausgangsrisiko für ein Nierenversagen dar. Denn in den Durchschnitt der Bevölkerung gehen zum Beispiel viele Diabetiker ein, die per se ein erhöhtes Risiko haben, ein Nierenversagen zu entwickeln. Sie kämen daher eher nicht als Nierenlebendspender in Frage. Somit hinken frühere Vergleiche zwischen gesunden Nierenspendern und einer Vergleichsgruppe von Nicht-Spendern aus der Allgemeinbevölkerung.

„Nierenlebendspender haben im Hinblick auf die Mortalität eine genauso gute oder vielleicht sogar
etwas bessere Prognose als
die Allgemein-
bevölkerung.“
Prof. Dr. Jan-Christoph Galle

Mithin habe man bislang das Risiko für eine terminale Niereninsuffizienz beim Vergleich zwischen Nierenlebendspendern und einer Kontrollgruppe aus der Durchschnittsbevölkerung bereits vom methodischen Ansatz her unterschätzt, schreiben Muzaale und seine Kollegen.

Und damit bestehe auch die Gefahr, die gesundheitlichen Folgen der Nierenlebendspende zu unterschätzen. Die Autoren stellten den Nierenlebendspendern deshalb Teilnehmer des Third National Health and Nutrition Examination Survey (NHANES III) gegenüber. Diese hatten ein niedriges Risiko für Nierenerkrankungen und wären ebenfalls als Nierenlebendspender geeignet gewesen.

Die geschätzte kumulative Inzidenz der terminalen Niereninsuffizienz im Verlauf von 15 Jahren nach der Spende lag dann bei 30,8 pro 10.000 bei den Spendern und 3,9 pro 10.000 bei den Kontrollen. Bis zum Alter von 80 Jahren lag das geschätzte Lebenszeitrisiko für eine terminale Niereninsuffizienz bei Spendern bei 90 pro 10.000 und bei gesunden Nicht-Spendern bei 14 pro 10.000.

Das klingt zwar nach einer erheblichen Differenz, aber absolut betrachtet ist das Risiko dennoch gering. Das wird offenbar, wenn man das geschätzte Lebenszeitrisiko, eine terminale Niereninsuffizienz zu entwickeln, zwischen den Lebendspendern und der Allgemeinbevölkerung vergleicht: Letzteres liegt nämlich bei 326 pro 10.000.

„Im Rahmen der Nachsorge werden sie mindestens einmal im Jahr von einem Arzt untersucht, wodurch Krankheiten oft früher erkannt werden.“
Prof. Dr. Jan-Christoph Galle

Umfassende Beratung braucht umfassendes Wissen

„Die potenziellen Spender müssen umfassend beraten und über mögliche Folgen der Nierenspende aufgeklärt werden. Dies ist nur möglich, wenn die Risiken so vollständig wie möglich bekannt sind“, schreiben die Autoren der in Journal der American Medical Association (JAMA) erschienen Studie.

2010 hatte die Arbeitsgruppe um Muzaale bereits eine Vergleichsstudie zwischen Lebendnierenspendern und der NHANES-Kohorte vorgenommen. Seinerzeit fanden die Forscher, dass die Spender einer Niere sogar im Durchschnitt länger leben als Nicht-Spender. Das ist ebenfalls eine wichtige Information: Denn selbst wenn das Niereninsuffizienzrisiko leicht erhöht ist, beeinflusst das nicht die Lebenszeit. „Nierenlebendspender haben im Hinblick auf die Mortalität eine genauso gute oder vielleicht sogar etwas bessere Prognose als die Allgemeinbevölkerung“, hält auch Galle als zentrale Botschaft fest.

Das liegt nicht allein an ihrer besseren Ausgangsgesundheit, was die Nieren angeht: „Im Rahmen der Nachsorge werden sie mindestens einmal im Jahr von einem Arzt untersucht, wodurch Krankheiten oft früher erkannt werden“, nennt der Direktor der Klinik für Nephrologie und Dialyseverfahren am Klinikum Lüdenscheid auch als Grund für die gute Prognose.

Mortalität unverändert, aber Blutdruck und Abgeschlagenheit nehmen zu

Allerdings hätten Nierenlebendspender häufiger hohen Blutdruck, räumt Galle ein. Des Weiteren werde derzeit diskutiert, ob Patienten nach einer Nierenlebendspende weniger belastbar sind. „Viele Patienten klagen nach der Spende darüber, ihren Beruf nicht mehr ausüben zu können, dass sie keinen Sport mehr treiben und dass sie sich abgeschlagen fühlen. Wir klären die potenziellen Spender in den Transplantationszentren über dieses mögliche Risiko auf. Ob es tatsächlich existiert, müssen aber weitere Auswertungen erst noch zeigen.“

„Viele Patienten klagen nach der Spende darüber, … dass sie sich abgeschlagen fühlen.“
Prof. Dr. Jan-Christoph Galle

In einem begleitenden Editorial betonen Dr. John S. Gill von der University of British Columbia in  Vancouver und Dr. Marcello Tonelli von der University of Alberta in Edmonton, dass diese Ergebnisse letztlich so beruhigend sind, dass es nicht notwendig ist, an der bisherigen Transplantationspraxis etwas zu ändern. In Aufklärungsgesprächen mit potenziellen Nierenlebendspendern sollte – anstelle das weniger aussagekräftige relative Risiko zu benennen – hervorgehoben werden, wie absolut gering ihr Risiko für eine terminale Niereninsuffizienz ist [3].

„Die Ergebnisse von Muzaale und seinem Team sollten künftige Spender hinsichtlich der Sicherheit einer Nierenspende beruhigen. Fokussiert man sich zu sehr auf den Anstieg des relativen Risikos kann das insbesondere bei seltenen Endpunkten die Entscheidung übermäßig beeinflussen“, stimmt auch Galle zu.

Referenzen

Referenzen

  1. Muzaale AD, et al: JAMA 2014;311(6):579-586
    http://dx.doi.org/10.1001/jama.2013.285141
  2. Eurotransplant: Jahresbericht 2012
    www.eurotransplant.org/cms/mediaobject.php?file=AR2012.pdf
  3. Gill JS, et al: JAMA 2014;311(6):577-579
    http://dx.doi.org/10.1001/jama.2013.285142

Autoren und Interessenkonflikte

Nadine Eckert
Es liegen keine Interessenkonflikte vor.

Galle JC, Muzaale AD, Gill JS: Es liegen keine Erklärungen zu Interessenkonflikten vor.

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