Hepatitis C: Die Übertragung beim Sex unter Homosexuellen wird vermutlich unterschätzt

Ulrike Walter-Lipow | 12. Februar 2014

Autoren und Interessenkonflikte

Lange galt die Übertragung von Hepatitis C durch Sexualkontakte als äußerst unwahrscheinlich. Nun häufen sich jedoch Belege, nach denen nicht alle Infektionen mit dem Hepatitis-C-Virus (HCV) durch Kontakt mit kontaminiertem Blut bei intravenösem Drogenmissbrauch oder durch verseuchte Bluttransfusionen zu erklären sind. Eine aktuelle Studie aus der Schweiz deutet darauf hin, dass – zumindest in bestimmten Risikogruppen – der sexuelle Übertragungsweg bisher als Infektionsquelle unterschätzt worden ist.

„Es ist davon auszugehen, dass wir auch in Deutschland keinen exakten Überblick über die tatsächliche Inzidenz von Hepatitis-C-Infektionen haben.“
Dr. Peter Buggisch

Die Arbeitsgruppe unter Federführung von Dr. Roger Kouyos, Klinik für Infektionskrankheiten und Spitalhygiene des Universitätsspitals Zürich, hat im International Journal of Epidemiology nun die Ergebnisse einer Untersuchung zur HCV-Prävalenz und -Inzidenz in der Schweizerischen HIV-Kohortenstudie (SHKS) veröffentlicht [1]. Ihr Fazit: Insbesondere in der Gruppe der homosexuellen Männer (MSM, Men who have Sex with Men), wird die Übertragung von HCV infolge wahrscheinlich riskanterer Sexualpraktiken bisher verkannt.

Für die Untersuchung ermittelten Kouyos und seine Kollegen zunächst phylogenetische Stammbäume des HI-Virus in der schweizerischen Studienpopulation, aus denen sie dann anonymisiert die wahrscheinlichsten Übertragungswege bzw. Übertragungspartner des HI-Virus ableiteten.

Die Genotypdaten für das HI-Virus werden häufig im Rahmen von Resistenztests ermittelt, woraus eine umfangreiche Datenbank entstanden ist, die eine solche phylogenetische Auswertung zulässt. Für diesen Teil der Untersuchung standen den Forschern die HIV-Sequenzen von knapp 10.000 Teilnehmern der Kohortenstudie zur Verfügung, von denen außerdem noch der HCV-Status bekannt war.

Aus diesen Teilnehmern ermittelten Kouyos und seine Mitstreiter 1.555 potenzielle HIV-Übertragungspaare mit bekanntem HCV-Status für beide Partner. Die Annahme, dass es sich um Übertragungspaare handelt, stützt sich dabei ausschließlich auf die phylogenetische Analyse der HI-Viren, nicht auf bekannte soziale Beziehungen der Studienteilnehmer.

Übertragung durch iv-Drogengebrauch immer noch häufiger als durch Sex

„Was wir auch beobachten, dass sich die Übertragungswege ändern. Früher waren es häufig kontaminierte Blutprodukte.“
Dr. Peter Buggisch

Von den Teilnehmern der schweizerischen Kohorte ist bekannt, welcher Risikogruppe sie angehören: Die Autoren unterscheiden Heterosexuelle (HET) und Personen, die angaben, sich auf heterosexuellem Weg mit HIV infiziert zu haben, die aber zusätzlich intravenös Drogen konsumierten (HET-I). Des Weiteren gab es eine Gruppe, die allein durch den Konsum intravenöser Drogen charakterisiert war (IDU). Außerdem bildeten die homosexuellen Männer (MSM) eine Gruppe und schließlich jene, die angaben, sich über homosexuelle Sexualkontakte mit HIV infiziert zu haben, aber auch noch i.v. Drogen spritzen (MSM-I). 

Es war den Autoren wichtig, zusätzlich zu den beiden Gruppen der heterosexuellen und homosexuellen Männer 2 weitere Gruppen zu bilden, die nicht nur durch ihre Sexualpraktiken, sondern auch durch i.v.-Drogenkonsum charakterisiert waren. Denn das HCV-Ansteckungsrisiko über i.v.-Drogenkonsum gilt als deutlich höher als das über Sexualkontakte – eine Annahme, die auch die Daten dieser Studie bestätigen.

Dennoch scheint die sexuelle Übertragbarkeit nicht vernachlässigbar. Sie wird dadurch plausibel, dass den Autoren zufolge in der Schweiz die Zahl der Neuinfektionen mit Hepatitis C bei Drogenkonsumenten seit Jahren deutlich zurückgeht. Das wird wesentlich auf bessere Aufklärung und Präventionsprogramme wie die Bereitstellung sauberer Spritzbestecke zurückgeführt. Allerdings steigt die Zahl der HCV-Infektionen innerhalb der Gruppe der homosexuellen Männer drastisch an.

Und jetzt zeigen die Ergebnisse der aktuellen Studie – bei allen Einschränkungen, die sich aus der Art der Untersuchung ergeben –, dass das Risiko, sich mit HCV zu infizieren, wenn der Partner bereits HCV-positiv ist, deutlich erhöht ist, zumindest in der untersuchten Population mit HIV-Infektion. Über alle Risikogruppen hinweg betrug die entsprechende Odds Ratio 3,2 (95%-Konfidenzintervall: 2,2 bis 4,7), was etwa eine Verdreifachung des Ansteckungsrisikos für Personen mit HCV-positivem Partner bedeutet.

„Das Bewusstsein hinsichtlich der Übertragungswege ist in der Bevölkerung sicherlich auch besser geworden.“
Dr. Peter Buggisch

Als Konsequenz aus ihrer Studie plädieren die Autoren um Kouyos für mehr Aufklärung und Screening in der Gruppe der besonders Gefährdeten, speziell innerhalb der homosexuellen Männer, deren Partner bereits mit Hepatitis C infiziert sind, und deren Infektion bekannt ist. Diesen sollte auf jeden Fall zu Safer-Sex-Praktiken geraten werden. Der Hinweis sei wichtig, da Safer-Sex inzwischen bei einer HIV-Infektion nicht mehr so selbstverständlich sei wie früher, nachdem allseits bekannt ist, dass durch die Reduktion der HI-Viruslast unter antiretroviralen Medikamenten auch das Ansteckungsrisiko drastisch reduziert wird.

Auch häufigere Screening-Untersuchungen in dieser Gruppe halten die Autoren für gerechtfertigt. Neben der potenziellen Übertragung durch Sexualkontakte sehen sie auch die Möglichkeit einer Ansteckung im häuslichen Zusammenleben, etwa bei gemeinsamer Nutzung z.B. von Rasierern.

Auch in den USA und Deutschland Dunkelziffer und ungeklärte Übertragungen

Wie Medscape Deutschland bereits berichtete, ist auch in den USA und in Deutschland zumindest in bestimmten Bevölkerungsgruppen von einer hohen Dunkelziffer von Hepatitis-C-Infektionen auszugehen. Ein Hepatitis-C-Screening der geburtenstarken Jahrgänge in den USA ergab besonders hohe Infektionsraten bei 2 Personengruppen: 9,9% der Veteranen und 8,7% der Notfallpatienten eines Krankenhauses waren mit dem Hepatitis-C-Virus infiziert.

Für Deutschland bestätigt eine Analyse von 28.809 Patienten in 2 städtischen Notfallaufnahmen – Berlin und Frankfurt –, dass die Häufigkeit von HCV-Infektionen unterschätzt wird [2]. Während man lange von einer Seroprävalenz  von etwa 0,4 bis 0,63% ausging, fand diese Analyse eine um etwa das Vierfache größere Häufigkeit von 2,4 bis 3,5%.



Dr. Peter Buggisch

Auch wenn die untersuchten städtischen Populationen wohl einen überdurchschnittlich hohen Anteil von Risikopatienten wie Drogenabhängigen, Obdachlosen und Transplantationspatienten aufweisen, ist mit einer gewissen Dunkelziffer zu rechnen: „Es ist davon auszugehen, dass wir auch in Deutschland keinen exakten Überblick über die tatsächliche Inzidenz von Hepatitis-C-Infektionen haben“, bestätigt Dr. Peter Buggisch, ärztlicher Leiter des Leberzentrums Hamburg am Institut für Interdisziplinäre Medizin an der Asklepeiosklinik St. Georg gegenüber Medscape Deutschland. „Sicherlich könnten – angesichts der verbesserten Therapieaussichten gerade in frühen Stadien der Infektion – noch weit mehr Patienten profitieren, wenn man gezielter screenen würde.“ Zu erwägen wäre seiner Ansicht nach zumindest ein gezieltes Screening in Risikogruppen.

Dazu wären bessere Kenntnisse der Übertragungswege neben der parenteralen Ansteckung wünschenswert. Buggisch gegenüber Medscape Deutschland: „Was wir auch beobachten, dass sich die Übertragungswege ändern. Früher waren es häufig kontaminierte Blutprodukte. Das nimmt ab, weil die Blutprodukte besser kontrolliert werden, die Hygienestandards sind besser geworden, und das Bewusstsein hinsichtlich der Übertragungswege ist in der Bevölkerung sicherlich auch besser geworden.“   

Möglicherweise deuten die aktuellen Daten darauf hin, dass noch nicht alle Übertragungswege ausreichend erforscht sind. Solange keine genaueren Erkenntnisse vorliegen, bleibt nur die Forderung der Schweizer Forscher nach mehr Aufklärung, mehr Risikobewusstsein, nach einer guten Hygiene und sichereren Sexualpraktiken.

Referenzen

Referenzen

  1. Kouyos RD, et al: Int. J. Epidemiol. (online) 22. Januar 2014
    http://dx.doi.org/10.1093/ije/dyt276
  2. Vermehren J, et al: PLOS one 2012;7(7):e41206
    http://dx.doi.org/10.1371/journal.pone.0041206

Autoren und Interessenkonflikte

Ulrike Walter-Lipow
Es liegen keine Interessenkonflikte vor.

Günthard HF: Beratungstätigkeit für GlaxoSmithKline, Abbott, Gilead, Novartis, Boehringer Ingelheim, Roche, Tibotec, Pfizer und Bristol-Myers Squibb sowie uneingeschränkte Forschungs- und Fortbildungszuwendungen von Roche, Abbott, Bristol-Myers Squibb, Gilead, Astra-Zeneca, GlaxoSmithKline und Merck Sharp & Dohme (sämtliche Gelder gingen an die Forschungseinrichtung)

Bernasconi E: Beratungstätigkeit für BMS, Gilead, ViiV Healthcare, Pfizer, MSD und Janssen, uneingeschränkte Forschungszuwendungen von Gilead, Abbott, Roche und MSD sowie Reisekosten von BMS, Boehringer Ingelheim, Gilead, MSD und Janssen

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