Kampf gegen die Adipositas: Kann Marktregulation den Fast-Food-Verzehr senken?

Gerda Kneifel | 7. Februar 2014

Autoren und Interessenkonflikte

„Wenn Regierungen nicht regulatorisch eingreifen, wird Fettleibigkeit
durch die unsichtbare Hand des Marktes weltweit weiter vorangetrieben mit den entsprechenden katastrophalen Folgen für Gesundheits-
systeme und ökonomische Produktivität.“
Prof. Dr. Roberto De Vogli

Zwischen dem Konsum von Fast Food und dem durchschnittlichen Body-Mass-Index (BMI) der Bevölkerung besteht eine positive Korrelation. Das ist eines der – eigentlich weniger überraschenden – Ergebnisse einer US-amerikanischen Studie von Prof. Dr. Roberto De Vogli vom Department of Public Health Sciences, University of California, und Kollegen, die am 3. Februar im Bulletin of the World Health Organization erschienen ist [1]. Die Studie zeigt auch: In Ländern mit stärkerer Marktregulation sind der durchschnittliche Konsum von Fast Food und der BMI niedriger.

Die Autoren fordern politische Maßnahmen: „Wenn Regierungen nicht regulatorisch eingreifen, wird Fettleibigkeit durch die unsichtbare Hand des Marktes weltweit weiter vorangetrieben mit den entsprechenden katastrophalen Folgen für Gesundheitssysteme und ökonomische Produktivität“, warnt De Vogli.

Die Forderung nach Marktregulation hält auch die Ernährungswissenschaftlerin Prof. Dr. Ursel Wahrburg von der FH Münster für sinnvoll. Und auch „dass eine Korrelation zwischen Fast-Food-Konsum und dem Body-Mass-Index besteht, halte ich für sehr wahrscheinlich. Den Weg der Ursachensuche halte ich dagegen wissenschaftlich für mehr als vage.“

Fast Food wirkt sich statistisch gesehen aufs Gewicht aus

Bislang stützten sich Untersuchungen zum Fast-Food-Konsum auf die Dichte von Fast-Food-Ketten beziehungsweise auf Selbstauskünfte der Konsumenten. In der vorliegenden Studie gingen die Autoren erstmals einen anderen Weg. Sie sammelten für den Zeitraum von 1999 bis 2008 Daten zum Pro-Kopf-Verkauf von Fast Food und Softdrinks in 25 OECD-Ländern und verglichen sie mit Zahlen zum durchschnittlichen BMI in diesem Zeitraum. Der Pro-Kopf-Verkauf ist definiert als die Anzahl verkaufter Mahlzeiten und Erfrischungen, die jährlich pro Person bei Fast-Food-Anbietern über die Theke gehen. Dazu zählen Fast-Food-Ketten wie McDonalds genauso wie Speiselokale und Imbisse [2].

„Im Einklang mit vorhergehenden Untersuchungen zeigt unsere Studie, dass in Staaten, die eine liberale Marktpolitik betreiben, sowohl der Fast-Food-Konsum als auch der durchschnittliche BMI stärker anstiegen.“
Prof. Dr. Roberto De Vogli

Es zeigte sich, dass der jährliche Pro-Kopf-Verbrauch an Fast Food im genannten Zeitraum von 26,61 auf 32,76 stieg. Der BMI stieg gleichzeitig von 25,8 auf 26,4. Damit komme der Anstieg des jährlichen Durchschnittskonsums um eine Einheit einem Anstieg des altersstandardisierten BMI um 0,0329 kg/m² während des Untersuchungszeitraums gleich, so die Autoren.

Völlig unterschiedliche Datengrundlagen

Es zeigte sich in der Studie aber auch, dass die Aufnahme tierischer Fette und die Gesamtkalorienzahl im Untersuchungszeitraum kaum zugenommen haben – bei gleichzeitig starkem Anstieg der Fettleibigkeit. Die Auswertung von Daten der United Nations Food and Agricultural Organization zeigte sogar einen leichten Rückgang bei der Aufnahme tierischer Fette von 212 kcal pro Kopf und Tag im Jahr 1999 auf 206 kcal im Jahr 2008. Auch die Gesamtkalorienzahl nahm innerhalb von 6 Jahren von 3.432 Kalorien im Jahr 2002 auf 3.437 Kalorien im Jahr 2008 nur unwesentlich zu.

„Die Aufnahme von tierischen Fetten und die Gesamtkalorienzahl scheinen keine signifikanten Mediatoren zu sein“, folgern die Wissenschaftler aus Kalifornien und fügen hinzu: „Das ist rätselhaft.“

Nicht für die Münsteraner Ernährungswissenschaftlerin Wahrburg: „Die Studie basiert auf Statistiken, die mit völlig unterschiedlichen Datengrundlagen arbeiten. Für ihre Angaben zum Konsum nutzen die Autoren Daten der Fast-Food-Hersteller, für die Fett- und Kalorienzufuhr greifen sie auf Agrarstatistiken zurück, die übrigens für sich genommen bereits sehr rohe Daten darstellen, da sie beispielsweise Exporte gar nicht berücksichtigen, die den Konsum im Lande schmälern. Es ist methodisch absolut nicht zulässig, solche grundverschiedenen Quellen miteinander zu vergleichen. Es ist sehr erstaunlich, dass diese Studie den Reviewprozess überlebt hat.“

„Die vorliegende Studie sollte zum Anlass genommen werden, endlich auch in Deutschland über Marktregulierung für Fast Food und Softdrinks zu diskutieren.“
Prof. Dr. Ulrich Keil

Den Vorschlag von De Vogli und Kollegen, das Fleisch in Fast Food abhängig von Tierhaltung und -fütterung zu untersuchen, um die fehlende Korrelation zum BMI zu erklären, hält Wahrburg für baren Unsinn. „Die Autoren vergessen völlig, dass ein großer Teil der Fettaufnahme auf versteckte pflanzliche Fette zurückzuführen ist, wie etwa das in die Diskussion geratene Palmfett in Fertigprodukten.“

Wahrburg lässt außer Zweifel, was für sie die Ursache von gestiegenem BMI und Adipositas ist: „Einzige Ursache eines übermäßigern BMI ist eine überkalorische Ernährung, also eine positive Energiebilanz. Diese ergibt sich aus der Tatsache, dass ein Hamburger zum Beispiel nicht nur eine hohe Energiedichte hat, sondern gleichzeitig auch eine schlechte Sättigung. Das wiederum führt dazu, dass Fast-Food-Konsumenten einfach mehr essen. Da spielt die Kalorienzahl eines Fast-Food-Gerichts gar nicht die ausschlaggebende Rolle.“ Hinzu kommt, dass in der Regel gleichzeitig Softdrinks mit erheblichem Zuckergehalt konsumiert werden.

Marktregulation ist wirksam

Ein weiteres Ergebnis der Studie bezieht sich auf Marktregulationen für die Lebensmittelindustrie – etwas, was die WHO schon seit längerem fordert. Die Autoren nutzten den Index wirtschaftlicher Freiheit (Index of economic freedom, IEF), der auf einer Skala von 1 bis 100 wirtschaftliche Freiheitsmerkmale bewertet, als statistische Variable, um den Zusammenhang zwischen Fast-Food-Konsum und BMI in Abhängigkeit der Marktbedingungen zu untersuchen. Sie konnten zeigen, dass der Anstieg des Fast-Food-Konsums in marktliberalen Ländern am stärksten ausfiel, also in Kanada (16,6 Einkäufe pro Kopf), Australien (14,7), Irland (12,3) und Neuseeland (10,1). Am niedrigsten war er hingegen in Ländern mit strikten marktregulatorischen Maßnahmen, wie in Italien (1,5), den Niederlanden (1,8), Griechenland (1,9) und Belgien (2,1).

„Es ist an der Zeit, die Lebensmittelindustrie in die Pflicht zu nehmen, Kindern ein Produktangebot zu machen, das sie nicht krank macht.“
Anne Markwardt

„Im Einklang mit vorhergehenden Untersuchungen zeigt unsere Studie, dass in Staaten, die eine liberale Marktpolitik betreiben, sowohl der Fast-Food-Konsum als auch der durchschnittliche BMI stärker anstiegen “; resümieren die Autoren. „Die Häufigkeit von Preiskontrollen und gesetzlichen Regulierungen ist negativ korreliert mit Adipositas.“ Allerdings, so schränken die Wissenschaftler ein, seien die Mechanismen, die diesen Einfluss ausmachen, nicht ausreichend untersucht und reflektiere der IEF vor allem die Perspektive von Investoren und Unternehmen.

Als Maßnahmen empfehlen die Autoren unter anderem:

  • ökonomische Anreize für die Produktion gesunder, frischer Nahrungsmittel,
  • Steuern oder andere finanzielle Hürden für Hersteller von Fertiggerichten und verarbeiteten Lebensmitteln mit hohem Salz-, Zucker oder Fettgehalten,
  • Kontrolle von Zahl und Art der Fast-Food-Angebote,
  • Kontrolle insbesondere der an Kinder gerichteten Werbung für Fast Food und Softdrinks und
  • effizientere Kennzeichnung der Inhaltsstoffe von Lebensmitteln.

Prof. Dr. Ulrich Keil

In Deutschland tut sich nichts

In Sachen Marktregulationen gehört Deutschland zu den Schlusslichtern in Europa. Zwar tun sich viele andere Länder auch schwer: In Großbritannien etwa wurde die Lebensmittelampel erfunden und eingeführt – aber nur auf freiwilliger Basis. Es existieren Werbeverbote für Kinderprodukte – allerdings nur im Kinderfernsehen. In Belgien wurde die weltweit erste Fettsteuer eingeführt – und nach einem Jahr wieder abgeschafft.

„Hierzulande passiert nichts“, rügt Prof. Dr. Ulrich Keil, Medizinische Fakultät der Universität Münster im Gespräch mit Medscape Deutschland. „Ich sehe keine echte Initiative – wenn man einmal von der Salz-Initiative der Deutschen Gesellschaft für Hypertonieforschung und der Deutschen Gesellschaft für Ernährung absieht. Im Gegenteil, hier werden die Grünen mit einem von der Fleischindustrie gesteuerten Aufschrei niedergeschrien, weil sie einen Veggie-Day ins Gespräch bringen, weil sie darüber sprechen wollen, einmal in der Woche auf Fleisch zu verzichten.“ Es müsse noch sehr viel Überzeugungsarbeit bei der Lebensmittelindustrie geleistet werden. „Die vorliegende Studie sollte zum Anlass genommen werden, endlich auch in Deutschland über Marktregulierung für Fast Food und Softdrinks zu diskutieren.“


Anne Markwardt

foodwatch etwa fordert seit 2012 Marketingbeschränkungen und Rezepturvorgaben für Kinderprodukte. „Die WHO fordert darüber hinaus Steuern und nationale Strategien zur Salz-, Fett- und Zuckerreduktion in allen Fertigprodukten“, berichtet Anne Markward, Expertin für Kinderlebensmittel von foodwatch gegenüber Medscape Deutschland. „In Deutschland ist diese politische Debatte aber noch nicht angekommen.“

Was Steuern auf Lebensmittel mit hohen Zucker-, Fett- oder Salzgehalten betrifft, positioniere sich foodwatch derzeit aber noch. Die diskutierten Konzepte seien sehr unterschiedlich und es müsse sichergestellt werden, dass höhere Preise auch tatsächlich eine Lenkungswirkung haben und nicht nur höhere Steuereinnahmen zum Ziel hätten.

Auch die Ärzteschaft ist gefordert. Im Vergleich zu Großbritannien etwa organisiere sie sich in Deutschland erst langsam, meinen sowohl Keil als auch Markwardt. Werbebeschränkungen für die Lebensmittelindustrie fordern aber mittlerweile Gesellschaften wie die Deutsche Adipositasgesellschaft, DiabetesDE und die Deutsche Gesellschaft für Kinder- und Jugendmedizin [3,4,5]. Markwardt geht in ihrer Forderung einen Schritt weiter: „Es ist an der Zeit, die Lebensmittelindustrie in die Pflicht zu nehmen, Kindern ein Produktangebot zu machen, das sie nicht krank macht.“

Referenzen

Referenzen

  1. De Volgi R, et al: Bulletin of the World Health Organization 2014;92:99-107A
    http://www.who.int/bulletin/volumes/92/2/13-120287/en/index.html
  2. UC Davis School of Medicine:
    Definition der Fast-Food-Transaktionen
    http://goo.gl/36c7ai
  3. DiabetesDE – Deutsche Diabetes-Hilfe: Kampagne „Diabetes STOPPEN – jetzt!“
    http://www.diabetes-stoppen.de/kampagne/unsere-forderungen/2-gesunden-lebensstil-foerdern
  4. Deutsche Gesellschaft für Kinder- und Jugendmedizin e. v. (DGKJ):
    Pressemitteilung: Werbung schauen macht Kinder dick. Kinderärzte fordern Werbebeschränkungen, 20. Oktober 2010
    http://www.dgkj.de/presse/meldung/meldungsdetail/werbung_schauen_macht_kinder_dick_kinderaerzte_fordern_werbebeschraenkungen/   
  5. Deutsche Adipositasgesellschaft: Schluss mit Kinderfang durch Dickmachermarketing!, 17. Mai 2013
    http://www.adipositas-gesellschaft.de/index.php?id=332&tx_dagmitteilungen_pi1[showUid]=84&cHash=4da913b79d0993e727e626a7dcced125

Autoren und Interessenkonflikte

Gerda Kneifel
Es liegen keine Interessenkonflikte vor.

De Vogli R, Wahrburg U, Keil U, Markwardt A: Es liegen keine Erklärungen zu Interessenkonflikten vor.

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