Soll der Arzt dem Patienten Interessenkonflikte offenbaren?

Ute Eppinger | 3. Februar 2014

Autoren und Interessenkonflikte

Die Wahl des Arztes ist Vertrauenssache. Doch das Vertrauen wird unterminiert, wenn der Verdacht aufkommt, dass der Arzt nicht nur das Patientenwohl im Auge hat. Eine der größten Unbekannten dabei sind die Verbindungen eines Arztes zur Pharmaindustrie. „Patienten können den Ratschlägen ihrer Ärzte nicht trauen, wenn wir unsere finanziellen Verbindungen mit Pharmafirmen verstecken und nicht offenlegen“, meint Dr. Leana Wen, Notfallmedizinerin an der George Washington University in Washington, D.C.

Wen nimmt im British Medical Journal kein Blatt vor den Mund [1]. Sie verweist auf eine Studie von Dr. Eric G. Campbel, nach der 94% der amerikanischen Ärzte Verbindung mit einer Pharmafirma oder zu einem Hersteller von medizintechnischen Geräten haben [2]. Unverständlich findet sie, dass Ärzte Interessenskonflikte anderen gegenüber offenlegen müssen, es aber keine Verpflichtung gebe, dies auch den Patienten gegenüber zu tun, „zumal es die Patienten sind, die am meisten davon betroffen sind“.

In Deutschland haben geschätzt 84% der Ärzte Beziehungen zur Pharmabranche


Dr. Christiane Fischer

Interessenkonflikte sind auch in Deutschland allgegenwärtig, wie Prof. Dr. Klaus Lieb und seine Kollegen eindrucksvoll nachgewiesen haben [3]. „Schätzungen von Transparency International gehen davon aus, dass 84% der Ärzte hierzulande Verbindungen zur Pharmaindustrie haben“, erklärt Dr. Christiane Fischer, Ärztliche Geschäftsführerin von MEZIS e.V („Mein Essen zahl´ ich selbst“), im Gespräch mit Medscape Deutschland.

Diese Zahl speise sich im Wesentlichen aus den ärztlichen Fortbildungen, die zu 80% gesponsert würden. Fischer findet Wens Initiative hervorragend. Zumal – wie Wen anführt – zahlreiche Studien wie die von Adriane Fugh-Berman belegten, dass diese Verbindungen „Forschungsergebnisse und die Verschreibungspraxis von Ärzten beeinflussen“ [4].


Dr. Peter Nienhaus

Als Beispiel führt Dr. Peter Nienhaus, Hausarzt in Minfeld und Vorsitzender des Hambacher Bundes freier Ärztinnen und Ärzte, die Markteinführung von Ticagrelor an: „Clopidogrel wurde jahrelang verordnet, es hat funktioniert und wird weiterhin funktionieren, es ist ein gutes Mittel.“ Gleichzeitig werde aber Ticagrelor als Nachfolger mit Macht in den Markt gedrückt.

Die Entscheidung für ein Mittel sollte immer wissenschaftlich orientiert sein, betont Nienhaus: „Wir haben unseren Patienten gegenüber eine Verantwortung und die Patienten sollten wissen, weshalb wir was verordnen. Und deshalb ist Transparenz wichtig.“ Im Grunde, bestätigt Nienhaus die Einschätzung Wens, sei eine permanente Auseinandersetzung mit dem Patienten notwendig.

Offenheit führt zu Vertrauen

Mehrere Studien haben gezeigt, dass Offenheit zu mehr Vertrauen und besseren Beziehungen führt. Nicht nur die Arzt-Patienten-Kommunikation verbessert sich, sondern auch die Patienten-Adhärenz hinsichtlich der Therapie-Empfehlungen [5,6].

„Schätzungen
von Transparency International gehen davon aus, dass 84% der Ärzte hierzulande Verbindungen zur Pharmaindustrie haben.“
Dr. Christiane Fischer

Das oft geäußerte Argument, Patienten könnten mit der Offenheit womöglich nicht umgehen, lässt Wen so nicht gelten. In ihrer Praxis hätten ihr vielmehr Patienten gesagt: „Weil Sie sich mir gegenüber so offen zeigen, weiß ich, dass ich ihnen trauen kann.“

Laut Wen schätzt das Institut of Medicine (IOM), dass „30% aller durchgeführten Untersuchungen und Behandlungen in den USA unnötig sind. Das entspricht unnötig ausgegebenen750 Milliarden Dollar jedes Jahr [7]. „Dieses zum Fenster hinausgeworfene Geld spiegelt auch den riesigen vermeidbaren Schaden für die Patienten wider“, so Wen. „Da muss man sich schon fragen: Wird ein Test vorgenommen, weil das im besten Interesse des Patienten liegt oder wird der Test gemacht, weil es dem Arzt nutzt?“

Roland Stahl, Sprecher der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV), gibt zu bedenken, dass in Deutschland ein ganz anderes Gesundheitssystem als in den USA besteht. „Die Aussagen und Folgerungen von Dr. Wen lassen sich deshalb nicht einfach übertragen, und ihre Vorschläge sind hier nicht anwendbar“, erklärt Stahl auf Nachfrage von Medscape Deutschland.

Er verweist auch auf die offensichtlich andere Einschätzung durch die Patienten hierzulande: „Zudem zeigen die hohen Zufriedenheitswerte der Patienten mit ihren Ärzten, dass hier eine Kultur des Vertrauens herrscht“, und ergänzt, dass sich die Ärzteschaft gleichwohl um Verbesserungen bemühe: „Bei den Anwendungsbeobachtungen hat die KBV ein Mehr an Transparenz gefordert, was ja jetzt auch per Gesetz festgeschrieben worden ist“, betont Stahl. Diese am 7. Juni 2013 beschlossenen Änderungen des Arzneimittelneuordnungsgesetzes (AMNOG) verschärfen die Berichtspflicht allerdings nicht in Richtung der Patienten [8].

Fortbildungs-Finanzierung aus gemeinsamem Industrie-Topf?

„Wir haben unseren Patienten gegenüber eine Verantwortung und die Patienten sollten wissen, weshalb wir was verordnen. Und deshalb ist Transparenz
wichtig.“
Dr. Peter Nienhaus

„Der Hartmannbund lehnt die finanzielle Beteiligung von Pharmaunternehmen an der wissenschaftlichen Fortbildung von Ärztinnen und Ärzten nicht grundsätzlich ab“, erklärt Michael Rauscher, Sprecher des Hartmannbundes gegenüber Medscape Deutschland. „Eine finanzielle Beteiligung muss aber unbedingt offen und transparent erfolgen“, betont Rauscher.

Ziel sollte es darüber hinaus sein, dass die Finanzierung nicht produktbezogen und nicht durch einzelne Unternehmen, sondern über einen von der Pharmaindustrie gespeisten Pool geschieht. „Dann ist ein unmittelbarer Einfluss, zum Beispiel zugunsten eines bestimmten Präparates oder einer bestimmten Firma, ausgeschlossen“, erklärt Rauscher. Insofern liege ein solcher Pool auch im Interesse der Pharmaindustrie, die damit belegen könne, dass es ihr um seriöse Wissenschaftsförderung gehe.

Das Argument, dass ohne Sponsoring der Pharmaindustrie Fortbildungen nicht möglich seien, hält Fischer allerdings für nicht wirklich stichhaltig. „Es gibt sehr gute Fortbildungen, an Universitäten beispielsweise. Da wohnt man dann eben nicht im Sterne-Hotel, sondern im Gästehaus.“ Und sie fügt hinzu: „Die Qualität einer Fortbildung misst sich nicht an der Sternezahl des Hotels, in dem sie stattfindet.“

„Es gibt sehr gute Fortbildungen, an Universitäten beispielsweise. Da wohnt man dann eben nicht im Sterne-Hotel sondern im Gästehaus.“
Dr. Christiane Fischer

Käuflich sind nur die Kollegen

Die eigene Käuflichkeit werde oft unterschätzt, betont Fischer. In einer von Prof. Dr. Klaus Lieb durchgeführten Umfrage unter 300 niedergelassenen Fachärzten meinte der Großteil der Befragten, gegenüber Beeinflussungsversuchen immun zu sein [9]. Als gar nicht beeinflussbar schätzten sich 9% ein, der Großteil (83%) glaubte, nur selten oder gelegentlich beeinflussbar zu sein. Lediglich 6% der Befragten hielten sich selbst für beeinflussbar.

Wurde allerdings gefragt, wie man die Kollegen einschätzt, zeigte sich, dass diese drei- bis viermal häufiger für beeinflussbar gehalten wurden. Die eigene Haltung im Umgang mit Pharmaunternehmen werde offensichtlich weitgehend unkritischer gesehen, folgern die Autoren.

Dabei wäre es sehr einfach, bestätigt Fischer die Erfahrungen Wens, die Interessenkonflikte offenzulegen. „Es liegen ja Disclosure-Formulare von Fachzeitschriften vor, die könnte man auf die Praxis adaptieren und dort seine Interessenkonflikte offenlegen. Das kann man dann den Patienten geben oder ein solches Formular, jährlich aktualisiert, im Wartezimmer aufhängen.“

Patienten, so ihre Erfahrung, könnten mit Ehrlichkeit sehr gut umgehen. „Unsere MEZIS-Erfahrung ist, dass Patienten es gut finden, wenn nach den Prinzipien der Rationalität und Evidenz verordnet wird und wenn sie wissen, dass ihr Arzt keine Gelder annimmt.“ Denn das, so Fischer, schaffe Vertrauen.

Nienhaus würde mögliche Interessenskonflikte zwar nicht in der Praxis aushängen, plant aber, auf der eigenen Homepage darauf hinzuweisen und seine Patienten zu ermutigen, das Gespräch mit ihm zu suchen.

Hoffen auf Transparenz-Kodex und Gesetzgeber

Künftig sollen in den USA die Verbindungen zwischen Ärzten und Industrie offengelegt werden. Im September 2014 startet der „Physician Payments Sunshine Act“. Er schreibt vor, dass alle Zahlungen dokumentiert werden müssen, die Mediziner von der Industrie erhalten.

„Es liegen ja Disclosure-Formulare von Fachzeitschriften vor, die könnte man auf die Praxis adaptieren und dort seine Interessen-
konflikte offenlegen.“
Dr. Christiane Fischer

In Deutschland hat der Verband forschender Pharma-Unternehmen im November 2013 einen Transparenz-Kodex des Dachverbandes der europäischen Pharmaverbände (EFPIA) übernommen, in dem sich die großen Konzerne freiwillig dazu verpflichten, von 2016 an alle Zuwendungen an Ärzte offenzulegen.

„Um einen wachsenden Einfluss der pharmazeutischen und Geräteindustrie auf die Medizin zu verhindern, müssen alle Zuwendungen der Industrie an Ärzte und weitere Beteiligte offengelegt werden“, bestätigt Samir Rabbata, Sprecher der Bundesärztekammer, auf Nachfrage von Medscape Deutschland. Es sei jedoch im Zusammenhang mit Forschung und Entwicklung lediglich „eine zusammengefasste Veröffentlichung ohne Nennung der individuellen Empfänger vorgesehen“ [10].

Und nach wie vor liegt in Fragen der strafrechtlichen Bewertung von Korruption im Gesundheitswesen der Ball bei der Politik. Der letzte Anlauf im Sommer scheiterte am Bundesrat, ein neuer der Großen Koalition ist geplant: „Die Ärzteschaft fordert die Politik auf, die rechtlichen Vorgaben für eine solche Regelung zu schaffen“, so Rabbata weiter. Sie sollten aber für alle Beteiligten im Gesundheitswesen gelten – also auch für die Hersteller von Arzneimitteln und Medizinprodukten und für Krankenkassenvertreter.

Referenzen

Referenzen

  1. Wen L: BMJ 2014;348:g167
    http://dx.doi.org/10.1136/bmj.g167
  2. Campbell E, et al: NEJM 2007;356:1742-1750
    http://www.nejm.org/doi/full/10.1056/NEJMsa064508
  3. Lieb K, Klemperer D, Ludwig WD (Hrsg): „Interessenkonflikte in der Medizin“. Hintergründe und Lösungsmöglichkeiten, Springer-Verlag, Berlin und Heidelberg 2011
  4. Fugh-Berman A, et al: PLoS Med 2007;4(4):e150
    http://dx.doi.org/10.1371/journal.pmed.0040150
  5. Pearson SD, et al: Arch Intern Med 2006;166:623-628
    http://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/16567600
  6. Goff SL, et al: J Gen Intern Med 2008;23:236-41
    http://dx.doi.org/10.1007/s11606-007-0470-3
  7. The Institute of Medicine (IOM): Best care at lower cost, 6. September 2012
    http://www.iom.edu/Reports/2012/Best-Care-at-Lower-Cost-The-Path-to-Continuously-Learning-Health-Care-in-America.aspx
  8. Kassenärztliche Vereinigung Nordrhein: Änderungen bei AMNOG-Verfahren und Anwendungsbeobachtungen, Juni 2013
    http://www.kvno.de/10praxis/10praxisinformationen/30onlinedienste/10newsletter/newsticker/ticker_0613/amnog/index.html
  9. Lieb K, et al: Dtsch Arztebl Int 2010;107(22): 392–8
    http://dx.doi.org/10.3238/arztebl.2010.0392
  10. Die forschenden Pharmaunternehmen: Transparenz contra Korruption, 18. Dezember 2013
    http://www.vfa.de/de/verband-mitglieder/transparenzkodex-der-pharmaindustrie/transparenz-contra-korruption.html

Autoren und Interessenkonflikte

Ute Eppinger
Es liegen keine Interessenkonflikte vor.

Fischer, C: Es liegen keine Interessenkonflikte vor.

Nienhaus P, Stahl R, Rabbata S, Rauscher M: Es liegen keine Erklärungen zu Interessenkonflikten vor.

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