Chirurgen befürworten Ski-Helm-Pflicht für alle – der Skiverband setzt auf Aufklärung

Ute Eppinger | 27. Januar 2014

Autoren und Interessenkonflikte

„Schifoan is' des Leiwandste was man sich nur vorstelln kann“, sang Wolfgang Ambros einst. Einige Millionen Skifahrer und Snowboarder sind da ganz seiner Meinung. Doch so sehr Skifahren und Snowboarden auch Spaß machen – beide Sportarten sind mit einem hohen Verletzungsrisiko assoziiert. Das hat nicht zuletzt der tragische Unfall von Michael Schumacher deutlich gemacht. „Zwischen neun und 19 Prozent der Wintersportverletzungen entfallen auf Kopfverletzungen”, schreiben Dr. Gerhard Ruedl, Sportwissenschaftler an der Universität Innsbruck, und seine Kollegen im British Journal of Sports Medicine [1]. Das Tragen eines Skihelms könne das Risiko von Kopfverletzungen um 60% reduzieren.


Alexander Selch

Andreas König, Sicherheitsexperte des Deutschen Skiverbandes (DSV) bestätigt im Gespräch mit Medscape Deutschland: „Innerhalb der letzten drei Jahre hat sich der Anteil der Kopfverletzungen bei Skiunfällen um ein Drittel auf 7,2 Prozent verringert.“ „Das Tragen eines Skihelms“, erklärt auch Alexander Selch, Geschäftsführer der uvex sports group, „hat zu einem deutlichen Rückgang der Kopfverletzungen geführt: um 1,5 Prozentpunkte allein von der Wintersaison 2011/2012 auf 2012/2013. In den Jahren 2008/2009 lag die Quote noch bei 10 Prozent.“

Doch wie bringt man Skifahrer und Snowboarder zum Helm? Helmpflicht oder doch eher Aufklärung?

Der Beweis, dass Helmpflicht effektiver als Aufklärung ist, steht noch aus

Als nicht notwendig stufen Ruedl und Kollegen eine Helmpflicht für Kinder ein – da diese, verglichen mit Jugendlichen und Erwachsenen – ohnehin die höchste „Helmrate“ aufwiesen [2]. Sollte sich ein Land aber für eine Helmpflicht entscheiden, müsste die Tragepflicht natürlich für alle gelten. Allerdings habe eine Umfrage unter 1.000 Wintersportlern ergeben, dass eine Helmpflicht auf eine deutlich geringere Akzeptanz treffe als Empfehlungen und Aufklärungskampagnen [3].

„Zwischen 9 und 19% der Wintersport-
verletzungen
entfallen auf Kopf-
verletzungen.“
Dr. Gerhard Ruedl

Bislang stehe der Beweis noch aus, dass eine Helmpflicht effektiver sei als Aufklärung, bilanziert Ruedl und schließt: „Aufklärungskampagnen und speziell die Vorbildfunktion von Eltern erreichen eine deutlich höhere Akzeptanz als eine gesetzliche Helmpflicht.“

Der Meinung ist auch Andreas König:„Wir setzen uns für das Tragen von Skihelmen ein, klären auf und hoffen, dass wir damit überzeugen. Uns ist es lieber, ein Helm wird aus Eigenverantwortung getragen.Reglementieren wir das Helmtragen, verlieren wir vielleicht den einen oder anderen Skifahrer.“

99% aller Kinder und zwischen 70 und 80% der Erwachsenen tragen einen Skihelm, so König. Bei den Zahlen handelt es sich zwar nur um Schätzungen des DSV, dennoch gäbe die hohe Tragequote dem DSV recht: Das regle sich von ganz alleine.


Dr. Jörg Ansorg

Risiko für Kopfverletzungen wird unterschätzt

Für eine Helmpflicht ist hingegen Dr. Jörg Ansorg, Hauptgeschäftsführer des Berufsverbandes der Deutschen Chirurgen, auf Nachfrage von Medscape Deutschland. „Ja, wir plädieren für eine solche Helmpflicht, nicht nur für Kinder, sondern auch für Erwachsene.“ Ein Ski-Unfall kann schreckliche Folgen wie Schädelbrüche oder Hirnblutungen haben. Der Helm ist die einfachste Möglichkeit, die Zahl solch schwerer Verletzungen zu verringern.

„Pro Saison verletzen sich immerhin rund 43.000 deutsche Skifahrer im In- und Ausland auf der Piste so schwer, dass sie in eine Klinik gebracht werden. Über 3000 von ihnen erleiden schwere Kopfverletzungen“, erklärt Ansorg. Bei einem schweren Schädel-Hirn-Trauma ist es nicht selten, dass der Patient bleibende Schäden davon trägt oder langwierige Rehabilitationsmaßnahmen erforderlich werden.

Emotionale Beteiligung trägt dazu bei, einen Helm aufzusetzen

Dr. Carla Jung, Fachärztin für Neurochirurgie an der Universität Heidelberg, hat untersucht, ob es einen Einfluss auf die Entscheidung pro oder contra Helm hat,wenn Personen Erfahrungen mit Schädel-Hirn-Traumata (SHT) aufweisen.Sie befragte 465 Neurochirurgen (NS) und 546 Kontrollpersonen (NTP), die weder Wissen noch Erfahrung mit SHT aufwiesen.Und stellte fest: Nach tödlichen Skiunfällen und der verstärkten Berichterstattung darüber kauften 15,4% der befragten Neurochirurgen und 13,2% der Kontrollpersonen Helme.

„Wir setzen uns
für das Tragen von Skihelmen ein, klären auf und hoffen,
dass wir damit überzeugen.“
Andreas König

Die durch eigene Erfahrungen oder durch die Medienberichte ausgelösten Emotionen bewogen offensichtlich zum Helmkauf. Jung plädiert deshalb dafür, emotionale Aspekte beim Werben für Schutzhelme zu berücksichtigen. Wie wichtig dieser emotionale Aspekt ist, schlägt sich direkt in den Verkaufszahlen nieder, bestätigt Selch.

Ihren Boom erlebten Skihelme nämlich nach dem Unfall des ehemaligen thüringischen Ministerpräsidenten Dieter Althaus, der am 1. Januar 2009 auf einer Skipiste in Österreich mit einer Frau kollidiert war. Die Skifahrerin trug keinen Helm und starb, Althaus erlitt schwere Verletzungen, die er dank seines Helms überlebte.

Inzwischen hat sich der Skihelm-Markt auf einem deutlich höheren Niveau stabilisiert als vor dem Althaus-Unfall. Und jüngste Ereignisse tragen dazu bei: „Die Leute sind sensibilisiert für die Gefahren, nicht zuletzt durch den Schumacher-Unfall“, bestätigt auch König.

Zahl der Verletzungen geht zwar zurück …

Die Pisten sind voller geworden, keine Frage. Doch führt das auch zu mehr Verletzten? Die Zahlen der Auswertungsstelle für Skiunfälle (ASU) sprechen eine andere Sprache. Demnach ist die Zahl derer, die nach einem Unfall stationär im Krankenhaus behandelt werden mussten – sie lag 2012/13 bei 3550 – historisch niedrig [5].

Während das Risiko einer Kopfverletzung in den letzten Jahren gesunken ist, stieg das Risiko, sich an Knie oder Schulter zu verletzen, leicht an. Seit Beginn der Erhebungen zur Saison 1979/80 verringerte sich die Zahl der Verletzten sogar um 58%. König wundert das kein bisschen: „Das ist wie beim Autofahren – sind die Straßen voll, fahren die Leute langsamer und vorsichtiger“.

„Wir plädieren für eine … Helmpflicht, nicht nur für Kinder, sondern auch für Erwachsene.“
Dr. Jörg Ansorg

… die Kollisionen hingegen nehmen zu

„Skipisten werden aber auch immer besser präpariert, das Material lässt immer höhere Geschwindigkeiten zu“, wendet Ansorg ein. Und während Skifahrer früher mit 20 bis 30 Stundenkilometern unterwegs waren, seien es heute, wenn die Strecke mal frei zu sein scheint, 40 bis 50 und in Spitzen auch 70 bis 80 Stundenkilometer. Gerade diese Geschwindigkeit führt jedoch zu schwereren Unfällen.

Hinzu kommt: Noch vor 20 Jahren waren Kollisionsunfälle die Ausnahme. Doch das hat sich grundlegend geändert: Laut ASU ist das Risiko für Kollisionsunfälle in der Saison 2012/2013 nochmal gestiegen und betrug nun 1,20 je 1.000 Skifahrer [5]. In der Saison 2012/2013 waren mehr als 16% aller Skiunfälle auf Kollisionen zurück zu führen. „Damit hat der Anteil der Kollisionen als Verletzungsursache den Rekordwert der Vorsaison abermals übertroffen“, heißt es im ASU-Bericht.

Weshalb ein Helm manchmal brechen muss

Entscheidend für das Verhalten des Helms im Falle des Sturzes ist nicht die Geschwindigkeit, sondern die Aufprallenergie und der Winkel, mit welchem der Skifahrer stürzt. „Im Fall Michael Schumachers kam es zu einer Verkettung vieler äußerst unglücklicher Faktoren“, betont König. Eine eher geringere Geschwindigkeit wurde abrupt gebremst, dann wurde der Fahrer auf einen spitzen Felsen geschleudert.

„Dass der Helm gebrochen ist, lässt keine Aussage über seine Qualität zu“, stellt König klar. Vielmehr habe der Helm seine Aufgabe erfüllt. Denn dass ein Helm – wie im Fall Schuhmacher – bricht, ist der Physik geschuldet. „Die Aufprallenergie wird beim Sturz auf die Helmschale verteilt, das EPS-Material im Helminneren hat das Äußerste an Energie absorbiert. Ist dieses Maß überschritten, ist der Bruch der Helmschale die letzte Möglichkeit, noch weitere Energie abzufangen, um den Kopf vor dem Schlimmsten zu bewahren“, erläutert Selch.

Ein guter Skihelm sollte unbedingt die Norm DIN EN 1077 aufweisen, die innen im Helm aufgedruckt ist. Es gebe immer noch Hersteller, die Helme ohne diese Norm verkaufen – die entsprächen jedoch dann nicht diesen gesetzlichen Skihelm-Sicherheitsvorschriften.

„Es gibt keinen stichhaltigen Grund, auf einen Helm zu verzichten.“
Andreas König

Skihelme gibt es in zwei Schutzklassen, beide sind gleich sicher: Bei Klasse A reicht der Helmschutz bis unters Ohr, Klasse B weist weichere Stellen auf und ist deshalb komfortabler zu tragen. „Bei den Profisportlern, vor allem in den Speeddisziplinen, wird immer nur Klasse A verwendet“, erklärt König.

Ein genormter Helm hat zur Qualitätskontrolle zwei Prüfungen bestanden: die Stoßdämpfungsprüfung, bei der die Aufprallenergie getestet wird und die Durchdringungsprüfung, die sicherstellt, dass keine spitzen Gegenstände durch die Belüftungsschlitze eindringen können.

Realistische Selbsteinschätzung ist der beste Schutz

„Es gibt keinen stichhaltigen Grund, auf einen Helm zu verzichten“, betont König. „Es bleiben Unbelehrbare, die behaupten, ihre Sicht sei durch das Helm tragen eingeschränkt. Oder sie führen so gut, dass sie keinen Helm brauchen. Alles Schmarrn“, stellt König klar.

Aber auch mit Helm gebe es keine 100-prozentige Sicherheit. Wenn es „blöd laufe“, seien schwere Verletzungen nicht zu vermeiden. Das A und O ist deshalb das eigene Können nie zu überschätzen und der Umgebung – Eisflächen, Sulz, volle Piste, Sichtverhältnisse – anzupassen.

Denn: Wer mit 25 Stundenkilometern, also eher gemächlich, mit einem anderen Wintersportler oder z.B. mit einem Baum kollidiert, trägt ähnliche Schäden davon wie nach einem Sturz aus zweieinhalb Metern Höhe.

Bei 50 Stundenkilometern entspricht die Kollisionswirkung einem Sturz aus 10 Metern. Und wer richtig schnell fährt, also mit 70, 80 Stundenkilometern, muss sich klar machen, dass die Aufprallenergie einem Sturz aus 25 Metern Höhe entspricht.

Auch Michael Schumacher war keineswegs schnell, sondern mit moderater Geschwindigkeit unterwegs gewesen.

Referenzen

Referenzen

  1. Ruedl G, et al: Br J Sport Med. 2012; 46:1091-1092
    http://dx.doi.org/10.1136/bjsports-2012-091374
  2. Ruedl G, et al: Scand J Med Sci Sports. 2012; 22:448-450
    http://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/22251133
  3. Ruedl G, et al: Sportverletz Sportschaden 2011; 25(4):211-215
    http://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/22161262
  4. Jung CS, et al: Acta Neurochir. 2011; 153:101–106
    http://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/20532575
  5. Auswertungsstelle für Skiunfälle (ASU): Unfälle und Verletzungen im alpinen Skisport. Zahlen und Trends 2012/2013
    http://www.ski-online.de/files/dsv-aktiv

Autoren und Interessenkonflikte

Ute Eppinger
Es liegen keine Interessenkonflikte vor.

Ruedl G, König A, Selch A, Ansorg J, Jung C: Es liegen keine Erklärungen zu Interessenskonflikten vor.

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