Noch ein Plus für die Mittelmeerdiät: Das Diabetes-Risiko sinkt – auch ohne Kalorienrestriktion

Dr. Ulrike Gebhardt | 17. Januar 2014

Autoren und Interessenkonflikte

Die Mittelmeerdiät steht hoch im Kurs. Zu Recht! Denn wie sehr einer Ernährungsumstellung mit einem hohen Anteil an Obst und Gemüse, Fisch, Olivenöl und Nüsse zuzuraten ist, belegt jetzt aufs Neue eine weitere Auswertung der multizentrischen, randomisierten Interventionsstudie PREDIMED aus Spanien: Das Risiko, an Typ-2-Diabetes zu erkranken, verringerte sich bei den Teilnehmern, die auf eine Mittelmeerdiät gewechselt hatten, um 30%. Dies obwohl den Teilnehmern keine Auflagen bezüglich der Energieaufnahme gemacht wurden.

Dieses klare Resultat ergab die Auswertung einer Untergruppe des vor 10 Jahren gestarteten „Prevenciòn con Dieta Mediterrànea trial“ (PREDIMED-Studie). Die aktuelle Analyse bezog sich auf 3.541 Personen im Alter zwischen 55 und 80 Jahren und wurde in den Annals of Internal Medicine veröffentlicht [1].

„Diese Studie ist ein Meilenstein für die Ernährungsforschung“, sagt Prof. Dr. Matthias B. Schulze vom Deutschen Institut für Ernährungsforschung in Potsdam/Nuthetal. Bisher gäbe es nur 2 große randomisierte Interventionsstudien aus Finnland und den USA, die sich mit den Auswirkungen einer fettarmen Diät  auf das Diabetes-Risiko der Studienteilnehmer beschäftigten. „Dank der spanischen Studie hat sich die Beweislage entscheidend verbessert und es wird deutlich, wie sehr eine Ernährungsumstellung das Diabetes-Risiko absenken kann“, sagt Schulze.

„Diese Studie ist ein Meilenstein für die Ernährungsforschung.“
Prof. Dr. Matthias B. Schulze

Die spanischen Forscher um Prof. Dr. Jordi Salas-Salvadò von der Universität Rovira i Virgili im spanischen Reus hatten die Studienteilnehmer für ihre Untersuchung zufällig in 3 Gruppen aufgeteilt. In der ersten ernährten sich die über 1.000 Personen typisch mediterran, wobei der Essensplan täglich durch eine Extraportion natives Olivenöl angereichert wurde. Die zweite Gruppe stieg ebenfalls auf eine Mittelmeerdiät um und wurde angehalten, jeden Tag zusätzlich 30 Gramm Nüsse zu verzehren. Als Kontrolle dienten 1.147 Teilnehmer, die aufgefordert wurden, als einzige Veränderung ihres bisherigen Essverhaltens weniger Fett zu sich zu nehmen. In keiner der Gruppen wurden die Teilnehmer angehalten, sich mehr zu bewegen oder auf die zugeführte Kalorienmenge zu achten.

Die „Ölvariante“ der Mittelmeerdiät senkt Diabetes-Risiko am besten

Im Durchschnitt bis gut 4 Jahre nach dem Start der Studie waren Nachuntersuchungen möglich, bei denen den Teilnehmern Blut- und Urinproben abgenommen wurden. Das Körpergewicht der Frauen und Männer änderte sich in dieser Zeit nur geringfügig. Insgesamt erkrankten 273 Personen während des Follow-up neu an einen Typ-2-Diabetes. 80 in der Gruppe „Mediterran plus Öl“, 92 in der Gruppe „Mediterran plus Nüsse“ und 101 in der Kontrollgruppe. Im Vergleich zur Kontrolle senkte sich das Risiko an Diabetes zu erkranken daher in der ersten Gruppe um 40% in der zweiten um 18%.

„Dank der spanischen Studie … wird deutlich, wie sehr eine Ernährungsumstellung das Diabetes-Risiko absenken kann.“
Prof. Dr. Matthias B. Schulze

Typisch für die mediterrane Ernährung ist die Tatsache, das die aufgenommene Menge an Fett moderat ist (35 bis 40% der Gesamtenergie) und dabei hauptsächlich über Olivenöl und Nüsse aufgenommen wird. Deren prozentual vergleichsweise hoher Anteil an ungesättigten Fettsäuren ist wahrscheinlich (mit)verantwortlich für den präventiven Effekt der Diät. „Nüsse und Olivenöl unterscheiden sich aber in ihrer Fettzusammensetzung. Die spanische Studie spricht für einen besseren Effekt durch das Olivenöl“, sagt Prof. Dr. Michael Ristow vom Energy Metabolism Laboratory an der ETH Zürich. Vor allem 2 positive Aspekte seien daher an der Untersuchung besonders hervorzuheben, sagt Ristow: „Die Studie ist groß – und sie betrachtet die Effekte durch die gesteigerte Aufnahme von Olivenöl und von Nüssen getrennt.“

„Weil sich in der spanischen Studie die mediterrane Diät im Vergleich zur fettreduzierten Kontrolle überlegen zeigt, könnte der beobachtete Effekt sogar weniger auf die mediterrane Kost an sich sondern eher auf den hohen Fettgehalt in der Nahrung zurückzuführen sein“, sagt Ristow.

Der Zürcher Forscher beschäftigt sich in seiner Arbeitsgruppe mit der Rolle der Mitochondrien im Stoffwechsel einer Zelle. „Um Fett in Energie umzusetzen sind Mitochondrien notwendig, Kohlenhydrate dagegen werden ohne deren Unterstützung verstoffwechselt“, sagt Ristow.

Keine Angst vor freien Radikalen

„Die spanische Studie spricht für einen besseren Effekt durch das Olivenöl.“
Prof. Dr. Michael Ristow

Bei ihrer Aktivität produzierten die Mitochondrien freie Radikale, die entgegen der landläufigen Meinung hier nicht gefährlich sondern gesundheitsfördernd seien. „Diese geringen Mengen freier Radikale funktionieren ähnlich wie eine Impfung. Sie setzen Schutzvorgänge in der Zelle in Gang, die sie widerstandsfähiger gegen exogenen Stress macht“, erklärt Ristow.

Es könnte also für eine Ernährung, die einem Typ-2-Diabetes entgegenwirken soll, ein entscheidender Faktor sein, den Kohlenhydratanteil in der Nahrung zu verringern, denjenigen der pflanzlichen Fette hingegen zu erhöhen. Denn bei der Entstehung des Typ-2-Diabetes sind wahrscheinlich zellulärer Stress, Oxidation und Entzündungsprozesse beteiligt, denen dadurch entgegengewirkt wird.

Die Ergebnisse einer aktuellen Studie von Forschern des Max-Delbrück-Centrums für Molekulare Medizin stützen exakt diese Hypothese und Empfehlung. Darin hatte eine fettreiche und trotzdem kalorienarme Kost bei Maus und Mensch die Insulinempfindlichkeit der Bauchspeicheldrüsenzellen verbessert [2].

Der Erfolg ist belegt, die Praktikabilität (noch) nicht

Ob der in der spanischen Studie nachgewiesene Effekt allein auf die Steigerung der Aufnahme pflanzlicher Fette zurückzuführen ist, bleibt aber noch ungeklärt. „Die Mittelmeerdiät enthält eine Fülle verschiedener Nahrungsmittel und damit vielfältige wirksame Komponenten, die vor Diabetes schützen könnten“, sagt Schulze. „Welche Substanzen im Einzelnen für die positiven Effekte verantwortlich sind, weiß man noch nicht, bisher gibt es lediglich Anhaltspunkte“, erklärt der Epidemiologe.

„Diese geringen Mengen freier Radikale funktionieren ähnlich wie eine Impfung.“
Prof. Dr. Michael Ristow

Neben den Fettsäuren kommen etwa die Gruppe der Polyphenole in Betracht. Diese entfalten unter anderem auch eine entzündungshemmende Wirkung und wirken so ebenfalls einer Insulinresistenz entgegen, wie sie im Rahmen eines Typ-2-Diabetes auftritt.

Eine Ernährungsumstellung macht also Sinn. Doch wie diese rein praktisch ablaufen kann, hängt auch vom Kulturkreis ab, in dem die Menschen leben. „Die Studie ist sehr auf die Gewohnheiten der Spanier ausgerichtet“, sagt Matthias Schulze. In Deutschland sei das Essverhalten traditionell anders geprägt.

Das Thema „Vollkorn“ tauche beispielsweise in der spanischen Studie gar nicht auf, sei für Deutschland mit seinem hohen Brotkonsum aber essentiell. Ebenso muss es nicht um jeden Preis Olivenöl sein. „Es wäre zu prüfen, ob der Schutzeffekt nicht ebenso mit Rapsöl oder anderen Pflanzenölen, die einen hohen Anteil an ungesättigten Fettsäuren enthalten, funktioniert“, sagt der Epidemiologe aus Potsdam.

Referenzen

Referenzen

  1. Salas-Salvadò J, et al: Ann Intern Med (online) 7. Januar 2014
    http://annals.org/article.aspx?articleid=1811025
  2. Tattikota SG, et al: Cell Metabolism 2013; 19(1):122-134
    http://www.cell.com/cell-metabolism/retrieve/pii/S1550413113004646

Autoren und Interessenkonflikte

Dr. Ulrike Gebhardt
Es liegen keine Interessenkonflikte vor.

Schulze M, Ristow M: Es liegen keine Interessenkonflikte vor.

Salas-Salvadò J: Es liegen keine Angaben zu Interessenskonflikten vor.

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