Handy am Steuer: Hohes Unfallrisiko vor allem für Fahranfänger

Michael Simm | 13. Januar 2014

Autoren und Interessenkonflikte


Dr. Sheila G. Klauer
Credit: Virginia Tech

Insbesondere Führerscheinneulinge, die im Auto telefonieren, laufen Gefahr, Unfälle oder Beinahe-Unfälle zu verursachen, berichtet im New England Journal of Medicine ein Forscherteam um Erstautorin Dr. Sheila G. Klauer vom Virginia Tech Transportation Institute, Blacksburg, USA.

„Nicht sonderlich überraschend“ findet Hans-Ulrich Sander, Kraftfahrtexperte beim TÜV Rheinland, dieses Ergebnis. „Die Reaktionszeiten beim Hantieren mit dem Handy verlängern sich, Hindernisse werden leichter übersehen“, so Sander gegenüber Medscape Deutschland. Deshalb sei es auch konsequent und richtig, dass Mobiltelefone im fahrenden Auto in Deutschland ausschließlich mit einer Freisprecheinrichtung benutzt werden dürfen. „Diese entbindet den Fahrer natürlich nicht von der Sorgfaltspflicht, wobei auch die Gesprächsführung durchaus ablenkenden Charakter haben kann.“

Fahranfänger durch „Sekundärtätigkeiten“ stärker gefährdet

Für die Studie waren 42 Autos von jugendlichen Fahranfängern und 109 Wagen von erfahreneren Erwachsenen mit moderner Überwachungstechnik ausgestattet worden. An Bord befanden sich jeweils 1 Beschleunigungsmesser, 4 Kameras, 1 GPS-System, 1 nach vorne gerichteter Radar und 1 Sensor zur Erfassung der Fahrspur. Nach Ausschluss von fremdverschuldeten Unfällen sowie Müdigkeit und Alkohol am Steuer konnten die Forscher mit diesem Instrumentarium 73 Unfälle und 612 Beinahe-Unfälle dokumentieren.

Diese waren zwischen den 2 Studiengruppen ungleich verteilt: Die 42 Fahranfänger – sie waren durchschnittlich 16,4 Jahre alt und hatten ihren Führerschein zu Beginn der Studie gerade einmal 3 Wochen – verursachten 31 Unfälle und 136 Beinahunfälle. Bei den 109 durchschnittlich 36 Jahre alten Fahrern der Vergleichsgruppe, die ihren Führerschein im Mittel 20 Jahre lang hatten, kam es zu 42 Unfällen und 476 Beinaheunfällen. Kein einziger dieser Unfälle war tödlich verlaufen, und es gab auch keine schweren Verletzungen, wie die Autoren anmerken.

„Die Reaktionszeiten beim Hantieren
mit dem Handy verlängern sich, Hindernisse werden leichter übersehen.“
Hans-Ulrich Sander

Klauer und ihre Mitarbeiter suchten nun nach Korrelationen zwischen diesen Unfällen und dem Verhalten der Fahrer. Sie zeigten dafür jeweils 2 Analysten die Videoaufnahmen aus dem Fahrzeug unmittelbar vor dem Ereignis und ließen sie das Verhalten der Fahrer klassifizieren. Das Risiko für unfallträchtige Situationen und echte Unfälle war demnach unter den jugendlichen Fahrern massiv erhöht, wenn sie zuvor am Handy eine Nummer gewählt hatten (Quotenverhältnis, OR 8,32), wenn sie nach dem Telefon gegriffen hatten (OR 7,05) oder nach einem anderen Objekt (OR 8,00).

Ebenfalls deutlich erhöht war das Risiko jener Neulinge, die auf dem Phone Textnachrichten versandt oder empfangen hatten (OR 3,87), aber auch, wenn sie zum Straßenrand schauten (OR 3,90) oder aßen (OR 2,99). Auch für die älteren Fahrer scheint das Handy ein Risikofaktor zu sein. Mit einem Quotenverhältnis von 2,49 für das Wählen eine Nummer oder 1,37 für den Griff zum Telefon war die Gefahr jedoch deutlich geringer als bei den Anfängern.

Mit wachsender Fahrpraxis steigt zunächst die Ablenkung

Mit Stichproben ermittelten Klauer und Kollegen auch, wie oft die Fahrer sich den „Sekundärtätigkeiten“ widmeten: In beiden Gruppen geschah dies in etwa 10% aller erfassten Zeiträume. Bei den Neulingen glaubt Klauer ein Muster zu erkennen: „Fahranfänger widmen sich im Laufe der Zeit zunehmend häufiger den hochriskanten Sekundärtätigkeiten, während sie sich an das Fahren gewöhnen“, sagt Klauer. Dies sei „besorgniserregend, denn es scheint ein wichtiger Faktor zu sein, der zu den Unfällen und Beinaheunfällen beiträgt“.

Die Daten zeigen, dass die Jugendlichen sich im Vergleich zu den Älteren während der ersten 6 Monate ihrer Fahrpraxis seltener ablenken ließen. Zwischen dem 7 und 15 Monaten verrichten die Jugendlichen etwa gleich viele Sekundärtätigkeiten wie erfahrene Verkehrsteilnehmer, und in den letzten 3 Monaten der Studie hatte sich die Häufigkeit riskanter Verhaltensweisen dann nochmals verdoppelt.

In den USA, wo Jugendliche bereits mit 16 Jahren ans Steuer dürfen, repräsentieren die unter 20-Jährigen lediglich 6,4% aller Fahrer. Sie verursachen jedoch 11,4% aller tödlichen Unfälle und 14% aller Unfälle mit Verletzten.

Methodische Mängel der Studie

Zu den Schwachpunkten der Studie gehört, dass die Unfälle nicht auf die gefahrenen Kilometer oder die Stunden am Steuer umgerechnet wurden. Tatsächlich hat man 2 Untersuchungen zusammengeführt, bei denen die Fahrer an verschiedenen Orten sowie in unterschiedlichen Zeiträumen unterwegs waren. Die Jugendlichen fuhren im Südwesten Virginias in den Jahren 2006 bis 2008, die Älteren dagegen in Washington D.C. zwischen 2003 und 2004. De facto lag die Erfassung der älteren Fahrer im Raum Washington schon so weit zurück, dass Textnachrichten auf dem Handy damals noch fast keine Rolle spielten und daher auch nicht erfasst wurden.

Die Schlussfolgerung, mit der die Autoren ihren Artikel beenden, dürfte dennoch wenig Widerspruch ernten: „Unsere Ergebnisse weisen darauf hin, dass sekundäre Tätigkeiten wie das Wählen von Telefonnummern und die Beschäftigung mit SMS, bei denen der Fahrer nicht auf die Straße schaut, vor allem für Führerscheinneulinge einen beträchtlichen Risikofaktor für Unfälle und Beinahe-Unfälle darstellen.“

Referenzen

Referenzen

  1. Klauer SG, et al: NEJM 2014;370:54-59
    http://dx.doi.org/10.1056/NEJMsa1204142

Autoren und Interessenkonflikte

Michael Simm
Es liegen keine Interessenkonflikte vor.

Klauer SG, Sander H-U: Es liegen keine Interessenskonflikte vor.

Wir bitten darum, Diskussionen höflich und sachlich zu halten. Beiträge werden vor der Veröffentlichung nicht überprüft, jedoch werden Kommentare, die unsere Community-Regeln verletzen, gelöscht.