In den Startlöchern: Was bringt die ambulante spezialfachärztliche Versorgung?

Ute Eppinger | 23. Dezember 2013

Autoren und Interessenkonflikte


Dr. Regina Klakow-Franck

Düsseldorf – Anfang des Jahres 2012 wurde der Paragraf 116b des Sozialgesetzbuchs V neu gestaltet. Niedergelassene Fachärzte und Klinikärzte sollen durch die ambulante spezialfachärztliche Versorgung (ASV) komplexe, schwer therapierbare Erkrankungen behandeln können – und zwar zu den gleichen Konditionen wie Kliniken. Der Gemeinsame Bundesausschuss (G-BA) gibt einheitliche Qualitätsstandards vor. Wie weit ist die ASV schon gediehen? Ab wann können sich interessierte Niedergelassene und Kliniken beteiligen? Welche Fragen sind noch offen? Auf der MEDICA äußerte sich dazu Dr. Regina Klakow-Franck, unparteiisches Mitglied im G-BA und Vorsitzende des zuständigen Unterausschusses.

Medscape Deutschland: Was war die Intention für die Neuregelung des Paragrafen §116b?

Dr. Klakow-Franck: Ziel war, das bisher ausschließlich von Kliniken vorgehaltene Versorgungsangebot nicht einfach nur für Vertragsärzte zu öffnen, sondern daraus einen neuen, sektorenübergreifenden Versorgungsbereich zu entwickeln. Die Politik hat dem G-BA im SGB V einen entsprechenden Auftrag erteilt.

Die ASV-Richtlinie des G-BA regelt verbindlich die Anforderungen, die grundsätzlich für schwere Verlaufsformen von Erkrankungen mit besonderen Krankheitsverläufen, seltene Erkrankungen und Erkrankungszustände mit entsprechend geringen Fallzahlen sowie hochspezialisierte Leistungen gleichermaßen gelten. Leistungen, die im Rahmen der ASV von ASV-Berechtigten erbracht werden dürfen, werden für jede Erkrankung abschließend festgelegt. Der G-BA soll außerdem eine einheitliche Vergütungssystematik für die ASV entwickeln.

Medscape Deutschland:Was spricht denn für die ASV?

Dr. Klakow-Franck: Sie war in der vergangenen Legislaturperiode der einzige echte Impuls für eine sektorenübergreifende Weiterentwicklung der Versorgung. Meines Erachtens ist es von Vorteil, dass es bei der ASV bis auf weiteres keine Selektivverträge gibt, sondern dass sie auf Kollektivvertragsbasis eingeführt wird. Dadurch soll ein Qualitätswettbewerb anstelle eines Preiswettbewerbs initiiert werden.

„Für niedergelassene Spezialisten und Krankenhäuser ist es attraktiv, dass die ASV "add on" vergütet wird.“
Dr. Regina Klakow-Franck

Für niedergelassene Spezialisten und Krankenhäuser ist es außerdem attraktiv, dass die ASV „add on“ vergütet wird. Und für Patienten bietet die ASV die Chance auf einen besseren Zugang zu einer gleichzeitig hochspezialisierten und interdisziplinär abgestimmten Versorgung. Dies ist der Hauptgrund, warum der § 116b vor rund zehn Jahren überhaupt eingeführt wurde.

Medscape Deutschland: Krankenhäuser monieren, man kooperiere doch ohnehin und es laufe doch alles, dazu brauche man keine ASV. Was halten Sie von diesem Einwand?

Dr. Klakow-Franck: In einigen Regionen mag das durchaus zutreffen. Es gibt aber auch Gebiete und ganze Bundesländer, in denen das §116b-Leistungsangebot nicht zur Verfügung steht, weder auf Basis von Kooperationen, noch im Rahmen der Krankenhausversorgung. Insbesondere von Krankenhausseite wird außerdem kritisiert, dass die Umsetzung der ASV künftig zu bürokratisch sei, speziell was die Abrechnung der Leistungen anbelangt.

Zwar wurden bereits in der Vergangenheit die §116b-Leistungen nach EBM vergütet. Die zukünftig gleichberechtigte Teilnahme der Vertragsärzte an der ASV und die Notwendigkeit der Budgetbereinigung hat jedoch die vorhersehbare Konsequenz, dass Krankenhäuser viel stärker als bisher mit EBM-Vorgaben und den Abrechnungsmodalitäten in der vertragsärztlichen Versorgung konfrontiert werden. Der G-BA beschreibt im Rahmen der ASV-Richtlinie jeweils den diagnose- und fachgebietsspezifisch abrechnungsfähigen Behandlungsumfang auf Basis der EBM-Gebührenpositionen.

„Für Patienten bietet die ASV die Chance auf einen besseren Zugang zu einer gleichzeitig hochspezialisierten und interdisziplinär abgestimmten Versorgung.“
Dr. Regina Klakow-Franck

Theoretisch sollte sich das später in einer nutzerfreundlichen Abrechnungssoftware umsetzen lassen. Aber die Abrechnung zu operationalisieren, die Abrechnungsbestimmungen festzulegen und die Vergütung gegebenenfalls anzupassen ist nicht mehr Sache des G-BA, sondern des dreiseitig zusammengesetzten ergänzten Bewertungsausschusses beziehungsweise der Vertragspartner, also von GKV-Spitzenverband, Kassenärztlicher Bundesvereinigung und Deutscher Krankenhausgesellschaft.

Medscape Deutschland: Das Zulassungsverfahren zur ASV wurde auf ein Anzeigeverfahren umgestellt, wie funktioniert das jetzt?

Dr. Klakow-Franck: Künftig können interessierte Krankenhäuser oder niedergelassene Fachärzte mit entsprechenden Qualifikationsnachweisen beim erweiterten Landesausschuss die Teilnahme an der ASV beantragen. Wenn der Ausschuss dann innerhalb von zwei Monaten dem Antrag nicht widerspricht, können ASV-Leistungen zu Lasten der Gesetzlichen Krankenversicherung erbracht werden. Der Zugang ist damit vergleichsweise einfach geregelt. Zudem hat der Gesetzgeber einen monetären Anreiz geschaffen, da die ASV-Leistungen extrabudgetär vergütet werden.

Medscape Deutschland: Bislang musste die hochspezialisierte Versorgung quasi „unter einem Dach“ gewährleistet sein. Der G-BA hat das modifiziert, richtig?

Dr. Klakow-Franck: Es geht nicht nur um eine hochspezialisierte Versorgung, sondern vor allem auch um eine Versorgung in interdisziplinären Teams. Bislang hatten nur Krankenhäuser ein vergleichbares Angebot. Doch welche Möglichkeiten bietet die ASV für vertragsärztliche Spezialisten? Müssen diese Leistungserbringer ihr interdisziplinäres Team ebenfalls „unter einem Dach“ führen? Am Anfang der Beratungen war das eine Forderung der Krankenkassen. Dann hätte dafür eigens ein Medizinisches Versorgungszentrum oder eine vergleichbare Einrichtung gegründet werden müssen.

Man hat sich schließlich darauf geeinigt, ein MVZ nicht zwingend vorzuschreiben, sondern auch vernetzte Strukturen zu ermöglichen. Das begrüße ich sehr, denn das ist näher an der Versorgungsrealität dran. Gemeint ist damit nicht nur eine Vernetzung von Vertragsärzten, sondern auch eine Vernetzung von Vertragsärzten und Krankenhäusern oder von mehreren Kliniken. Solche Strukturen werden als Leistungskooperationen bezeichnet.

Medscape Deutschland: Wie soll eine solche Leistungskooperation aussehen?

„Es geht nicht
nur um eine hochspezialisierte Versorgung, sondern vor allem auch um eine Versorgung in interdisziplinären Teams.“
Dr. Regina Klakow-Franck

Dr. Klakow-Franck: Wir haben das niederschwellig angelegt, ohne dass das Risiko einer lediglich „virtuell“ vorhandenen Kooperation eingegangen wird. Das ASV-Team muss keine Berufsausübungsgemeinschaft gründen, aber einen schriftlich fixierten privatrechtlichen Vertrag eigener Art abschließen. Aus diesem Kontrakt muss hervorgehen, dass die Vorgaben in den diagnosespezifischen Anlagen der Richtlinie des G-BA eingehalten werden. Etwa bei der Behandlung von gastrointestinalen Tumoren im Rahmen der ASV müssen ein Gastroenterologe und ein Hämato-Onkologe kooperieren. Diese obligatorischen Mitglieder des sogenannten Kernteams müssen in einem solchen Vertrag ihre Kooperationsbereitschaft festschreiben.

Allerdings wird eine solche Benennung des Kernteams künftig auch für Krankenhäuser notwendig sein. Bislang war es ja ausreichend, dass Krankenhäuser den Zulassungsbehörden gegenüber bestimmte Fachabteilungen nachgewiesen haben. Künftig muss namentlich benannt werden, wer im ASV-Team beispielsweise für Gastroenterologie oder für Hämato-Onkologie zuständig ist. Die Kooperationsvereinbarungen regeln nicht nur die Zusammenstellung eines Teams, sondern auch die Gewährleistung der sächlichen und organisatorischen Leistungen, etwa wenn diagnosespezifisch eine Intensivstation oder ein 24-Stunden-Notfall-Labor bereitgehalten werden muss, einschließlich einer vorgegebenen Frist zu dessen Erreichbarkeit.

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Referenzen

  1. MEDICA, 20. bis 23. November 2013, Düsseldorf
    Klakow-Franck R: Ambulante spezialfachärztliche Versorgung (21.11.2013)
    http://www.medica.de

Autoren und Interessenkonflikte

Ute Eppinger
Es liegen keine Interessenkonflikte vor.

Klakow-Franck R: Es liegen keine Interessenkonflikte vor.

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