EUROCARE-5: Bei den Überlebensraten nach Krebs gehört Deutschland zur Spitze

Gerda Kneifel | 19. Dezember 2013

Autoren und Interessenkonflikte

Krebspatienten in Europa überleben heute ihre Krankheit länger als noch vor 5 Jahren. Dies gilt unabhängig von der Krebsart und unabhängig vom Land, in dem sie leben. Soweit die gute Nachricht der größten europäischen Krebsstudie EUROCARE-5, die in The Lancet Oncology veröffentlicht worden ist [1,2].

Die schlechte Nachricht ist: Es gibt noch immer große Unterschiede zwischen den Ländern. Insbesondere im Osten Europas sind die 5-Jahres-Überlebensraten deutlich niedriger als im Westen.

„Vermutlich liegt
das gute Abschneiden Deutschlands auch
an der sehr guten Infrastruktur und
der Vielzahl an spezialisierten Zentren, die eine optimale Versorgung gewährleisten können.“
Prof. Dr. Alexander Katalinic

„Die Ergebnisse der Studie sind auf gesundheitspolitischer Ebene wichtig, aber man muss bedenken, dass damit nicht die Gründe für diese Unterschiede offen gelegt sind“, gibt Prof. Dr. Alexander Katalinic von der Universität Lübeck und Mitglied im Steuerungsgremium der EUROCARE-Gruppe, zu bedenken. 

Die Überlebenschancen steigen

Die bevölkerungsbezogene Studie EUROCARE-5 (European Cancer Registry based Study on Survival and Care of Cancer Patients) wurde 1989 in Italien ins Leben gerufen und wird seither alle 5 Jahre unter der Koordination des Istituto Superiore di Sanita, Rom, durchgeführt [3]. Bei der diesjährigen Erhebung wurden 21 Millionen Diagnosen zu 10 Krebsarten aus 107 Krebsregistern ausgewertet. In die Untersuchung gingen die Daten von mehr als 9 Millionen Erwachsenen und mehr als 60.000 Kindern mit Krebs aus 29 Ländern ein, deren Diagnosen zwischen 2000 und 2007 gestellt worden waren.

Deutschland und die skandinavischen Länder – ausgenommen Dänemark – sowie kleinere Länder wie die Schweiz, Österreich oder auch Malta belegen Spitzenpositionen. Die Ergebnisse im Osten des Kontinents sind dagegen weniger erfreulich – obgleich auch hier eine Verbesserung in den vergangenen 5 Jahren erzielt worden ist.

„In Deutschland
gibt es noch große Potenziale in Bezug auf Früherkennung.“
Prof. Dr. Hermann Brenner

So liegen Länder wie Bulgarien, Estland, Litauen, Polen und die Slowakei bezogen auf die 5-Jahres-Überlebensrate bei sämtlichen Krebsarten deutlich unter dem europäischen Durchschnitt: beim Non-Hodgkin-Lymphom, Prostatakrebs und Rektumkarzinom sogar um mehr als 10%. Am besten schneiden diese Länder bei Lungen-, Brust- und Nierenkrebs ab, hier liegen sie lediglich rund 3% unter dem Durchschnitt.

„Den größten Einfluss auf die schlechteren Ergebnisse in Osteuropa haben unter anderen Kürzungen im Bereich der Krebsvorsorge, ein Mangel an nationalen Krebsprogrammen, inadäquater Zugang zu Screening-Programmen und modernen Behandlungsprotokollen“, vermuten die Autoren der Studie. „In diesen Ländern ist man einfach von einer anderen Position aus gestartet“, so Katalinic. „Es gilt, diesen Abstand nun weiter zu verkleinern. Das ist die wichtigste Konsequenz, die wir aus EUROCARE ziehen müssen.“

Eine wenig rühmliche Ausnahme in Zentral- und Nordeuropa bilden Großbritannien und Irland. Die Länder liegen vor allem bei Darmkrebs (5-Jahres-Überlebensraten 52 vs. 57%) und  Eierstockkrebs (31% vs. 38%) sowie Nierenkrebs (48% vs. 61%) deutlich unter europäischem Durchschnitt. Bei anderen Krebsarten ist der Abstand weniger klar zu fassen.

Die Studienautoren sehen als Hauptursache für das vergleichsweise schlechte Abschneiden Großbritanniens sowie Dänemarks Verzögerungen bei der Diagnosestellung.

Teilnahme an EUROCARE ist der Ritterschlag für Krebsregister

„Von den rund 9 Millionen neu an Krebs erkrankten Studienteilnehmern kamen allein aus Deutschland 750.000 Patienten“, betont Katalinic, der auch Vorsitzender der Gesellschaft der epidemiologischen Krebsregister e.V. ist.

„Eine bevölkerungs-
basierte Untersu-
chung der Krebs-Überlebensraten reflektiert nicht einzelne Ergebnisse der Spitzenmedizin, sondern erfasst, wie leistungsfähig das Gesundheitssystem eines Landes ist.“
Prof. Dr. Hermann Brenner

Auch bei der Erhebung der Kinder unter den Krebspatienten mischt Deutschland mit einer großen Zahl an Fällen mit. „Das Deutsche Kinderkrebsregister trägt für diese Verbundstudie die bei weitem meisten Fälle bei“, konstatiert PD Dr. Peter Kaatsch vom Deutschen Kinderkrebsregister, Universitätsmedizin Mainz, nicht ohne Stolz.

Insgesamt haben so viele deutsche Register wie noch nie teilgenommen – ein „Ritterschlag für Krebsregister, denn es gelten strenge Qualitätskriterien für die Teilnahme an EUROCARE“, so Kaatsch.

„Gutes Abschneiden Deutschlands“

Die besten Behandlungsergebnisse erzielt Deutschland bei Nierenkrebs, bei dem die 5-Jahres-Überlebensrate knapp 10% über dem gesamteuropäischen Durchschnitt liegt, gefolgt von Prostata- und Hautkrebs mit rund 6% über dem Schnitt.

„Die Gründe sind nur sehr schwer zu identifizieren, aber vermutlich liegt das gute Abschneiden Deutschlands auch an der sehr guten Infrastruktur und der Vielzahl an spezialisierten Zentren, die eine optimale Versorgung gewährleisten können“, gibt Katalinic zu bedenken.  

Trotzdem sind die Ergebnisse kein Anlass, sich auszuruhen. „In Deutschland gibt es noch große Potenziale in Bezug auf Früherkennung“, konstatiert Prof. Hermann Brenner vom Deutschen Krebsforschungszentrum in Heidelberg. Er ist Koautor der Studie und hat neue mathematische Methoden entwickelt, um die Trends in der Überlebensrate früher als bislang aufdecken zu können.

„Die Studien-
ergebnisse zeigen,
wo auf gesundheits-
politischer Ebene
ein Hebel angesetzt werden muss.“
Dr. Alexander Katalinic

„Bei Brustkrebs haben wir bereits gute Erfolge erzielt und intensive Screening-Programme etabliert. Bei Gebärmutterhalskrebs und Darmkrebs zum Beispiel existiert aber noch kein Einladungsverfahren oder Erfolgsmonitoring“, so Brenner.

Auch Kinder profitieren

Die Situation für Kinder stellt sich hierzulande ebenfalls recht gut dar, das 5-Jahres-Überleben liegt mit 81% über dem europäischen Durchschnitt von 78%. „Die auffälligsten Verbesserungen beim Überleben von Kindern beobachten wir in Osteuropa, wo das Überleben von 65% in den Jahren 1999 bis 2001 auf 70% in den Jahren 2005 bis 2007 gestiegen ist“ erläutert Dr. Gemma Gatta, Koleiterin der Studie, Istituto Nazionale Tumori in Milan, Italien. „Trotzdem fanden wir noch immer gravierende Unterschiede im Überleben innerhalb Europas, die von 70 Prozent in Osteuropa und 80 Prozent oder mehr in Nord-, Zentral- und Südeuropa reichen.“

Bezüglich der Diagnosen gab es ebenfalls Fortschritte, aber auch Rückschritte zu berichten: Für Blutkrebs und für Non-Hodgkin-Lymphome, die mehr als ein Drittel aller Kinderkrebsfälle ausmachen, ist das Risiko, binnen 5 Jahren nach der Diagnose zu sterben, Jahr für Jahr um 4 bis 6% gesunken.

Vergleichbare gute Nachrichten gab es indes nicht für alle Diagnosen. Bei Tumoren des Zentralen Nervensystems, der zweithäufigsten Krebsart bei Kindern, bleiben die Überlebenschancen nach 5 Jahren mit 58% weiterhin niedrig. „Auch für andere relevante Kinderkrebsarten wie Neuroblastom, Nephroblastom, Hodgkin-Lymphom und Osteosarkom gab es keinen Zugewinn an Überlebenschancen“, bedauert Gatta.

Schritt in die richtige Richtung

In einem Kommentar in The Lancet Oncoloy zu der Studie betont Prof. Alastair Munro, University of Dundee School of Medicine, Schottland, dass insbesondere mehr soziökonomische Daten vonnöten sind, um Gründe für die unterschiedlichen Ergebnisse spezifizieren zu können [4].

Auch die Autoren selbst fordern eine einheitliche Gesetzgebung, um etwa Daten zum Lebensstil, zu den Komorbiditäten und andere Informationen sammeln zu können, die indirekt das Überleben bei Krebs beeinflussen können.

„Die Qualität der Krebsregister hat sich drastisch verbessert, die früheren Unter-
suchungen haben sich also bereits politisch ausgewirkt.“
PD Dr. Peter Kaatsch

„Eine bevölkerungsbasierte Untersuchung der Krebs-Überlebensraten reflektiert nicht einzelne Ergebnisse der Spitzenmedizin, sondern erfasst, wie leistungsfähig das Gesundheitssystem eines Landes ist“, kommentiert Brenner. Bei einzelnen Krebsarten wie dem Non-Hodgkin-Lymphom oder dem Enddarmkrebs vermutet er hinter den teilweise „dramatisch schlechteren Überlebensraten“ jedoch, dass verbesserte neue Behandlungen noch nicht in jedem Land verbreitet seien. Aus diesem Grund seien länderübergreifende Partnerschaften notwendig, um den Know-how-Transfer zu optimieren.

Katalinic sieht die Nachteile der Studie ebenfalls, aber: „Auch wenn die Studie nicht zeigt, ob die Unterschiede durch Früherkennung oder Therapie bedingt sind, sind die Ergebnisse sehr wichtig. Sie zeigen, wo auf gesundheitspolitischer Ebene ein Hebel angesetzt werden muss.“ Und Kaatsch ergänzt: „Wer will schon mit unterdurchschnittlichen Ergebnissen schlechte Schlagzeilen machen. Die Studie ist daher auch ein Anreiz für Staaten, sich in Sachen Krebsversorgung weiter anzustrengen.“

Dass es eine politische Wirkung gibt, bestätigen nach Ansicht der Experten nicht nur die gestiegenen Überlebenschancen: „Die Qualität der Krebsregister hat sich drastisch verbessert, die früheren Untersuchungen haben sich also bereits politisch ausgewirkt“, so Kaatsch. „Die Sache geht in die richtige Richtung.“

Die EUROCARE-Gruppe jedenfalls hat bereits mehrere weiterführende Studien in Angriff genommen, bei denen beispielsweise für Brustkrebs, Darmkrebs oder Lungenkrebs zusätzliche klinische Daten, etwa zu Tumorstadien, Tumormarkern, aber auch zu den angewandten Therapieformen erhoben werden sollen. Diese Studien werden genauer Auskunft darüber geben, inwiefern Unterschiede in der Therapie der Tumorpatienten für die beobachteten Überlebensunterschiede verantwortlich sind.

Referenzen

Referenzen

  1. de Angelis R, et al: The Lancet Oncology (online) 5. Dezember 2013
    http://dx.doi.org/10.1016/S1470-2045(13)70546-1  
  2. Gatta G, et al: The Lancet Oncology (online) 5. Dezember 2013
    http://dx.doi.org/10.1016/S1470-2045(13)70548-5
  3. EUROCARE
    http://www.eurocare.it
  4. Munro A: The Lancet Oncology (online) 5. Dezember 2013
    http://dx.doi.org/10.1016/S1470-2045(13)70566-7

Autoren und Interessenkonflikte

Gerda Kneifel
Es liegen keine Interessenkonflikte vor.

Katalinic A, Kaatsch P, Gatta G, Brenner H, Munro A: Es liegen keine Erklärungen zu Interessenkonflikten vor.

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