Einzige Therapieoption bei diastolischer Herzinsuffizienz: Sport

Nadine Eckert | 12. Dezember 2013

Autoren und Interessenkonflikte


Prof. Dr. Martin Halle

Die diastolische Herzinsuffizienz als eigenständige Erkrankung gibt es erst, seit sie mit Hilfe der Sonografie als solche erkannt und beschrieben werden konnte. „Und was die medizinische Welt in Schrecken versetzte, war, dass die Sterblichkeit gar nicht so viel unter der systolischen Herzinsuffizienz liegt“, sagt der Sportmediziner und Kardiologe Prof. Dr. Martin Halle gegenüber Medscape Deutschland. Doch im Gegensatz zur systolischen Herzinsuffizienz verbessert die Behandlung mit Medikamenten die Prognose von Patienten mit diastolischer Herzinsuffizienz nicht.

„Die diastolische Herzinsuffizienz zählt zu den dringendsten medizinischen Problemen in Europa. Sie ist die einzige Herz-Kreislauferkrankung, die in der westlichen Welt auf dem Vormarsch ist. Und die einzige Sache, die bislang nachweislich zu einer Verbesserung der Prognose führt, ist körperliches Training“, sagte Halle. Wie dieses Training jedoch genau aussehen soll, ist unklar und soll jetzt in der gerade angelaufenen Studie OptimEx (Optimizing Exercise Dose in Diastolic Heart Failure) geklärt werden [1].

Die meisten Symptome von systolischer und diastolischer Herzinsuffizienz sind gleich: Atemnot, Lungenödeme und Ödeme in den unteren Extremitäten. Aber: Während sich die systolische Variante durch eine Einschränkung der Pumpfunktion des Herzens auszeichnet, haben Patienten mit diastolischer Herzinsuffizienz eine normale Pumpfunktion.

„Und was die medizinische Welt
in Schrecken versetzte, war, dass die Sterblichkeit
[der diastolischen Herzinsuffizienz] gar nicht so viel unter
der systolischen Herzinsuffizienz liegt.“
Prof. Dr. Martin Halle

Das bedeutet indes keine Entwarnung, denn:„Die Wand des Herzens ist etwas dicker, der Blutdruck etwas erhöht und im Ultraschall sieht man, dass sich die linke Herzkammer in der Diastole nicht ganz entspannen kann“, sagte Halle, der am Klinikum rechts der Isar der Technischen Universität (TU) München das Zentrum für Präventive und Rehabilitative Sportmedizin leitet.

Auch die Patientenpopulationen unterscheiden sich gravierend: „Die systolische Herzinsuffizienz ist oft durch einen Herzinfarkt, jahrelangen Bluthochdruck, Alkoholmissbrauch oder eine Myokarditis bedingt“, sagte Halle. „Von der diastolischen Herzinsuffizienz sind dagegen mehr Frauen als Männer betroffen, sie haben Stoffwechselstörungen und erhöhten Blutdruck, ohne dass es bereits zu einem Herzinfarkt gekommen ist.“

Sport verbessert die diastolische Funktion

2011 berichteten Kardiologen der Universität Göttingen im Journal of the American College of Cardiology über Patienten mit diastolischer Herzinsuffizienz, die ein Ausdauer- und Krafttraining absolvierten [2]. Neben einem Anstieg der maximalen Sauerstoffaufnahme verbesserte sich auch die linksventrikuläre diastolische Funktion bei den 44 Teilnehmern der Intervention – verglichen mit 20 Kontrollen, die nur die Standardversorgung erhalten hatten.

Unklar ist jedoch, mit welcher Intensität und Frequenz sich Patienten mit diastolischer Herzinsuffizienz sportlich betätigen müssen, um einen Effekt auf die Krankheit zu erzielen. „Muss man jeden Tag trainieren oder reicht es, das Training einmal die Woche mit höherer Intensität durchzuführen“, beschreibt Halle die Hauptfragestellung der Studie OptimEx, die soeben begonnen hat.

OptimEx: Wie oft, wie intensiv, und wirkt Sport auch vorbeugend?

Zusammen mit 5 anderen europäischen Arbeitsgruppen werden die Sportmediziner der TU München zum einen eine klinische Studie durchführen, in der 200 Patienten mit diastolischer Herzinsuffizienz Bewegungsprotokolle unterschiedlicher Intensität und Länge ausprobieren.

„Die einzige Sache,
die bislang nachweislich zu
einer Verbesserung der Prognose führt,
ist körperliches Training.“
Prof. Dr. Martin Halle

Zum anderen sollen in einer Tierstudie Ratten mit sich anbahnender diastolischer Herzinsuffizienz trainiert werden. Dadurch hoffen die Forscher herauszufinden, ob es möglich ist, die Entstehung der Krankheit durch Sport zu verhindern.

Ein weiterer wichtiger Teil des Projekts ist die Entwicklung und Erprobung telemedizinischer Geräte. Mit ihnen sollen Ärzte künftig überwachen können, ob ihre Patienten den Anleitungen zu mehr Sport wirklich Folge leisten.

Die Leitung der über die nächsten 4 Jahre laufenden OptimEx-Studie hat die Technisch-Naturwissenschaftliche Universität Norwegen in Trondheim. Neben den Sportmedizinern der TU München sind noch Forscher aus Leipzig, Antwerpen und Graz beteiligt. Das Projekt wird von der Europäischen Union mit 3 Millionen Euro gefördert.

Zahlen zur Herzinsuffizienz

Zur Prävalenz der chronischen symptomatischen Herzinsuffizienz liegen in Deutschland keine umfassenden Daten vor. Es gibt die schon etwas älteren Ergebnisse des MONIKA/KORA-Projekts mit einer Stichprobe von 1.000 Augsburgern aus den Jahren 1995/96:
Systolische Herzinsuffizienz:
Bei den 40- bis 59-Jährigen liegt die Prävalenz zwischen 1,7% (Männer) und 2,1% (Frauen).
Bei den über 60-Jährigen schnellt die Prävalenz bei den Männern auf 6,7% hoch, bei den Frauen bleibt sie mit 2,0% praktisch gleich.
Diastolische Herzinsuffizienz:
Männer 13,8%
Frauen 8,8%
(Hier wurde nicht nach Alter unterschieden.)

Die Neuerkrankungsrate (nicht unterschieden nach systolischer und diastolischer Herzinsuffizienz) liegt laut EPIC Potsdam-Studie bei:
13,1% (Männer) bzw. 5,0% (Frauen) (55- bis 64-Jährige)
42,2% (Männer) bzw. 25,8% (Frauen) (über 65-Jährige)

Patienten mit schweren Verlaufsformen müssen häufig im Krankenhaus behandelt werden:
Die stationäre Aufenthaltsdauer liegt im Durchschnitt bei 12 Tagen, leider machen Krankenkassen und Statistisches Bundesamt hier keine Unterscheidung nach systolisch und diastolisch.

Quelle: Factsheet Herzinsuffizienz des Kompetenznetzes Herzinsuffizienz [3]

Referenzen

Referenzen

  1. Pressemitteilung der TU München zur OptimEx-Studie, 24.10.2013
    www.mri.tum.de/node/2173
  2. Edelman F, et al: J Am Coll Cardiol. 2011;58(17):1780-1791
    http://dx.doi.org/10.1016/j.jacc.2011.06.054
  3. Factsheet Herzinsuffizienz des Kompetenznetz Herzinsuffizienz, Juli 2008
    www.knhi.zks.uni-leipzig.de/Kompetenznetz/Infomaterial/FactSheetHI2008.pdf

Autoren und Interessenkonflikte

Nadine Eckert
Es liegen keine Interessenkonflikte vor.

Halle M: Es liegen keine Interessenkonflikte vor.

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