Telemedizin: Für die Deutschen ein ungeliebtes Kind?

Christian Beneker | 6. Dezember 2013

Autoren und Interessenkonflikte

Wer sie braucht, der schätzt sie. Wer sie nicht braucht, mag sie auch nicht recht. Und was sie nützt, ist unklar. Die Rede ist von der Telemedizin in Deutschland. 

Schon längst müsste nicht mehr jeder Patient mit einer Herzschwäche regelmäßig zum Hausarzt oder Kardiologen, um den Blutdruck zu überprüfen. Nicht jeder Diabetiker müsste zur Routinekontrolle in die Praxis. Kluge Kleingeräte im Haushalt der Patienten können schon längst Blutdruck, Herzfrequenz oder Gewicht online in die Praxis schicken – vorausgesetzt, der Patient nutzt die entsprechenden Geräte und misst sich den Puls oder wiegt sich.

Die Werte kann sich der Arzt auf seinem Bildschirm anzeigen lassen und braucht den Patienten nur dann zu sehen, wenn es wirklich nötig ist. So weit, so praktisch.

Misstrauische Deutsche

Allerdings hat die Telemedizin hierzulande relativ wenige Anhänger. So können sich nur 18% der Bundesbürger vorstellen, ihren Hausarzt via Bildschirm zu konsultieren. 22% würden es eher nicht tun und 53% täten es sogar unter keinen Umständen. Das zeigt das „Gesundheitsbarometer 2013“ des Dienstleistungsunternehmens Europ Assistance aus Köln [1]. Europ Assistance gehört zum italienischen Versicherer Generali. Befragt wurden 5.000 Teilnehmer aus Deutschland, Frankreich, Großbritannien, Italien, Österreich, Polen, Schweden und Spanien sowie 1.000 US-Amerikaner.

„Wer wirklich krank ist, schätzt die Möglichkeiten der Telemedizin nach unseren Erfahrungen sehr.“
Prof. Dr. Friedrich Köhler

In Deutschland wurden 500 Menschen befragt. „Damit ist die Studie repräsentativ“, sagt Frank Donner, Sprecher von Europ Assistance. Im europäischen Durchschnitt liegt der Anteil derjenigen, die die Telekonsultation eher in Anspruch nehmen würden, bei 39%, in den USA bei 48%, so die Umfrage. In Deutschland ist die Ablehnung also am stärksten, in Schweden dagegen ist die Zustimmung mit 62% besonders groß. Noch misstrauischer als die Deutschen sind die Österreicher mit nur 15% Akzeptanz.

Telemonitoring? Na gut

Auch bei der telemedizinischen Kontrolle von Blutwerten oder Gewicht, dem Telemonitoring, sind 40% der Deutschen eher dagegen. Aber immerhin 75% gehen davon aus, dass Pflegebedürftige durch Telemonitoring länger zuhause leben könnten. Dagegen lehnten nur 20% der Schweden Telemonitoring ab, europaweit sind es nur 32%. Und 83% der Europäer glauben, dass Pflegebedürftige mit Telemonitoring länger zuhause leben können. Deutschland zeigt sich damit beim Telemonitoring als Skepsis-Europameister.

Für den Berliner Kardiologen Prof. Dr. Friedrich Köhler sind diese Ergebnisse interessant, aber nicht entscheidend. Köhler ist Leiter des Zentrums für kardiovaskuläre Telemedizin der Charité. Seine Abteilung startet zurzeit die weltweit größte Telemedizinstudie zur Herzinsuffizienz „FONTANE – Gesundheitsregionen der Zukunft Nordbrandenburg“. Mit im Boot sind die AOK Nordwest, die Barmer GEK und 1.500 Patientinnen und Patienten. Geklärt werden soll, ob die Telemedizin dabei helfen kann, instabile herzkranke Patientinnen und Patienten auf dem Land besser zu betreuen.

Für Köhler ist die Haltung der Patienten eigentlich gar keine Frage. „Natürlich sind sie ganz dafür“, bekräftigt er gegenüber Medscape Deutschland. „Wer wirklich krank ist, schätzt die Möglichkeiten der Telemedizin nach unseren Erfahrungen sehr.“ Das Problem indessen sei ein anderes: „Viele Kollegen machen nicht mit.“ Bis heute hat er nur 200 der benötigten 500 bis 600 Hausarztpraxen für das Projekt gewinnen können.

Was nützt das Ganze?

Was Köhler noch ermitteln will, hat die Bremer Ersatzkasse hkk gerade erhoben. Sie analysierte mehrere Studien um das gesicherte Wissen pro und contra Wirksamkeit und Zusatznutzen von Telemedizin zu sammeln. Das Ergebnis: „Der mittel- bis langfristige gesundheitliche und wirtschaftliche Nutzen von Telemedizin wird derzeit … überschätzt. Gefahren für die Patienten können zumindest nicht ausgeschlossen werden“, schreibt die hkk.

Zu den in den Überblick einbezogenen Untersuchungen gehörte eine in Deutschland durchgeführte randomisierte kontrollierte Studie zur Kosteneffektivität der „Telemedizin“-Betreuung von Patienten mit chronischer Herzinsuffizienz [2]. Sie zeigte mit Schwerpunkt auf der Kostenseite zweierlei: Eine leichte Erhöhung der Ausgaben für die ambulante Versorgung und deutlich geringere Kosten durch eine niedrigere Rehospitalisierungsrate sowie verkürzte Aufenthalte im stationären Bereich. Das schreibt der Autor des Überblicks, Dr. Bernhard Braun vom Bremer Institut für Arbeitsschutz und Gesundheitsförderung an der Uni Bremen (BIAG).

„Der mittel-
bis langfristige gesundheitliche
und wirtschaftliche Nutzen von Tele-
medizin wird derzeit … überschätzt.“
Bremer hkk

„Mittel- bis langfristige Auswirkungen auf harte Indikatoren für die Behandlungsqualität (z.B. Mortalität, Morbidität) oder weiche Indikatoren wie die Lebensqualität und Akzeptanz spielten auch hier keine Rolle. Bezweifelt darf wegen der nicht bevölkerungsrepräsentativen Zusammensetzung und überdurchschnittlich technikaffinen Einstellung der TK-Versicherten auch die Verallgemeinerbarkeit der Ergebnisse“, so Braun.

Manche Telemedizin-Produkte hätten sogar ein gesundheitliches Schadenspotenzial, heißt es bei der hkk. So schwankte in einer Untersuchung über die Sensitivität von Apps zur Melanom-Früherkennung die Trefferquote zwischen 6,8% und 98,1% [3]. 3 der 4 untersuchten Programme schätzten mehr als 30% der gefährlichen Melanome als harmlos ein und vermittelten den Nutzern somit falsche Sicherheit.

Kleiner Nutzen – großes Geschäft

„Trotzdem wittern viele Hersteller entsprechender Produkte ein Milliardengeschäft“, erklärt Braun. Und sie können dabei auf die Unterstützung der Politik hoffen, wie ein Beispiel zeigt: Zu den von Braun analysierten Untersuchungen gehörte auch eine Studie zum Nutzen von Telemedizin bei Patienten mit chronischer Herzinsuffizienz [4].

Das Ergebnis: Nicht-depressive Patienten mit einer kardialen Dekompensation und einer Auswurffraktion des Herzens zwischen 25 und 35% haben ein geringeres Mortalitätsrisiko. Doch Braun erläutert: „Eine einzige, nur rund zehn Prozent der Gesamtgruppe umfassende Untergruppe instabiler Patienten hatte durch den Einsatz von Telemedizin ... ein geringeres Mortalitätsrisiko.“

Ungeachtet des insgesamt kleinen Nutzens habe jedoch der damalige Bundeswirtschaftsminister Rainer Brüderle (FDP) erklärt: „Die Studienergebnisse müssen jetzt rasch in praktisches Handeln umgesetzt werden, zumal dadurch auch Kosten eingespart werden können. Vor allem in strukturschwachen Gebieten sehe ich große Chancen für die Telemedizin“. Wie Braun berichtet, hatte das Bundeswirtschaftsministerium die Studie wesentlich mitfinanziert.

In einer Anschluss-Studie sollen jetzt mehr Nutzennachweise erbracht werden: Köhler und sein Team untersuchen dabei jene Gruppe mit dekompensierten Patienten (Ejektionsfraktion 25 bis 45% EF) genauer, die schon in der ersten Studie als einzige Subgruppe positiv auf die Telemedizin angesprochen hatte.

Referenzen

Referenzen

  1. Europ Assitance: Health and Society Barometer; 15. Oktober 2013
    http://www.europ-assistance.de/medias/pdf_intern/2013_Health--Society_CSA_Europ-Assistance_Barometer.pdf
  2. Heinen-Kammerer T, et al: Gesundheitsökonomie & Qualitätsmanagement 2005; 05(10):289-294
    http://dx.doi.org/10.1055/s-002-4428
  3. Wolf JA, et al: JAMA Dermatology. 2013; 149(4):422-426
    http://dx.doi.org/10.1001/jamadermatol.2013.2382
  4. Koehler F, et al: Eur J Heart Fail. 2010; 12(12):1354-1362
    http://dx.doi.org/10.1093/eurjhf/hfq199

Autoren und Interessenkonflikte

Christian Beneker
Es liegen keine Interessenkonflikte vor.

Donner F, Braun B, Köhler F: Es liegen keine Angaben zu Interessenkonflikten vor.

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