Überraschende Kardioprotektion durch EDTA & Co – aber offenbar nur bei Diabetes

Shelley Wood | 22. November 2013

Autoren und Interessenkonflikte

DALLAS – Die Behandlung von kardiovaskulären Erkrankungen mit Chelat- oder Komplexbildnern wie EDTA zählt zwar nicht zur Mainstreamtherapie. Jetzt dürfte sie jedoch aufgrund überraschend positiver Ergebnisse einer Teilauswertung der TACT-Studie (Trial to Assess Chelation Therapy) auf vermehrtes Interesse stoßen. Chelatbildner könnten, so die gute Nachricht, insbesondere Diabeteskranken vermutlich mehr nützen, als bisher gedacht.

 
„Wir haben tatsächlich keinerlei Belege dafür gefunden, dass Nichtdiabetiker in dieser Studie profitierten.“
Dr. Gervasio A. Lamas
 

Die TACT-Studie diente der Bewertung einer Therapie mit Chelatbildnern und gilt manchen als die umstrittenste Studie zu kardiovaskulären Erkrankungen seit Langem. Die serielle Infusionstherapie wird zwar als probate Behandlung von Intoxikationen, etwa mit Schwermetallen, angesehen, in der Herz-Kreislauftherapie zählt sie jedoch eher zum Repertoire der Komplementärmedizin. Das für Diabetespatienten positive Ergebnis resultiert aus einer Teilanalyse von TACT und wurde gerade auf der Jahrestagung der American Heart Association (AHA 2013) in Dallas, Texas, vorgestellt. Es rückte die Chelatbildner regelrecht ins Rampenlicht [1,2].

In einer vorab definierten Analyse von Patienten mit Diabetes, die an der TACT-Studie teilgenommen hatten, beobachteten Dr. Esteban Escolar und Dr. Gervasio A. Lamas, der leitende Studienautor von TACT, zusammen mit ihrem Team vom Mount Sinai Medical Center in Miami Beach in Florida im Chelatbildnerarm eine besonders günstige Entwicklung für eine Untergruppe: Im Vergleich zu den mit Placeboinfusionen behandelten Patienten nahm bei den Diabetikern, denen Chelatbildner infundiert wurden, das Risiko des primären, zusammengesetzten Endpunkts hochsignifikant um 15% ab.

Escolar stellte dieses Ergebnis auf einer der wissenschaftlichen Sitzungen der AHA 2013 vor, sie wurden zeitgleich in der Zeitschrift Circulation: Cardiovascular and Quality Outcomes veröffentlicht [3].

„Als wir die sekundären Endpunkte auseinandergenommen und einzeln betrachtet haben, stellten wir fest, dass bei Patienten mit Diabetes die Gesamtsterblichkeit um etwa 40 Prozent reduziert war, die Herzinfarkt-Rezidive ebenso um 40 Prozent und die Mortalität sogar um etwa 50 Prozent geringer war“, erklärte Lamas in einem Interview mit heartwire. Dabei gestand er ein, dass TACT von Anfang an eine „überraschende“ Studie war und dass sich jetzt umso außergewöhnlichere Wirkungen dieser Behandlung feststellen ließen, „je genauer wir hinschauen.“

Die verblüffenden Erkenntnisse aus TACT

In der TACT-Studie hatten die Patienten randomisiert entweder eine Behandlung mit bis zu 40 einzelnen, jeweils dreistündigen Infusionen einer Chelatbildnerlösung (Dinatriumsalz der Ethylendiamintetraessigsäure oder EDTA, Ascorbinsäure, Magnesiumchlorid, Kaliumchlorid, Natriumbikarbonat, B-Vitamine, Procainamid und einer geringen Menge Standard-Heparin) oder eine Placeboinfusion erhalten.

Es zeigte sich seinerzeit, dass das relative Risiko für den kombinierten primären Endpunkt der Studie (Mortalität, Re-Infarkt, Schlagfall, Revaskularisierung oder stationäre Aufnahme aufgrund einer Angina pectoris) in der Verumgruppe zurückgegangen war – und zwar um 18% gegenüber der Kontrollgruppe. Alle Teilnehmer der TACT-Studie waren Postinfarktpatienten und mindestens 50 Jahre alt.

 
„Wenn sich diese Vermutung experimentell bestätigen lässt, haben wir damit einen Weg gefunden, Komplikationen von Diabetes zu behandeln, bei denen wir seit Jahrzehnten keine Chance hatten.“
Dr. Gervasio A. Lamas
 

Es fiel jedoch auf, dass der Nutzen des Chelatbildners gerade bei den Diabeteskranken besonders deutlich zutage trat. Um dieses Phänomen genauer zu untersuchen, betrachteten Lamas und seine Kollegen alle Patienten mit Diabetes gesondert. Dazu zählten nicht nur die 538 Teilnehmer, die in der ursprünglichen Studie selbst angegeben hatten, an Diabetes erkrankt zu sein, sondern auch 95 weitere Patienten, die orale Antidiabetika einnahmen oder Insulin erhielten, oder deren Nüchternblutzucker >6,99 mmol/l (125,95 mg/dl) betrug. Es wurde allerdings nicht explizit erläutert, ob es sich dabei ausschließlich um Typ-2-Diabetes gehandelt hat.

Die Vorteile, die sich für die Chelatbildnertherapie in der Diabetes-Teilstudie zeigten, lassen sich wie folgt quantifizieren: 6,5 Behandlungen über einen Zeitraum von 5 Jahren waren notwendig (Number Needed to Treat), um einen Patienten vor einem ungünstigen Endpunkt-Ereignis zu bewahren.

Wichtig ist daran, dass es bei den Patienten ohne Diabetes nicht zu einer Reduktion der Ereignisse kam. Die Studienautoren vermuten darin die Erklärung für die weniger starken Effekte in der Hauptstudie, die zu den vielen Kontroversen über die Ergebnisse geführt hatten.

„Wir haben tatsächlich keinerlei Belege dafür gefunden, dass Nichtdiabetiker in dieser Studie profitierten“, räumt Lamas ein. „Falls wir eine weitere Studie durchführen, würde die sich gezielt auf Patienten mit Diabetes konzentrieren. Momentan halte ich diese Behandlung für Nicht-Diabetiker eher für ungeeignet.“  

Klinische Endpunkte bei Patienten mit Diabetes (nach Randomisierung)


Endpunkt

Chelatbildner (%)

Placebo (%)

Hazard-Ratio (95%-KI)

p

Primärer Endpunkt
(komb.)

25

38

0,59 (0,44; -0,79)

< 0,001

Tod

10

16

0,57 (0,36; -0,88)

0,011

Myokardinfarkt

5

10

0,48 (0,26; -0,88)

0,015

Koronare Revaskularisation

15

20

0,68 (0,48; -0,99)

0,042

Schlaganfall

1

1

1,19 (0,27; -5,30)

0,829

Gesunde Skepsis ist angebracht, Voreingenommenheit nicht

Lamas ist sich durchaus der Tatsache bewusst, dass die TACT-Ergebnisse bisher von Kardiologen mit Skepsis oder sogar Spott aufgenommen worden sind. Dazu hatte nicht zuletzt beigetragen, dass die ursprüngliche Studie immer wieder gestoppt und im Design verändert worden war. Zuletzt waren ihre Ergebnisse im Frühjahr im Journal der American Medical Association JAMA veröffentlicht worden [4]. Aber selbst von Seiten der Alternativmedizin war auch hier in Deutschland anlässlich der Publikation vorsichtig darauf hingewiesen worden, dass der Nutzen „ungeklärt“ bleibe [5].

Lamas vertritt gleichwohl die Auffassung, dass die Beobachtungen für Diabetologen und Epidemiologen tatsächlich intuitiv plausibel sein könnten. Denn diese Fachdisziplinen hätten selbst in ihren Arbeiten über die Komplikationen eines Diabetes gezeigt, dass dabei die Anreicherung von fortgeschrittenen Endprodukten der Glykosylierung (Advanced Glycation Endproducts oder AGEs) eine Rolle spielte.

Infolgedessen könnte die Metall-Chelatbildung bei Patienten mit Diabetes viel bedeutsamer sein und das Ausmaß des Nutzens in dieser Gruppe erklären. So weisen Lamas und seine Kollegen in ihrem Artikel auch darauf hin, dass einige weit verbreitete Diabetesmedikamente tatsächlich chelatbildende Effekte hätten.

„Spannend ist das besonders aus einem Grund: Wenn sich diese Vermutung experimentell bestätigen lässt, haben wir damit einen Weg gefunden, Komplikationen von Diabetes zu behandeln, bei denen wir seit Jahrzehnten keine Chance hatten“, sagt Lamas begeistert. „Schauen Sie sich die Ergebnisse in diesen Diagramen an – so etwas gibt es bisher nicht. Wenn Sie das Endokrinologen zeigen, flippen die völlig aus. Ganz gleich, ob zukünftige Studien die Beobachtung bestätigen: Allein die Tatsache, dass es möglich sein könnte, reicht aus, um das wissenschaftliche Interesse daran zu wecken.“

 
„Wenn Sie das Endokrinologen zeigen, flippen die völlig aus.“
Dr. Gervasio A. Lamas
 

In seinem Kommentar für heartwire nannte der Sitzungsvorsitzende Dr. Darren McGuire von der Kardiologischen Abteilung des UT Southwestern Medical Center in Dallas die jüngsten Ergebnisse der TACT-Teilstudie vorgestellt wurden, „genau so überraschend und faszinierend wie die Ergebnisse der TACT-Hauptstudie“.

„Obwohl es sich um eine relativ kleine Studie handelte, wurden 200 kardiovaskuläre Primärereignisse in der Diabetes-Untergruppe festgestellt. Daraus ergibt sich eine beachtliche statistische Teststärke und Genauigkeit. Ich stimme aber mit den Autoren darin überein, dass diese Beobachtungen bestätigt werden müssen, bevor sie umfassend in der Klinik angewandt werden können“, merkte er an.

Weniger begeistert war McGuire von der Hypothese, dass die Chelatbildner ihre Wirkung über die AGEs entfalten sollen. Gegenüber heartwire sagte er: „Diese Vermutung ... wird einfach nicht von der bestehenden Datenlage gestützt, die wenig bis gar keinen kardiovaskulären Nettonutzen einer Modifikation der Glykosylierungsendprodukte zeigt, zumindest nicht über eine pharmakologische Senkung des Blutzuckerspiegels.“

Laut McGuire sollte weiterhin die Tatsache untersucht werden, dass die Infusion nicht nur EDTA, sondern immerhin 9 weitere „biowirksame Bestandteile enthielt, die jeweils zum beobachteten Nutzen beitragen oder sogar ganz dafür verantwortlich sein könnten.“ Sein Fazit lautet dennoch: „Das sind wirklich interessante Beobachtungen und ich hoffe, dass in diesem Bereich weiter geforscht werden wird.“

Noch eine Studie zur Wirkung von Chelatbildnern?

In der ursprünglichen TACT-Studie gab es Schwierigkeiten mit der Patientenrekrutierung, so dass es letztlich mehr als ein Jahrzehnt dauerte, bis Ergebnisse vorlagen. Lamas hofft nun, dass die unerwarteten Ergebnisse der TACT-Gesamtstudie, gefolgt von den noch erstaunlicheren Beobachtungen bei Patienten mit Diabetes, ausreichen können, um eine schnelle und entscheidende Studie voranzutreiben, die sich auf Patienten mit Diabetes konzentriert.

„Ich glaube, wenn wir gesunde Skepsis statt Voreingenommenheit an den Tag legen, dann sind wir auf dem Weg zu einem wissenschaftlichen Diskurs schon einen ganzen Schritt weiter gekommen.“

Zur Frage, wer eine solche Studie finanzieren könnte, sagte Lamas: „Es gibt nur eine Organisation, die das leisten könnte, und das sind die National Institutes of Health (NIH) als staatliche Einrichtung. Und wer profitiert am Ende davon, wenn Geld dadurch gespart wird, dass (bei vielen Patienten) mit Diabetes die kardiovaskulären Komplikationen nicht eintreten, selbst wenn die Behandlung nur halb so wirksam ist, wie diese Daten vermuten lassen? Wenn Sie das durchrechnen, sehen sie, dass sich die Studie selbst bezahlt."

Dieser Text wurde von Dr. Ulrike Walter-Lipow für Medscape Deutschland übersetzt und adaptiert.

Referenzen

Referenzen

  1. American Heart Association, AHA 2013, 16. bis 20. November 2013, Dallas
    http://www.heart.org/HEARTORG/
  2. Wood SM: Medscape.com 19. Nov. 2013
    http://www.medscape.com/viewarticle/814643#1
  3. Escolar E, et al: Circ Cardiovasc Qual Outcomes (Online) 19. Nov. 2013
    http://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/24254885
  4. Lamas GA, et al: JAMA 2013;309(12):1241-1250
    http://dx.doi.org/10.1001/jama.2013.2107
  5. Carstens-Stiftung: Nachrichten (online) 10. April 2013
    http://www.carstens-stiftung.de/artikel/nutzen-der-chelattherapie-bleibt-ungeklaert.html

Autoren und Interessenkonflikte

Shelley Wood
Es liegt keine Erklärung vor.

Ulrike Walter-Lipow
Es liegen keine Interessenkonflikte vor.

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