Höheres Risiko für Prostatakarzinom bei Glatze am Hinterhaupt?

Dr. Susanne Heinzl | 20. November 2013

Autoren und Interessenkonflikte

Männer mit androgenetischer Alopezie am Hinterkopf haben ein erhöhtes Risiko, an einem Prostatakarzinom zu erkranken. Dies ergab eine Metaanalyse von 7 Fallkontrollstudien, in der eine Arbeitsgruppe um Dr. Wilma Bergfeld vom Haarzentrum der dermatologischen Klinik in Cleveland erstmals untersuchte, ob zwischen Glatze und Prostatakarzinom ein Zusammenhang besteht.

Die androgenetische Alopezie ist weit verbreitet. Etwa die Hälfte aller Männer ist davon betroffen. Ein Polymorphismus im Gen für den Androgenrezeptor scheint dabei eine Rolle zu spielen. Die betroffenen Männer haben höhere Dihydrotestosteronspiegel. Weil sowohl die androgenetische Alopezie als auch das Prostatakarzinom durch Androgene beeinflusst sind, wurde immer wieder untersucht, ob es zwischen den Erkrankungen einen Zusammenhang gibt. Die bislang vorliegenden Ergebnisse waren aber nicht eindeutig.

Daher analysierten die Dermatologinnen aus Cleveland in einem systematischen Review Daten aus 7 Fallkontrollstudien, in denen eine standardisierte Skala zur Beurteilung des Haarausfalls verwendet worden war.

In diesen Studien waren 4.078 Männer mit Haarausfall und 4.916 entsprechende Kontrollen eingeschlossen. In 4 Studien war der Haarausfall mit der vollständigen Hamilton-Skala klassifiziert (keine Glatze, Stirnglatze, Hinterhauptglatze sowie Stirn- plus Hinterhauptglatze), in 3 Studien war eine unvollständige Hamilton-Skala verwendet worden. In die verschiedenen Studien waren Personen unterschiedlichen Alters eingeschlossenen.

„Ich halte die Aussage dieser Analyse aktuell nicht für klinisch relevant und sie wird zu einer Verunsiche-
rung der Männer mit entsprechendem Haarmuster führen.“
Prof. Dr. Sabine Kliesch

Die Metaanalyse ergab keinen Zusammenhang zwischen androgenetischer Alopezie insgesamt und dem Auftreten eine Prostatakarzinoms (Odds-Ratio: 1,03; 95%-KI: 0,93–1,13; p=0,58). Auch zwischen Stirnglatze sowie Stirnglatze plus Hinterhauptglatze ließ sich keine Assoziation erkennen (OR: 0,95 bzw. 1,03).

Gefährdet sind jedoch offenbar Männer mit Hinterhauptglatze. Ihr Risiko für ein Prostatakarzinom war in der Analyse signifikant erhöht (OR: 1,25; 95%-KI: 1,09–1,44; p=0,002). Diese Ergebnisse sollten nun in prospektiven Langzeitstudien untersucht werden, so die Autoren.

Sie weisen aber darauf hin, dass die Aussagekraft ihrer Analyse dadurch eingeschränkt ist, dass nur Fallkontrollstudien eingeschlossen wurden, von denen auch nur ein Teil eine vollständige Hamilton-Skala zur standardisierten Beurteilung des Haarausfalls eingesetzt hatte. Auch das Alter der Patienten konnte in der Analyse nicht berücksichtigt werden.

Auch Prof. Dr. Sabine Kliesch, Chefärztin für Klinische Andrologie an der Universitätsklinik Münster, zweifelt an der Aussagekraft der Studie: „Ich halte die Qualität dieser Metaanalyse, die ja nur auf Daten von Fallkontrollstudien und nicht von prospektiven randomisierten Studien basiert und somit eigentlich nicht den Begriff einer Metaanalyse verdient, für fragwürdig.“ Auch eine OR von knapp über 1 würde die Urologin nicht überbewerten.

Ihr Fazit: „Ich halte die Aussage dieser Analyse aktuell nicht für klinisch relevant und sie wird zu einer Verunsicherung der Männer mit entsprechendem Haarmuster führen. Es wäre natürlich sehr begrüßenswert, wenn die Daten prospektiv validiert werden könnten, um ihre Relevanz zu prüfen. Die Wahrscheinlichkeit, dass eine solche Studie prospektiv durchgeführt werden kann, ist allerdings nicht sehr hoch.“

Referenzen

Referenzen

  1. Amoretti A, et al: J Am Acad Dermatol 2013;68:937-943
    http://dx.doi.org/10.1016/j.jaad.2012.11.034

Autoren und Interessenkonflikte

Dr. Susanne Heinzl
Es liegen keine Interessenkonflikte vor.

Amoretti A, Kliesch S: Es liegen keine Angaben zu Interessenkonflikten vor.

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