Ein Diabetiker in der Familie erhöht das Risiko für Prädiabetes – besonders für Schlanke

Ulrike Walter-Lipow | 4. November 2013

Autoren und Interessenkonflikte


Prof. Dr. Andreas Fritsche

Wer Verwandte ersten Grades mit einer Typ-2-Diabeteserkrankung hat, hat auch selbst ein erhöhtes Risiko – zumindest für einen Prädiabetes. Dieser Zusammenhang ist bei schlanken Personen deutlicher ausgeprägt. Damit scheinen Diabeteserkrankungen in der Familie ein Risiko zu begründen, selbst wenn das Körpergewicht noch keine Warnhinweise im Hinblick auf eine prädiabetische Stoffwechsellage gibt.  

Das ergab eine Metaanalyse von 4 deutschen Prädiabetes-Studien unter Federführung von Prof. Dr. Andreas Fritsche, Leiter der Ernährungsmedizin und Prävention am Universitätsklinikum Tübingen [1].


Prof. Dr. Stephan Martin

Einen solchen Zusammenhang zwischen dem gehäuften Auftreten von Prädiabetes und einer positiven Familienanamnese für Typ-2-Diabetes findet  Prof. Dr. Stephan Martin, Chefarzt für Diabetologie und Direktor des Westdeutschen Diabetes- und Gesundheitszentrums in Düsseldorf,  auf Nachfrage von Medscape Deutschland erst einmal nicht überraschend: „Es ist bekannt, dass in Familien mit Typ-2-Diabetes das Risiko für die Erkrankung erhöht ist, insofern ist zu erwarten, dass das Risiko für Prädiabetes ebenfalls steigt."

Die Arbeitsgruppe aus Tübingen hatte dennoch einen Grund, dieser Frage nachzugehen, wie Fritsche gegenüber Medscape Deutschland erläutert: „Es hätte gut sein können, dass sich der Zusammenhang weniger deutlich zeigt, wenn man nur den Prädiabetes betrachtet. Es gibt bei der Entwicklung des Diabetes den Schritt 1 von der normalen Glukosetoleranz zum Prädiabetes und dann den Schritt 2 vom Prädiabetes zum richtigen, manifesten Diabetes. Es könnte sein, dass die krankmachenden Faktoren für Schritt 1 nicht die gleichen sind, wie für Schritt 2. Damit wäre denkbar, dass Schritt 2 durch die Familiengeschichte bedingt ist, Schritt 1 durch etwas Anderes, etwa rein genetische Faktoren. Das hat unsere Analyse jetzt widerlegt: Für beide Schritte spielt die Familiengeschichte eine Rolle.“

Nüchternglukose und Glukosetoleranz: zwei Paar Schuh‘ beim Prädiabetes

„Nüchternblutzucker wird also stärker durch eine positive Familiengeschichte beeinflusst als der postprandiale Blutzucker.“
Prof. Dr. Andreas Fritsche

Die neue Analyse hat verschiedene Formen des Prädiabetes getrennt betrachtet: einmal die gestörte Nüchternglukose (Impaired Fasting Glucose, IFG), zum anderen die gestörte Glukosetoleranz (Impaired Glucose Tolerance, IGT) sowie das Auftreten beider Phänotypen gleichzeitig. In die Metaanalyse waren 8.106 Personen eingeschlossen, von denen rund 32% eines oder beide der genannten Kriterien für Prädiabetes erfüllten. Insgesamt war bei Personen mit einer Familiengeschichte mit Typ-2-Diabetes (definiert als mindestens ein daran erkrankter Verwandter ersten Grades) die Wahrscheinlichkeit eines Prädiabetes um 40% erhöht.

Die detailliertere Datenauswertung zeigte, dass der statistische Zusammenhang zwischen einer Familiengeschichte und dem Auftreten allein der gestörten Glukosetoleranz schwächer war als der Zusammenhang der Familiengeschichte mit der isolierten IFG oder mit dem gemeinsamen Auftreten von IFG und IGT. Dazu Fritsche: „Dieses Ergebnis zeigt, dass IGT und IFG nicht dasselbe sind. Für die IFG scheint die Familiengeschichte wichtiger zu sein – der Nüchternblutzucker wird also stärker durch eine positive Familiengeschichte beeinflusst als der postprandiale Blutzucker."

„Man sollte bei der Abfrage von Risikofaktoren wie Übergewicht, Bewegungs- und Ernährungsverhalten immer auch nach der Familiengeschichte fragen.“
Prof. Dr. Andreas Fritsche

Fritsche und seine Mitautoren schließen aus dieser Beobachtung, dass die Familiengeschichte besonders in der frühen Pathogenese eine Rolle spielt, und erklärten: „Mit der frühen Pathogenese meinen wir den Schritt vom völlig Gesunden hin zum Prädiabetes, der weniger von genetischen Faktoren als von Umwelteinflüssen bestimmt ein könnte. Hierbei ist wichtig, dass die Familiengeschichte eher die gemeinsame Umwelt widerspiegelt als genetische Faktoren.“

Informationen zur Familiengeschichte wichtig für die Prävention

Welche molekularen und physiologischen Prozesse den Beobachtungen aus dieser retrospektiven Datenanalyse gegenüberstehen, ist noch unklar. Dennoch geht Fritsche davon aus, dass eine Handlungsempfehlung für die Prävention des Typ-2-Diabetes lauten kann: „Man sollte bei der Abfrage von Risikofaktoren wie Übergewicht, Bewegungs- und Ernährungsverhalten immer auch nach der Familiengeschichte fragen und früh auf die Änderungen ungünstiger familiärer Lebensgewohnheiten in diesem Bereich hinarbeiten.“

Diese Berücksichtigung der Familiengeschichte in der Präventionsarbeit könnte sich besonders deshalb als hilfreich entpuppen, da der Einfluss familiärer Gewohnheiten bei den hier analysierten Daten bei nicht stark übergewichtigen Personen besonders ausgeprägt war (die also einen BMI von weniger als 30 kg/m² hatten). Nach der Stratifikation anhand des BMI wurde nur bei dieser Personengruppe ein statistisch signifikanter Zusammenhang zwischen Familiengeschichte und Prädiabetes beobachtet.

Es lässt sich also spekulieren, dass eine Familiengeschichte mit Typ-2-Diabetes bereits als Warnung verstanden werden kann, noch bevor sich ein möglicherweise familienbedingter, diabetesbegünstigender Lebensstil in Form von starkem Übergewicht bemerkbar macht.

Referenzen

Referenzen

  1. Wagner R, et al: Diabetologia 2013; 56(10):2176-2180
    http://dx.doi.org/doi:10.1007/s00125-013-3002-1

Autoren und Interessenkonflikte

Ulrike Walter-Lipow
Es liegen keine Interessenkonflikte vor.

Fritsche A: Es liegen keine Interessenkonflikte vor.

Martin S: Es liegen keine Erklärungen zu Interessenkonflikten vor.

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