Der neue OP-Boom in der Orthopädie – eine Ursachensuche

Heike Dierbach | 31. Oktober 2013

Autoren und Interessenkonflikte

Berlin – Die Vorstellung kratzt am Selbstverständnis: Operieren Ärzte in Deutschland unnötigerweise Patienten, um die Einnahmen ihrer Klinik zu steigern? Derartige Vermutungen werden von Politik und Medien immer wieder geäußert. Auf dem Deutschen Kongress für Orthopädie und Unfallchirurgie (DKOU) stellten sich die Praktiker der Debatte: Auf dem Panel „Operieren wir zuviel?“ diskutierten Vertreter von Fachverbänden, Versicherungen und Patienten über die aktuelle Datenlage [1]. Dabei zeigte sich: Die Operationszahlen steigen nicht in allen Bereichen gleich, und die Ursachen sind vielschichtig. Dennoch ist es nicht zu leugnen: Die Finanzen spielen eine Rolle.

Zeitlicher Zusammenhang zur DRG-Einführung

„Ein Teil der Mengensteigerung ist politisch induziert durch die seit Jahren systematische Unterfinanzierung der Kliniken.“
Jürgen Malzahn

Allgemein wird heute mehr operiert als früher. Das erläuterte Jürgen Malzahn, Abteilungsleiter Stationäre Versorgung und Rehabilitation des AOK-Bundesverbands, anhand der Daten seiner Krankenkasse. Danach haben die Behandlungen nach dem OPS (Operationen- und Prozedurenschlüssel) seit 2006 um 35% zugenommen [2].

Zu erwarten gewesen wäre aufgrund der Altersentwicklung jedoch ein Anstieg von nur 2,3%. Die größte Gruppe machen Eingriffe am Bewegungsapparat aus. Allerdings haben auch hier nicht alle Arten von Operationen gleich stark zugelegt: Für Knie- und Hüftendoprothesen stagnieren die Zahlen, Wirbelsäuleneingriffe hingegen haben sich seit 2005 mehr als verdoppelt (plus 136%).

Die Steigerungen stehen in direktem zeitlichen Zusammenhang mit der Einführung der pauschalierenden Vergütung nach DRG (Diagnosis Related Groups). Zugleich haben die Länder ihre Fördermittel für Krankenhausinvestitionen gesenkt. „So ist eine Finanzierungslücke entstanden, die immer größer wird“, sagt Malzahn. Um diese auszugleichen, suchten die Kliniken ihr Heil in der Menge: „Ein Teil der Mengensteigerung ist daher politisch induziert durch die seit Jahren systematische Unterfinanzierung der Kliniken.“ Malzahn fordert wieder ein stärkeres Engagement der Länder für Krankenhausinvestitionen.

Wohnort = OP-Wahrscheinlichkeit

Doch nicht alle Kliniken reagieren auf die veränderten finanziellen Bedingungen gleich. Bei der Verteilung der Wirbelsäulenoperationen etwa zeigen sich erhebliche regionale Unterschiede, wie Prof. Dr. Fritz Uwe Niethard, Generalsekretär der Deutschen Gesellschaft für Orthopädie und Orthopädische Chirurgie (DGOOC), in Berlin erläuterte [3].

„Ob eine Versorgungsrate zu hoch ist, kann nur mit weiterer Versorgungsforschung beantwortet werden.“
Prof. Dr. Fritz Uwe Niethard

In den östlichen Bundesländern wird zum Beispiel eher wenig operiert, besonders viel dagegen in Bayern und Schleswig-Holstein. OP-freudige Kreise haben dabei fast das Sechsfache an Operationen zu verzeichnen wie die zurückhaltenden Bezirke, obwohl sie teilweise direkt nebeneinander liegen. „Das muss Gründe haben“, sagt Niethard.

Es scheint nicht so zu sein, dass das Angebot die Nachfrage schafft: In Ballungszentren mit vielen spezialisierten Kliniken wird im Verhältnis eher weniger operiert. „Das liegt vermutlich daran, dass es dort auch viele niedergelassene Orthopäden gibt“, sagt Niethard, „dadurch werden die Patienten eher konservativ behandelt.“

Ärmere werden seltener operiert

Er stellte noch einen weiteren Zusammenhang fest: Die Verteilung der Operationen korreliert negativ mit dem Sozialstatus. Ärmere Patienten werden weniger operiert als wohlhabende – obwohl das Honorar bei gesetzlich Versicherten gleich ist. „Diese Patientengruppe fragt offenbar weniger danach, oder sie akzeptiert eher eine gewisse Einschränkung.“ Niethard resümiert: „Ob eine Versorgungsrate zu hoch ist, kann nur mit weiterer Versorgungsforschung beantwortet werden.“

Auch Dr. Regina Klakow-Franck, unparteiisches Mitglied des Gemeinsamen Bundesausschusses (G-BA), betont, dass steigende Operationszahlen als solche nicht automatisch ein Qualitätsproblem sind: „Kritisch wird es erst, wenn Operationen durchgeführt werden, die medizinisch nicht notwendig sind.“ [4].

„Kritisch wird es erst, wenn Operationen durchgeführt werden, die medizinisch nicht notwendig sind.“
Dr. Regina Klakow-Franck

Um die Qualität von Behandlungen und Indikationen sicherzustellen, hat der G-BA verschiedene Instrumente. Eines sind die Indikationskriterien für jede Operation. Laut Meldungen der Kliniken sind diese bei Knie- und Hüftoperationen zu über 90% erfüllt. Allerdings gibt es Kliniken, deren Quote deutlich darunter liegt.

Überdies werden immer wieder Patienten operiert, die eine sehr schlechte Allgemeinprognose haben. „Hier muss man dann schon das Gespräch mit den Kliniken suchen“, sagt Klakow-Franck. Ihr Fazit: „Die Mengenentwicklung ist nicht monokausal verursacht, sondern von verschiedenen Faktoren abhängig.“

Referenzen

Referenzen

  1. Deutscher Kongress für Orthopädie und Unfallchirurgie (DKOU), 22. bis 25. Oktober 2013, Berlin
    Panel „Operieren wir zu viel?“ am 23. Oktober 2013
    http://www.dkou.org
  2. s. [1] Malzahn J: Mengenentwicklung im Krankenhaus
  3. s. [1] Niethard FU: Operieren wir zu viel in Orthopädie und Unfallchirurgie?
  4. s. [1] Klakow-Franck R: Instrumente der Sozialgesetzgebung zur Qualitätssicherung

Autoren und Interessenkonflikte

Heike Dierbach
Es liegen keine Interessenkonflikte vor.

Malzahn J, Niethard F, Klakow-Franck R: Es liegen keine Erklärungen zu Interessenkonflikten vor.

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