Pankreaskarzinom: Neue Therapieoption für das Sorgenkind der Onkologen

Dr. Sylvia Bochum | 31. Oktober 2013

Autoren und Interessenkonflikte

Wien – Die Kombination nab-Paclitaxel plus Gemcitabin könnte sich beim metastasierten Pankreaskarzinom als ein neuer Therapiestandard etablieren. Grundlage dafür könnte die MPACT-Studie (Metastatic Pancreatic Adenocarcinoma Clinical Trial) sein, deren Ergebnisse jetzt im New England Journal of Medicine veröffentlicht worden sind [1]. Die Ergebnisse wurden auch auf der Jahrestagung der deutschen, österreichischen und schweizerischen Krebsgesellschaften in Wien diskutiert, wo Prof. Dr. Thomas Seufferlein, Ärztlicher Direktor der Klinik für Innere Medizin I am Universitätsklinikum Ulm, über die aktuellen Therapieoptionen beim metastasierten Pankreaskarzinom berichtete [2].

Das Pankreaskarzinom gilt aufgrund seiner schlechten Prognose nach wie vor als das Sorgenkind der Onkologen. Die meisten Pankreaskarzinome sind bei Diagnosestellung bereits metastasiert oder zumindest lokal fortgeschritten. In diesen Stadien stellt die palliative Chemotherapie die wichtigste therapeutische Option dar, wobei Gemcitabin mit oder ohne Erlotinib seit vielen Jahren den Standard in der Erstlinientherapie darstellt. Erst 2011 konnte mit FOLFIRINOX ein weiteres vielversprechendes Therapieregime, bestehend aus 5-Fluorouracil, Leucovorin, Irinotecan und Oxaliplatin, etabliert werden (Medscape berichtete) [3]. Dieses steigert im Vergleich zu einer Gemcitabin-Monotherapie im Median die Überlebenszeit um 4,3 Monate, hat jedoch ein nicht unerhebliches Toxizitätspotenzial.

Neue Kombinationstherapie in allen Subgruppen effektiv

In der internationalen, multizentrischen Phase-III-Studie MPACT erhielten jetzt 861 therapienaive Patienten mit einem metastasierten Adenokarzinom des Pankreas Gemcitabin entweder als Monotherapie oder in Kombination mit nab-Paclitaxel. Primärer Endpunkt der von dem Pharmahersteller Celgene geförderten Studie war das Gesamtüberleben, sekundäre Endpunkte waren das progressionsfreie Überleben (PFS) und die Ansprechrate.

„Dieses Patienten-
kollektiv ist nah dran an der täglichen klinischen Praxis“
Prof. Dr. Thomas Seufferlein

Das Ergebnis: Die Überlebenszeit war unter der Kombinationstherapie nab-Paclitaxel plus Gemcitabin mit im Median 8,5 versus 6,7 Monaten signifikant länger als unter einer Gemcitabin-Monotherapie (HR=0.72; p<0.001). Das progressionsfreie Überleben war mit 5,5 versus 3,7 Monaten ebenfalls signifikant verlängert (HR=0.69; p<0.001). Die Ansprechrate betrug unter der Kombinationstherapie 23% vs 7% bei einer Gemcitabin-Monotherapie. Die 1-Jahres-Überlebensrate lag bei 35% vs 22%, die 2-Jahres-Überlebensrate bei 9% vs 4%. Die Kombinationstherapie war dabei in allen untersuchten Subgruppen effektiv – insbesondere auch bei jenen Patienten mit einem ungünstigen Risikoprofil.

„Das sind extrem gute Nachrichten“, kommentierte Seufferlein diese Ergebnisse in Wien. Nach Jahren des Stillstands habe man mit der Kombination nab-Paclitaxel plus Gemcitabin sowie dem bereits etablierten FOLFIRINOX-Schema jetzt erstmals zwei neue Therapieregime zur Hand, die im direkten Vergleich mit einer Gemcitabin-Monotherapie einen signifikanten Überlebensvorteil erbrachten.

Weiterhin sorgfältige Wahl des Behandlungskonzepts nötig

Die FOLFIRINOX-Studie lieferte bislang die besten Überlebenszeiten, die jemals beim metastasierten Pankreaskarzinom berichtet worden sind (11,1 Monate vs 6,8 Monat im Gemcitabin-Arm). Allerdings zeigt FOLFIRINOX eine deutlich höhere Toxizität (Grad-3/4-Neutropenierate 46% vs 21%). Patienten, die älter als 75 Jahre und kränker waren (ECOG-Status =2) waren von der Studie generell ausgeschlossen. Aufgrund der Datenlage komme FOLFIRINOX deshalb momentan nur bei Patienten in einem guten Allgemeinzustand infrage.

Viele Patienten im klinischen Alltag seien jedoch älter bzw. in einer deutlich reduzierten körperlichen Verfassung, so Seufferlein. Für diese könnte die Kombination nab-Paclitaxel plus Gemcitabin jetzt eine neue und effektive Behandlungsoption darstellen. Denn in der MPACT-Studie waren immerhin 10% der eingeschlossenen Patienten über 75 Jahre alt, 8% hatten einen ECOG von 2 und rund 20% einen Gallengang-Stent. „Dieses Patientenkollektiv ist nah dran an der täglichen klinischen Praxis“, kommentierte Seufferlein.

PD Dr. Helmut Oettle, niedergelassener Onkologe in Friedrichshafen und Mitverfasser der deutschsprachigen Leitlinie zum Pankreaskarzinom, betonte bei der DGHO-Tagung im Rahmen einer Session zum Pankreaskarzinom, dass man künftig genau überlegen müsse, welche Patienten man mit welchem Behandlungskonzept therapiere [4]. „Momentan kann man das meiner Meinung nach nur klinisch im Gespräch mit dem Patienten entscheiden“, so Oettle. FOLFIRINOX und nab-Paclitaxel plus Gemcitabin würden dabei vor allem um die Patienten in einem guten Allgemeinzustand konkurrieren. Bei älteren Patienten sowie bei erhöhtem Bilirubin sei hingegen weiterhin Gemcitabin mit oder ohne Erlotinib der gängige Standard.

Zulassung in Sicht

Die Rate schwerer, unerwünschter Ereignisse war im nab-Paclitaxel-plus-Gemcitabin-Arm im Vergleich zur Gemcitabin-Monotherapie nicht erhöht, die Nebenwirkungen meist Grad 3 oder niedriger und klangen in der Regel ohne weitere Behandlung wieder ab. Stärker ausgeprägt waren hingegen die Unterschiede hinsichtlich des Auftretens einer peripheren Neuropathie (17% vs 1%). „Diese ist nach Therapieende aber rasch und weitestgehend vollständig reversibel“, so Seufferlein. Insgesamt seien die Nebenwirkungen von nab-Paclitaxel plus Gemcitabin in der Studie akzeptabel und kontrollierbar gewesen.

Im September 2013 hat die FDA in den USA nab-Paclitaxel (ABRAXANE®, Celgene) plus Gemcitabin die Zulassung für die Behandlung des metastasierten Pankreaskarzinoms erteilt. Diese wird für das erste Quartal 2014 auch in Europa erwartet.

Referenzen

Referenzen

  1. Von Hoff DD, et al: NEJM (online) 16. Oktober 2013
    http://dx.doi.org/10.1056/NEJMoa1304369
  2. Jahrestagung der Deutschen, Österreichischen und Schweizerischen Gesellschaften für Hämatologie und Onkologie (DGHO), 18. bis 22.10.2013, Wien
    Fortbildung Pankreaskarzinom, V286 (20.10.2013)
    www.haematologie-onkologie-2013.at
  3. Conroy T, et al: NEJM 2011;364(19):1817-25
    http://dx.doi.org/10.1056/NEJMoa1011923
  4. Jahrestagung der Deutschen, Österreichischen und Schweizerischen Gesellschaften für Hämatologie und Onkologie (DGHO), 18. bis 22.10.2013, Wien
    Freier Vortag Pankreaskarzinom, V450 (20.10.2013)
    www.haematologie-onkologie-2013.at

Autoren und Interessenkonflikte

Dr. Sylvia Bochum
Reisekostenerstattung von Celgene

Seufferlein T, Oettle H: Es liegen keine Angaben zu Interessenkonflikten vor.

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