In 100 Minuten zur Reperfusion – hervorragende Infarktversorgung in Deutschland

Sonja Böhm | 11. Oktober 2013

Autoren und Interessenkonflikte

Dresden – In der Akutversorgung von Herzinfarkt-Patienten ist Deutschland Spitze. Von 10 Patienten mit ST-Hebungsinfarkt (STEMI) erhalten 9 eine akute Reperfusionstherapie. Und dies in der Regel relativ rasch – im Mittel vergehen nur 100 Minuten vom Erstkontakt bis zur Reperfusion, wenn der Infarktpatient direkt in ein Krankenhaus mit Herzkatheterlabor gebracht wird. Etwas länger, genau 75 Minuten mehr, dauert diese auch als „Contact-to-Ballon-Zeit“ bezeichnete Spanne, wenn die Ersteinlieferung in eine Klinik ohne Katheterlabor erfolgt und erst eine Verlegung notwendig ist.


Prof. Dr. Uwe Zeymer

Lediglich zwischen 7 und 8% der Infarktpatienten, die lebend das Krankenhaus erreichen, sterben dann trotzdem noch. „Vor zwei Jahrzehnten lag diese Rate doppelt so hoch“, verkündete Prof. Dr. Uwe Zeymer vom Klinikum der Stadt Ludwigshafen auf einer Pressekonferenz anlässlich der Herbsttagung der Deutschen Gesellschaft für Kardiologie (DGK) in Dresden [1]. Zeymer, der einer der Tagungspräsidenten des diesjährigen Kongresses ist, stellte dort die beeindruckenden aktuellen Daten des Deutschen Herzregisters vor, die soeben auch in der Deutschen Medizinischen Wochenschrift publiziert wurden [2].

Deutschland schneidet nach seiner Auskunft bei der frühen Reperfusion mit einer Rate von rund 90% im europäischen Vergleich hervorragend ab. Die Quoten in den anderen europäischen Ländern reichen von unter 50 bis zu ebenfalls über 90%.

Regionale Unterschiede sind beträchtlich

Allerdings gibt es auch in der Bundesrepublik bei der Herzinfarkt-Sterblichkeit große regionale Unterschiede, wie DGK-Präsident Prof. Dr. Christian Hamm, Direktor der Medizinischen Klinik I, Universität Gießen, mitteilte. So ist die Sterblichkeit am Herzinfarkt in Sachsen-Anhalt mit 111 pro 100.000 Einwohner und Jahr am höchsten, gefolgt von Sachsen und Brandenburg (101 bzw. 96 Herzinfarkttote pro 100.000 Einwohner und Jahr). Die geringste Myokardinfarkt-Sterblichkeit findet sich in Berlin (56/100.000), Schleswig-Holstein und Hessen (je 57/100.000) sowie Baden-Württemberg (59/100.000).

Ob die unterschiedlichen Sterberaten mit Unterschieden in der Versorgungsqualität in Verbindung stehen, sei nicht klar, sagte Hamm. Vom Deutschen Herzbericht, der im Januar 2014 erscheinen soll, erhofft er sich mehr Klarheit, um „eine eventuelle regionale Unterversorgung“ aufzudecken.


„Vor zwei Jahrzehn-
ten lag diese Rate (Sterberate bei Herzinfarkt)
doppelt so hoch.“
Prof. Dr. Uwe Zeymer

Als wissenschaftliche Fachgesellschaft habe sich die DGK zum Ziel gesetzt, dazu beizutragen, die kardiologische Behandlung zu verbessern, sagte Hamm. Dieses Ziel sieht er durch die „enormen Erfolge in den letzten zwei Jahrzehnten“ erreicht. So sei etwa die Hälfte der in dieser Zeit dazu gewonnenen Lebenserwartung den Erfolgen in der Herzmedizin zu verdanken, verkündete er stolz. Dazu hätten Medikamente wie die Statine ebenso einen großen Beitrag geleistet hätten wie die Fortschritte in der interventionellen Kardiologie.

Auch was die Akutversorgung mit Medikamenten angeht, zeigt das deutsche Herzinfarktregister eine sehr gute Versorgungslage, berichtete Zeymer. Innerhalb der ersten 24 Stunden nach dem Akutereignis erhalten  im Schnitt über 80 bis 90% eine Plättchenhemmung sowie ein Statin, einen Betablocker und einen ACE-Hemmer – also die „big four“ der oralen Postinfarkt-Therapie – und natürlich auch ein Heparin.

„Baustelle“: Patienten mit kardiogenem Schock

Trotz aller Erfolge gibt es jedoch auch noch „Baustellen“, räumte Zeymer ein. Dazu gehört nach wie vor die Akutversorgung von Patienten mit kardiogenem Schock. Zwar erhalten auch sie inzwischen zu fast 90% eine Koronarintervention. Doch liegt die Sterblichkeit dieser Patienten immer noch bei 42%. Deutlich erhöht ist auch die Letalität der älteren Infarktpatienten über 75 Jahre – von ihnen sterben noch 16,4% in der Klinik (also rund doppelt so viele wie bei den jüngeren) und im kardiogenen Schock beträgt die Letalität in dieser höheren Altersgruppe sogar 61%. Dringend seien Studien notwendig, forderte Zeymer, um auch in diesen Kollektiven die Behandlungsergebnisse weiter zu verbessern.

„Bei Herz-
beschwerden gar nicht erst den Hausarzt anrufen, sondern gleich den Notdienst.“
Prof. Dr. Uwe Zeymer

Für das deutsche Herzinfarktregister sind in 243 Zentren in Deutschland, die rund ein Viertel der Versorgung von Patienten mit Herzinfarkt abdecken, über 1 bis 3 Monate konsekutiv die Patienten ausgewertet worden, die mit akutem ST-Hebungsinfarkt eingeliefert wurden, berichtete der Ludwigshafener Kardiologe. Rund 7.000 Patienten wurden so erfasst. „damit haben wir rund drei Viertel der in diesen Zentren behandelten Infarktpatienten abgedeckt“, so Zeymer. Die Erhebung fand bereits in den Jahren 2007/2008 statt. Seitdem hat sich aber wahrscheinlich nicht mehr viel verändert, so die Einschätzung des Experten.

Und was können die Patienten beitragen, um von der exzellenten Versorgung in Deutschland bei einem Herzinfarkt zu profitieren? Zeymers Rat: „Bei Herzbeschwerden gar nicht erst den Hausarzt anrufen, sondern gleich den Notdienst.“ Denn nach den Registerdaten kostet der Kontakt mit dem Hausarzt im Schnitt eine weitere – für die Prognose und das Überleben womöglich wertvolle – Stunde.

Referenzen

Referenzen

  1. Deutsche Gesellschaft für Kardiologie (DGK) 2013 –  Herbsttagung und Jahrestagung der Arbeitsgruppe Rhythmologie, 10.bis 12. Oktober 2013, Dresden
    http://ht2013.dgk.org/
    Pressemitteilung dazu:
    http://dgk.org/daten/HI-Versorgung.pdf
  2. Zeymer U, et al: DMW Deutsche Medizinische Wochenschrift 2013;138(39):1935-1940
    http://dx.doi.org/10.1055/s-0033-1349561

Autoren und Interessenkonflikte

Sonja Böhm
Es liegen keine Interessenkonflikte vor.

Zeymer U, Hamm C: Es liegen keine Erklärungen zu Interessenkonflikten vor.

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