Wenn Demenz die Sprache nimmt: Musiktherapie verhilft zu neuen Ausdrucksformen

Ursula Armstrong | 27. September 2013

Autoren und Interessenkonflikte

Musik hat Macht über Menschen. Sie kann zu Tränen rühren, geht in die Beine, lässt den Körper im Rhythmus mitschwingen. Musik kann längst vergessene Gefühle wachrufen. Sie beeinflusst Stimmung und Wohlbefinden. Kein Wunder also, dass Musik therapeutisch eingesetzt wird, auch in der Neurologie.

So ist aus der musiktherapeutischen Praxis schon lange bekannt, dass Musik einen positiven Einfluss auf Demenzpatienten hat. Allerdings können auch die schönste Melodie und die beste Musiktherapie nicht die Gedächtnisleistung der Patienten beeinflussen. Aber sie verbessern den emotionalen Ausdruck und das Wohlbefinden der Patienten. Das haben Frankfurter Wissenschaftler in einer Pilotstudie nachgewiesen, der ersten Studie überhaupt, die den Effekt der Musiktherapie messbar gemacht hat.

Neuartige Methode zur Messung des Therapieerfolges


Arthur Schall

In einem zweijährigen Projekt hat der Musikwissenschaftler und Psychologe Arthur Schall vom Arbeitsbereich Altersmedizin des Instituts für Allgemeinmedizin der Goethe-Universität Frankfurt am Main über ein halbes Jahr die Wirkung der Musiktherapie auf 9 Menschen mit fortgeschrittener Demenz, die zuhause gepflegt wurden, untersucht. „Der Demenz-Schweregrad war unterschiedlich. Es gab Teilnehmer, die noch sprechen konnten, und Teilnehmer, mit denen keine verbale Kommunikation mehr möglich war“, berichtet Schall im Gespräch mit Medscape Deutschland. Eine Musiktherapeutin der Fachhochschule Frankfurt hat die Patienten einmal pro Woche für 45 Minuten besucht.

Diese Sitzungen wurden auf Video festgehalten und nach einer in der Neurologie ganz neuen Methode ausgewertet, der Zeitreihenanalyse. Diese Methode fand bisher bei der Analyse von Börsenkursen oder meteorologischen Daten Anwendung. Jedes Video wurde in 30 Sekunden lange Sequenzen zerlegt, die von geschulten Beobachtern hinsichtlich der Kommunikationsfähigkeit der Patienten, ihres Wohlbefindens und ihres emotionalen Ausdrucks eingeschätzt wurde. So konnten die Wissenschaftler Veränderungen während der Sitzungen zeitlichen genau verfolgen und mit einer gewöhnlichen Alltagssituation vergleichen, die kurz vor der Musiktherapie aufgenommen worden war.

In Trend- und Interventionsanalysen wurden die Daten aller einzelnen Verläufe zusammengefasst. So konnten Schall und seine Mitarbeiter nachweisen, dass sich non-verbale Kommunikationsfähigkeit, Wohlbefinden und emotionaler Ausdruck der Demenz-Patienten während einer Musiktherapie deutlich verbesserten.

Statt wegzulaufen, musizierte der Patient stundenlang

Schall berichtet beispielsweise von einem Patienten, der von seiner Frau versorgt wurde und der zunächst noch verbal kommunizieren konnte. „Er war in einer Phase der Demenz, in der es oft Verleugnung gibt. Die Patienten merken, dass sie Defizite haben, vor allem in den Bereichen des Gedächtnisses und der Sprache, und ziehen sich innerlich zurück. Das war bei ihm das Problem: Er wollte es nicht wahrhaben.“

„Irgendwann hat er nach einem Instrument gegriffen und angefangen zu musizieren. Die Hemmschwelle war weg.“
Arthur Schall

Außer dieser Zurückgezogenheit gab es eine weitere Schwierigkeit: Der Patient hatte sich charakterlich stark verändert und wurde seiner Frau gegenüber zunehmend aggressiv. „Seine Frau sagte, sie erkenne ihn nicht wieder und sie finde keinen Zugang mehr zu ihm.“ Dieser Patient war zunächst sehr reserviert gegenüber der Musiktherapie. Aktiv ein Instrument zu spielen oder mitzusingen, lehnte er ab. Doch die rezeptive Musiktherapie war möglich: Die Therapeutin hörte mit ihm zusammen klassische Musik, die er mochte. Dann redeten sie noch ein wenig darüber. Jedes Mal brachte die Musiktherapeutin jedoch auch Instrumente mit und legte sie auf den Tisch – als kleine Aufforderung.

Dann schritt die Erkrankung des Patienten fort, das Sprachvermögen ließ nach und gleichzeitig auch die Fähigkeit, über seine Defizite bewusst zu reflektieren. „Irgendwann hat er nach einem Instrument gegriffen und angefangen zu musizieren. Die Hemmschwelle war weg“, erzählt Schall. Obwohl das nicht vorgesehen war, habe die Therapeutin daraufhin die Instrumente dort gelassen. Und nun saß dieser Patient, der vorher oft weggelaufen war, stundenlang in seinem Zimmer und musizierte mit Xylophon oder Trommel. „Das führte auch zu einer Charakterveränderung. Er hatte ein Ventil gefunden, um Emotionen, die er vorher nicht rauslassen konnte, auszudrücken und auszuleben. Er war nun viel ausgeglichener als vorher.“

Gemeinsames Musizieren schweißte das Paar wieder zusammen

Die Musiktherapeutin machte einen weiteren Versuch. Sie lud das Paar ins Institut für Musiktherapie ein und ließ die beiden dort in einem Raum mit vielen Instrumenten allein. Das war ein voller Erfolg: Beide musizierten – und zwar miteinander. „Die beiden konnten über die Musik wieder miteinander kommunizieren“, staunt Schall noch immer über diese Entwicklung.

Die Frau schaffte nun selbst Instrumente an. „Zuhause musizierten sie gemeinsam über Stunden. Jetzt ging es nicht mehr um Defizite. Der Patient hatte eine Ressource erschlossen, die es ihm ermöglichte, wieder etwas mit seiner Frau gemeinsam zu tun. Das hat die beiden zusammengeschweißt und zu einer deutlichen Entlastung in der Beziehung geführt.“

Ein besonders schönes Beispiel, aber kein untypisches. Die Musik hatte auch bei anderen Teilnehmern einen sehr positiven Effekt. Nach Ablauf der Studie baten viele Angehörige um die Fortsetzung der Musiktherapie und finanzierten sie sogar aus eigener Tasche.

Musiktherapie kann in allen Demenzstadien nützen

„Die Empfänglichkeit für musikalische Reize wird durch die Demenz kaum beeinträchtigt, sie bleibt bis ins Endstadium erhalten.“
Arthur Schall

Gerade demente Patienten und ihre Angehörigen können also deutlich von einer Musiktherapie profitieren. Wohlbefinden und Lebensqualität verbessern sich, es kann sich ein alternativer Kommunikationsweg entwickeln, und die Patienten finden ein Ventil für ihre Emotionen. Über die Musik können sie wieder Kontakt aufnehmen.

„Die Empfänglichkeit für musikalische Reize wird durch die Demenz kaum beeinträchtigt, sie bleibt bis ins Endstadium erhalten“, sagt Schall. In diesem fortgeschrittenen Stadium habe Musik dann nicht mehr die Funktion der Kontaktaufnahme, sondern die palliative Funktion, das Wohlbefinden zu erhalten.

Sollte man Demenz-Patienten also dann einfach ein paar Instrumente zuhause hinstellen? „Im Idealfall ist ein Musiktherapeut dabei“, sagt Schall. „Wenigstens am Anfang, um den Weg zu bahnen. Dann geht es vielleicht auch ohne. Man sollte es auf jeden Fall versuchen.“

Referenzen

Referenzen

  1. Schall A: Logos Verlag Berlin, ISBN 978-3-8325-3130-0
    http://www.logos-verlag.de/cgi-bin/buch/isbn/3130

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Ursula Armstrong
Es liegen keine Interessenkonflikte vor.

Schall A: Es liegen keine Interessenkonflikte vor.

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