Als die Neurologen laufen lernten – Mehr Nervenzellen durch Sport?

Simone Reisdorf | 25. September 2013

Autoren und Interessenkonflikte


Prof. Dr. Gerd Kempermann

Dresden – „Medizin in Bewegung“, so ist der 86. Kongress der Deutschen Gesellschaft für Neurologie (DGN) in Dresden überschrieben [1]. Bei der Auftakt-Pressekonferenz griff Prof. Dr. Gerd Kempermann vom Deutschen Zentrum für Neurodegenerative Erkrankungen in Dresden dieses Motto auf: „Nur Spezies, die sich bewegen, benötigen ein Nervensystem, und in der Evolution sind Gehirne entstanden, um Bewegung zu ermöglichen“, so der Hirnforscher.

Bewegung hilft dem Gehirn

Aber die Zusammenarbeit zwischen Hirn und Muskulatur ist keine Einbahnstraße.
„Es findet eine bidirektionale Kommunikation statt, von der auch das Gehirn profitiert“, so Kempermann im Gespräch mit Medscape Deutschland. „Denn nicht nur eine reizreiche Umgebung und aktives Lernen fördern die Neuroplastizität, sondern auch körperliche Bewegung kann dies bewirken.“

Dies gilt laut Kempermann auch für eine besondere Form der Neuroplastizität, die Neubildung von Neuronen im menschlichen Hippocampus. „Neue Nervenzellen dienen der Einordnung neuer Eindrücke in bereits bekannte Muster“, erklärte der Wissenschaftler beim Präsidentensymposium auf dem DGN-Kongress. Wer nicht mehr genügend neue Nervenzellen bilden kann, verliert diese Fähigkeit. „Das ist auch eines der Symptome, unter denen viele Demenzpatienten leiden.“

So liegt die Hoffnung nahe, dass eine durch Sport angeregte verstärkte Neubildung von Nervenzellen im Hippocampus eine „neurogene Reserve“ für das Alter schaffen könnte. Damit ließen sich womöglich Demenzen und andere neurodegenerative Erkrankungen verzögern oder gar verhindern.

Je sportlich aktiver, desto geistig reger

„In der Evolution sind Gehirne entstanden, um Bewegung zu ermöglichen.“
Prof. Dr. Gerd Kempermann

Erste Hinweise auf einen kognitiven Nutzen durch körperliche Fitness kamen aus epidemiologischen Studien. So zeigt eine Datenbank, die mehr als 1,2 Millionen schwedischer Rekruten umfasst, einen linearen Anstieg der kognitiven Fähigkeiten in Relation zur körperlichen Fitness der jungen Männer [2].

Auch in einer Metaanalyse von Prof. Dr. Carl D. Reimers, dem Leiter der Abteilung Elektrophysiologie im Rhön-Klinikum Bad Berka, wurde für sportliche Männer und Frauen eine um 20 bis 50% verringerte Inzidenz verschiedener Demenzen errechnet [3]. „Einen positiven Effekt kann man auch für die Prävention von Morbus Parkinson und Schlaganfällen erwarten“, hofft Reimers.

„Für die Metaanalyse wurden allerdings meist die aktivsten versus die inaktivsten Personen der jeweiligen Studie herangezogen“, gibt Kempermann gegenüber Medscape Deutschland zu bedenken. „Der Effekt körperlicher Aktivität auf die Demenz-Entstehung ist im Allgemeinen sicherlich nicht ganz so groß wie hier gezeigt. Er ist aber dennoch größer als der Einfluss aller anderen bekannten Präventionsmaßnahmen.“

Bewegung lässt Mäuse-Neuronen sprießen

Kempermann hat den Nutzen der Bewegung sowie einer reizreichen Umgebung für die Neuroplastizität seit langem in präklinischen Studien prospektiv untersucht. Beim DGN-Kongress präsentierte er eine aktuelle Studie, in der 40 genetisch identische Mäuse 3 Monate lang zusammen in einem großen, komplex ausgestatteten Käfig gehalten wurden. Ihre Bewegungen wurden mittels RFID-Chips verfolgt. Und tatsächlich bildeten diejenigen Tiere, die ihre Umwelt intensiv erkundeten, deutlich mehr neue Neuronen aus als diejenigen, die eher desinteressiert und faul waren [4].

„Der Effekt körperlicher Aktivität auf die Demenz-Entstehung ist (…) aber dennoch größer als der Einfluss aller anderen bekannten Präventions-
maßnahmen.“
Prof. Dr. Gerd Kempermann

„Offenbar spielen sowohl Bewegung als auch neue Erfahrungen eine wichtige Rolle für die Neuroplastizität“, so Kempermann auf Nachfrage von Medscape Deutschland. „Es gibt derzeit noch keine Gewichtung dieser Faktoren.“ Am besten wirkt womöglich beides zusammen: erst Sport, dann Lernen. Diese Schlussfolgerung lässt sich laut Kempermann ebenfalls aus Mäusestudien ableiten. Auf jeden Fall stellen die Studien klar, dass die genetische Ausstattung kein Alibi liefert: Das Individuum kann selbst aktiv werden und die Neuronenneubildung induzieren.

Mindestens 10.000 Schritte täglich

Die ersten Studien, die den Einfluss des Sports auf das menschliche Gehirn und Gedächtnis direkt zeigen sollten, erbrachten bisher uneinheitliche Ergebnisse. So wurde beispielsweise an Personen, die ein Walkingprogramm absolvierten, ein Anstieg der Gedächtnisspanne in Relation zur körperlichen Fitness gezeigt. Bei den Kontrollprobanden, die lediglich Stretching-Übungen machten, verbesserte sich das Gedächtnis dagegen nicht [5]. „Dabei gab es aber große individuelle Unterschiede, die nicht nur vom Fitnessgrad abhängig waren“, relativiert Kempermann diese Befunde.

Wenn auch die definitiven Belege für den Nutzen noch fehlen – eine Ausrede sollte das nicht sein, sich vor Bewegung zu drücken. Der Wissenschaftler warnte in Dresden jedenfalls nachdrücklich vor körperlicher Inaktivität, nicht nur, weil sie schwerwiegende metabolische Konsequenzen hat, sondern „weil wir uns damit der propriozeptiven Eindrücke berauben, die unser Gehirn braucht“. Er forderte unter anderem dazu auf, täglich mindestens 10.000 Schritte zurückzulegen. Die Neurologen beim DGN-Kongress gingen hier mit dem einstündigen Neurologenlauf an der Elbe und einem Benefiz-Fußballspiel mit gutem Beispiel voran.

Referenzen

Referenzen

  1. Deutsche Gesellschaft für Neurologie (DGN) – Jahreskongress 2013 18.–21. September 2013 Dresden.
    Pressekonferenz: Sport & Gehirn (18.09.2013) und Präsidentensymposium “Neurologie in Bewegung: Fortschritte in der Erforschung der Neurodegeneration“ (19.09.2013)
    http://www.dgn.org
  2. Aberg MA, et al: PNAS 2009;106, 20906-20911
    http://dx.doi.org/10.1073/pnas.0905307106   
  3. Reimers CD, et al: Aktuelle Neurologie 2012;39(06):276-291
    http://dx.doi.org/10.1055/s-0032-1316354
  4. Freund J, et al: Science 2013;340(6133):756-759
    http://dx.doi.org/10.1126/science.1235294
  5. Voss MW, et al: Human brain mapping (online) 5. Juni 2012
    http://dx.doi.org/10.1002/hbm.22119

Autoren und Interessenkonflikte

Simone Reisdorf
Es liegen keine Interessenkonflikte vor.

Kempermann G, Reimers CD: Es liegen keine Angaben zu Interessenkonflikten vor.

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