Multiple Sklerose: Deutsches Register REGIMS soll Immuntherapie verträglicher machen

Simone Reisdorf | 23. September 2013

Autoren und Interessenkonflikte


Prof. Dr. Heinz Wiendl

Dresden REGIMS heißt das vom Krankheitsbezogenen Kompetenznetz Multiple Sklerose (KKNMS) initiierte Register, das unter anderem unerwünschte Wirkungen in der Immuntherapie von MS-Patienten dokumentieren soll. „Nicht nur die bereits zugelassenen, sondern auch neue Medikamente möchten wir erfassen“, kündigte der stellvertretende Vorstandsvorsitzende des KKNMS, Prof. Dr. Heinz Wiendl, beim Jahreskongress der Gesellschaft für Neurologie (DGN)  in Dresden an.

„Das seit September 2013 bestehende Register REGIMS soll individuelle Therapieentscheidungen erlauben und damit die Qualität in der Patientenversorgung sichern und verbessern.“ Dies betonte Wiendl, der zugleich Direktor der Neurologie an der Wilhelms-Universität Münster ist, bei einer Pressekonferenz [1]. Zu diesem Zweck sind Neurologen und weitere Ärzte, die MS-Kranke behandeln, aufgefordert, alle 6 Monate den Krankheitsverlauf, die Medikation und die Nebenwirkungen ihrer Patienten zu melden.

Lange Liste immunmodulatorischer Medikamente

Als immumodulatorische MS-Medikamente im weiteren Sinne sind bereits jetzt zugelassen
(in alphabetischer Reihenfolge):

  • Alemtuzumab (Lemtrada®),
  • Azathioprin (Imurek® und Generika),
  • Beta-Interferone (Avonex®, Betaferon®, Extavia®, Rebif®),
  • Cyclophosphamid (Endoxan®),
  • Fingolimod (Gilenya®),
  • Glatirameracetat (Copaxone®),
  • Immunglobuline (Gamunex® 10%, Octagam®),
  • Mitoxantron (Ralenova®),
  • Natalizumab (Tysabri®) und
  • Teriflunomid (Aubagio®).

Und in den nächsten 1 bis 2 Jahren sollen noch mindestens 5 weitere Wirkstoffe hinzukommen. Auch deren Therapieverlauf und Verträglichkeit sollten gleich von Anfang an beobachtet werden, stellte Wiendl klar.

Biomarker helfen bei Therapieentscheidung

Immunmodulatorische MS-Medikamente sind im Allgemeinen hochwirksam, werden aber nicht alle von allen Patienten gleichermaßen vertragen. Ein Beispiel ist der Antikörper Natalizumab, der vorwiegend bei ansonsten therapieresistenten Patienten eingesetzt wird und hier beachtliche Erfolge bringt. Aber einige wenige Patienten erleiden nach einiger Zeit als schwerwiegende Nebenwirkung eine Progressive Multifokale Leukenzephalopathie (PML), wie Wiendl gewissermaßen im Exkurs erklärte.

„Das seit September 2013 bestehende Register REGIMS soll individuelle Therapie-
entscheidungen erlauben und damit die Qualität in der Patientenversorgung sichern und verbessern.“
Prof. Dr. Heinz Wiendl

Die Hirnentzündung PML wird ausgelöst durch das opportunistisch vorkommende JC-Virus. Es ist für immunkompetente Personen weitgehend ungefährlich, aber eben nicht für Immunsupprimierte. Bis vor kurzem wurde deshalb denjenigen MS-Patienten, die mit Immuntherapeutika behandelt wurden und/oder schon einmal eine JC-Infektion hatten, aus Sorge vor PML meist von der Weiterbehandlung mit Natalizumab abgeraten.

Erst vor wenigen Monaten wurde ein spezifischer Marker entdeckt, der die Risikoprognose treffsicherer macht: Patienten, die an PML erkranken, haben schon vorher einen Mangel an dem Oberflächenprotein L-Selektin (CD62L) auf ihren Immunzellen. „Hätten wir in den letzten Jahren bereits unser Register gehabt, wäre uns dieser Zusammenhang dort vermutlich auch aufgefallen“, meinte Wiendl. „Solche klaren Aussagen und Erkenntnisse erhoffen wir uns von REGIMS.“

Blutproben für die Forschung

„Mit dem Register betreten wir Neuland – etwas Vergleich-
bares gab es für MS-Patienten in Deutschland bisher nicht.“
Prof. Dr. Heinz Wiendl

Um solche und andere neue Biomarker zu entdecken, werden in REGIMS nicht nur offensichtliche Symptome erfasst. Vielmehr können die Patienten auf freiwilliger Basis Blutproben für die KKNMS-Biobank zur Verfügung stellen. Diese können dann systematisch untersucht und bei auftretenden unerwünschten Wirkungen retrospektiv ausgewertet werden.

Eine weitere Möglichkeit der Patientenmitwirkung an REGIMS ist das Ausfüllen von Fragebögen: Sie sollen Aussagen zu Therapiezufriedenheit und Lebensqualität der MS-Kranken liefern. „Mit dem Register betreten wir Neuland – etwas Vergleichbares gab es für MS-Patienten in Deutschland bisher nicht“, betonte Wiendl abschließend.

Referenzen

Referenzen

  1. Deutsche Gesellschaft für Neurologie (DGN): Jahreskongress 2013 – 18. bis 21. September 2013 Dresden,  Fachpressekonferenz 20. September 2013
    http://www.dgn.org/pressemitteilungen/neues-immuntherapie-register-fuer-mehr-arzneimittelsicherheit.html

Autoren und Interessenkonflikte

Simone Reisdorf
Es liegen keine Interessenkonflikte vor.

Wiendl H: Es liegen keine Angaben zu Interessenkonflikten vor.

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