Virtuell: Sämtliche Präsentationen des Diabeteskongresses der EASD sind künftig online

Lisa Nainggolan | 20. September 2013

Autoren und Interessenkonflikte

Für jene, die es nicht schaffen, nächste Woche auf dem Kongress der Europäischen Diabetes-Vereinigung EASDin Barcelona anwesend zu sein, gibt es keinen Grund, sich zu grämen: „Das Kongressgeschehen wird dieses Jahr ein echt virtuelles Erlebnis sein”, stellte EASD-Geschäftsführer Dr. Viktor Jörgens in Aussicht [1].

Jörgens erklärte, sämtliche Forschungsergebnisse, die man auf dem weltgrößten Diabetes-Kongress den voraussichtlich 19.000 Teilnehmern vorstellen wird, könnten innerhalb von 20 Minuten nach Präsentation online zur Verfügung stehen.

Er betonte, die Berichterstattung über medizinische Internetseiten, z. B. Medscape Deutschland, biete darüber hinaus „wertvollen Kontext”, der Medizinern wie Wissenschaftlern weltweit das Gefühl vermitteln werde, in Barcelona dabei zu sein, ohne die Reise angetreten zu haben.

Das Kongressgeschehen wird unter www.easdvirtualmeeting.org  zur Verfügung stehen. Zu jeder der etwa 350 Präsentationen soll eine 2-minütige Zusammenfassung abrufbar sein, inklusive Links auf die entsprechenden Präsentationsfolien (sofern die Urheber einwilligen), nebst den Inhalten sämtlicher Poster. Auf diese Weise kann das Datenvolumen der Internetübertragungen klein gehalten und selbst mittels langsamerer Internetverbindungen auf PCs, Macs sowie Android- und iPhone-Geräte heruntergeladen werden. Die Leserschaft soll den Referenten auch Kommentare zusenden können, die von den Betreffenden möglichst beantwortet werden sollten.

„Es ist unser erklärtes Ziel, die Übertragung ähnlich wie bei einem Fußballspiel … zu gestalten. 80.000 Leute im Stadium, aber weltweit 80 Millionen Zuschauer.“
Dr. Viktor Jörgens

„Es ist unser erklärtes Ziel, die Übertragung ähnlich wie bei einem Fußballspiel im Rahmen eines Europapokalwettbewerbs zu gestalten, z.B. Bayern München gegen Barcelona: Es gibt da 80.000 Leute im Stadium, aber weltweit 80 Millionen Zuschauer“, meinte Jörgens. Noch vor dem Beginn des Kongresses nannte er im Gespräch mit Medscape Medical News die Höhepunkte der Veranstaltung aus seiner Sicht.

Ein zentrales Kongressthema: Sicherheit

Die Sicherheit von Diabetesmedikamenten und -geräten wird eines der zentralen Themen auf dem EASD-Kongress 2013 sein. Den wichtigsten Aspekten soll viel Präsentations- und Diskussionszeit eingeräumt werden, stellte Jörgens in Aussicht.

Dies beinhalte eine eingehende Aufarbeitung der kardiovaskulären Sicherheitsstudien SAVOR-TIMI 53 und EXAMINE zu 2-Gliptin-Antidiabetika (Dipeptidylpeptidase-4-(DPP-4)-Hemmer), deren neueste Ergebnisse jüngst auf dem Kongress der Europäischen kardiologischen Gesellschaft (ESC)vorgestellt wurden (Medscape Deutschland berichtete). Obwohl die vorläufigen Ergebnisse befriedigend waren, sollen diese nun „detaillierter dargelegt werden“, meinte Jörgens. Die Hinweise auf eine Hospitalisierung wegen Saxagliptin-bedingten Herzversagens und den entsprechenden Implikationen sollten näher beleuchtet werden, um ein vollständiges Nutzen-Risiko-Profil zu dieser Wirkstoffklasse erstellen zu können.

Der Kongress wird ebenso neue Information zum Thema Pankreatitis- und Pankreaskarzinomrisiko bieten. Es handelt sich hierbei um weitere mögliche Sicherheitsprobleme bei Gliptinen und den verwandten GLP-1-Rezeptoragonisten – unter dem Oberbegriff der Inkretinmimetika zusammengefasst – welche dieses Jahr in die Schlagzeilen geraten waren.

Was die Sicherheit von Medizingeräten zur Diabetikertherapie in der EU betrifft, wird es auch rege Diskussionen geben, ergänzte Jörgens, und stellte gleichzeitig fest, es existiere „in Europa keine mit der amerikanischen Food and Drug Administration (FDA) vergleichbare Institution für deren qualitative Bewertung”. Medizingeräte haben in Europa bereits mehrfach wegen der mangelhaften Regulierung zu Skandalen geführt, erläutert er, dies betreffe auch Brustimplantate und Hüftgelenksprothesen. Die EASD setze sich bei der EU-Kommission für strengere Kontrollen ein.

„Es geht hierbei um ein dringendes politisches Problem. Berücksichtigt man die Bandbreite möglicher Folgen einer unzureichenden Überwachung des Blutzuckerspiegels – häufig aus finanziellen Gründen – zeigt sich ein potenziell beträchtliches Problem inkorrekter Arzneimittelanwendung“, betonte er.

Typ-1-Diabetiker leben länger den je

Es werde auch einige gute Nachrichten geben, versicherte er. Eine der spannendsten Präsentationen befasse sich mit jüngsten Daten aus Europa: Diese zeigen, dass Typ-1-Diabetiker länger leben denn je, so Jörgens.

„Die Lebenserwartung für Typ-1-Diabetiker ist beträchtlich gestiegen, etwas, das in diesem Ausmaß bisher nicht belegt wurde.“
Dr. Viktor Jörgens

„Die Lebenserwartung für Typ-1-Diabetiker ist beträchtlich gestiegen, etwas, das in diesem Ausmaß bisher nicht belegt wurde – wir ernten nun die Früchte aus 30 Jahren Arbeit und den positiven Auswirkungen der Studien, z. B. der Diabetes Control and Complications Trial (DCCT), konstatierte er.

Bedauerlich sei allerdings, dass weitere Untersuchungen zu Typ-1-Diabetikern belegten, dass die Patienten trotz eines Zugewinns an Lebenszeit gleichzeitig sozialen Härten ausgesetzt seien. Es sei weniger wahrscheinlich, dass sie beruflich Karriere machten und sie würden durchschnittlich weniger verdienen als Nichtdiabetiker. Daher erscheine es erforderlich, die Interessen der Patienten besser zu vertreten und den Gründen solcher Ungleichheiten auf die Spur zu kommen, hielt er fest.

Die Arbeit an einer möglichen Heilung sei enorm wichtig, fügte er hinzu. Er kündigte an, dass es zu diesem Thema eine außerordentliche Pressekonferenz der Juvenile Diabetes Research Foundation (JDRF) geben werde, die künftige zellbasierte Therapien näher beleuchte. „Vielleicht wird man einen Typ-1-Diabetes eines Tages mittels Implantierung von Zellen oder künstlichen Betazellen heilen können. Was auch immer dann erfolgreich sein wird, es wäre endlich ein Durchbruch in der Typ-1-Diabetestherapie“, bemerkte er.

„Vielleicht wird man einen Typ-1-Diabetes eines Tages mittels Implantierung von Zellen oder künstlichen Betazellen heilen können.“
Dr. Viktor Jörgens

Diskussionsstoff: Langwirksame Insuline und Lipidsenkung

Andere Höhepunkte des Kongresses beinhalten die 15-Jahresdaten der bedeutenden UK Prospective Diabetes Study (UKPDS) bei Typ-2-Diabetes wie auch die Debatte über langwirksame Insuline. Manche Leute sind der Meinung, solche Insuline seien eine nette Idee, andere fragen: ‚Warum?’“ Jörgens stellte in Aussicht, die Michael-Berger-Debatte zur Frage „Je länger desto besser?“, werde für allerhand Aufmerksamkeit sorgen.

Ebenso könnte die Diskussion um eine Lipidsenkung bei Diabetikern oder die Sitzung zur Angemessenheit von Adipositas-Chirurgie bei Typ-2-Diabetikern viele Interessenten finden.

Das EASD-Programm biete zudem zahlreiche Präsentationen über neue Diabeteswirkstoffe, ergänzte Jörgens abschließend. Es gebe „kein anderes Forschungsgebiet, das so viele neue, in der Entwicklung befindliche Wirkstoffe bietet, zudem mit solch vielfältigen Wirkprinzipien, bei praktisch sämtlichen namhaften Pharmaherstellern der Welt“.

Dieser Text wurde von Dr. Immo Fiebrig aus www.medscape.com übersetzt und adaptiert.

Referenzen

Referenzen

  1. European Association of the Study of Diabetes (EASD): 49th EASD Annual Meeting, 22. bis 27. September 2013, Barcelona
    http://www.easdvirtualmeeting.org/

Autoren und Interessenkonflikte

Lisa Nainggolan
Es liegen keine Interessenkonflikte vor.

Dr. Immo Fiebrig
Es liegen keine Interessenkonflikte vor.

Jörgens V: Es liegen keine Interessenkonflikte vor.
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