EUROASPIRE IV enttäuschend: Therapie von KHK-Patienten immer noch unzulänglich

Simone Reisdorf | 4. September 2013

Autoren und Interessenkonflikte

Amsterdam – Die Umsetzung der medikamentösen und nichtmedikamentösen Empfehlungen der European Society of Cardiology (Joint-ESC-Guidelines) zur kardiovaskulären Sekundärprävention lässt leider zu wünschen übrig. Das legen jedenfalls Daten aus  der multizentrischen Querschnittsstudie EUROASPIRE IV nahe, die jetzt auf dem ESC-Kongress in Amsterdam präsentiert wurden [1].

Sie umfassen Auswertungen zu der Behandlung von knapp 8.000 hospitalisierten Patienten mit akuter Koronarischämie, mit Perkutanintervention oder mit Bypass-Operation. Bei EUROASPIRE IV handelt sich um eine Registerstudie, in die die Daten von insgesamt mehr als 13.000 Patienten mit koronarer Herzkrankheit (KHK) aus 79 Zentren in 24 Ländern eingegangen sind [2].

Raucher trotz KHK

Umfassende und teils sehr heterogene Ergebnisse liefert die Studie zum Lebensstil der Patienten. So variierte der Anteil der Raucher von 8% in Finnland bis 28% in Zypern, insgesamt rauchten 16% der Patienten – Deutschland lag mit nur 12% auf einem erfreulichen Rang 19 von 24.

Immerhin 48,6% der nikotinabhängigen Studienteilnehmer setzten trotz des kardiovaskulären Index-Ereignisses, das sie zu EUROASPIRE-Kandidaten gemacht hatte, den Tabakkonsum fort. Besonders unvernünftig agierten die französischen Patienten, von denen 71% trotz KHK weiter rauchten, im Gegensatz zu nur 27% der spanischen und 52% der deutschen Patienten.

„Übergewichtig? Das hat mir niemand gesagt.“

„Dass ich übergewichtig sein soll, hat mir mein Arzt nie gesagt.“
Patienten der EUROASPIRE-Studie

Unter den Patienten waren 4 von 5 übergewichtig und 37,6% adipös. Deutschland lag hier mit 37% voll im Trend. 19% der Gesamtgruppe wie auch der deutschen Teilnehmer versteckten sich hinter Unwissenheit und behaupteten: „Dass ich übergewichtig sein soll, hat mir mein Arzt nie gesagt.“

Interessant ist, dass 81,3% aller KHK-Patienten, denen ihr Arzt ein kardio-pulmonales Trainings- oder Rehabilitationsprogramm empfohlen hatte, dieses auch halbwegs regelmäßig besuchten: Sie nahmen an mehr als der Hälfte der Trainingsstunden teil. Hier führten die deutschen Patienten mit sensationellen 97%. „Das spricht sehr für die Einsicht unserer Patienten“, lobt Prof. Dr. Eberhard Standl, Diabetologe und Endokrinologe in München, im Gespräch mit Medscape Deutschland.

Allerdings wird leider nur jedem zweiten Patienten überhaupt die Teilnahme an einem solchen Rehaprogramm ärztlich empfohlen. „Das sollten wir ändern“, so Standl: „Jede Klinik sollte eine Kooperation mit einer Rehabilitationseinrichtung haben oder mit den Krankenversicherern zusammenarbeiten, die oft eigene Programme anbieten.“

Die Teilnahme an kardio-pulmonalen Rehabilitationskursen würde laut Standl auch eine gründlichere und individuellere Diagnostik „ohne den Zeitdruck in der Akutklinik” ermöglichen. Bei der derzeitigen Praxis jedenfalls scheint einiges im Argen zu liegen: Obwohl alle Patienten in EUROASPIRE IV eine manifeste KHK hatten, wurden 13% (in Deutschland sogar 19%) mit einem unerkannten Typ 2-Diabetes aus dem Krankenhaus entlassen.

Darüber hinaus hatten 16% der EUROASPIRE-IV-Patienten eine gestörte Glukosetoleranz und 10% eine erhöhte Nüchternglukose. 27% wussten bereits vor dem Index-Ereignis von ihrem Diabetes, nur 34% waren tatsächlich stoffwechselgesund.

Behandelt, aber nicht im Zielbereich

Ein wichtiges Ziel von EUROASPIRE IV war die Überprüfung der Behandlungsqualität der KHK-Patienten. Deren Zielvorgaben basierten auf der europäischen Leitlinie zur Prävention kardiovaskulärer Erkrankungen von 2007. Sie wurden teils nur von wenigen Patienten erfüllt. So erreichten nur 33% (Deutschland: 30%) das damals gültige Blutdruckziel <130/80 mmHg.

„Dass trotz Statintherapie nur jeder zweite deutsche Patient seine Zielwerte erreichte, lässt auf die Verordnung zu niedriger Statindosen schließen.“
Prof. Dr. Eberhard Standl

Dies galt auch für Patienten unter antihypertensiver Therapie: Selbst von ihnen blieben nur 29% (Deutschland: 28%) unter 130/80 mmHg. Übrigens wurden auch die aktuellen Zielwerte von 2012, <140/90 mmHg bzw. für Diabetiker <140/80 mmHg, nur von 57% aller Patienten in EUROASPIRE IV erreicht, wie nachträglich berechnet wurde. „Das sollte uns zu denken geben“, mahnt Standl.

53% der Studienteilnehmer mit Diabetes hatten einen HbA1c-Wert unter 7,0% und 35% <6,1%. Die Vorgabe für das Gesamtcholesterin, <4,5 mmol/l, konnten nur 61% der Patienten in EUROASPIRE IV erfüllen, und nur 58% hatten das angestrebte LDL-Cholesterin <2,5 mmol/l. Das ist umso erstaunlicher, weil die meisten Studienteilnehmern (87%) unter lipidsenkender Therapie standen; so erhielten 86% (Deutschland: 83%) Statine. Aber selbst unter Statintherapie schafften nur 66% (Deutschland: 58%) beim Gesamtcholesterin sowie 63% (Deutschland: 52%) beim LDL-Cholesterin das Therapieziel.

„Dass trotz Statintherapie nur jeder zweite deutsche Patient seine Zielwerte erreichte, lässt auf die Verordnung zu niedriger Statindosen schließen“, bestätigt Standl auf Nachfrage von Medscape Deutschland. „Das ist vermutlich der hohen Sensitivität der deutschen Patienten und ihren Ängsten vor unerwünschten Wirkungen auf die Muskulatur geschuldet.“ Standl rief deshalb seine ärztlichen Kollegen dazu auf, „lieber erst einmal die Statindosis zu optimieren als über Kombinationstherapien von Statinen mit anderen Lipidsenkern nachzudenken.“

Referenzen

Referenzen

  1. European Society of Cardiology: ESC Congress 2013 - 31. Aug. bis 4. Sep. 2013 Amsterdam/ Niederlande 
    http://www.escardio.org/ESC2013
  2. EUROASPIRE IV:
    http://www.escardio.org/about/press/press-releases/esc13-amsterdam/Pages/euroaspire-iv-success-challenges-secondary-prevention-CVD-europe.aspx

Autoren und Interessenkonflikte

Simone Reisdorf
Es liegen keine Interessenkonflikte vor.

Standl E: Es liegen keine Angaben zu Interessenskonflikten vor.

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